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Kommentar
OMR: Schocktherapie für die Menschenphobie

Dies ist der ganz persönliche OMR-Rückblick von W&V-Chefredakteurin Verena Gründel. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn er wurde unter akutem Schlafmangel im Flieger zwischen Hamburg und München verfasst. 

Text: W&V Redaktion

19. Mai 2022

Auch wenn der AR-Filter "Crying" am Snapchat-Stand anderes vermuten lässt – Verena Gründel hatte eine gute Zeit auf der OMR.
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Ich weiß nicht, ob ihr es schon wusstet: Corona ist vorbei. Ein Hamburger Taxifahrer hat es mir erzählt. Auch ich war erstaunt, aber es stimmt. Er muss es wissen, schließlich ist er einer der wenigen Hamburger Taxifahrer:innen, die die Pandemie überlebt haben. Endlich zieht sein Business wieder an, jubelte er. Aber viele seiner Kolleg:innen sind nicht zurückgekehrt. Was zu mittleren bis großen Mobilitätsengpässen geführt hat, als diese Woche 70.000 vermeintliche Onlinemarketing-Expert:innen anlässlich der OMR die Stadt überfluteten und zwischen Partys hin und her kutschiert werden wollten. 

Im Gegensatz zu den Taxlern war die Zahl der OMR-Gäste größer als jemals zuvor. Drei Jahre stand die ganze Branche in den Startlöchern und schien nur darauf zu warten, sich endlich wieder durch überfüllte Messehallen zu drängeln, in endlosen Kloschlangen von einem Bein aufs andere zu treten und sich bei überlauten Standpartys gegenseitig anzuschreien. Und das ohne Coronatest, ohne Maske und ohne Abstandsregeln. Welch ein Glück. 

Wer dachte, die letzten OMRs waren schon voll und chaotisch und wahnsinnig, hat gelernt: Da ging noch was. Mehr Hallen, mehr Aussteller, mehr Stars, mehr Bands und vor allem mehr Leute. Nach zwei Jahren Massenveranstaltungsabstinenz und vorsichtiger Distanz war OMR die Schocktherapie für die Menschenphobie.

Schöne Menschen in limitierten Sneakern

Und so lagen sich die Gäste in den Armen, weil sie sich seit Jahren nicht gesehen oder überhaupt bisher nur digital getroffen hatten. „Du bist ja in echt viel größer als ich dachte.“ Remote zusammengerecruitete Teams meeteten zum ersten Mal persönlich. Und auch als Datingplattform dürfte die OMR getaugt haben. Endlich wieder Offlinedating.

Hier muss ich erwähnen, dass der Anteil an schönen Menschen weit überdurchschnittlich ausfiel. Und instatauglich gestylt waren sie auch noch. Klar, alle hatten drei Jahre Zeit, sich Gedanken über ihr Outfit zu machen. Endlich die Gelegenheit, Jogginghose und Schlappen gegen den neuen Oversizeblazer und die limitierten Sneakers zu tauschen. Letztere müssen übrigens längst nicht mehr weiß sein. Alle Farben sind erlaubt. Jeder Schuhshop wäre neidisch auf diese Sneakers-Vielfalt.

In klassischen schwarzen Lederschuhen traute sich nur Tina Müller auf das Event. Sie repräsentierte die Minderheit der junggebliebenen Frauen über 50. An Frauen generell mangelte es der Veranstaltung nicht. An Altersvielfalt schon. Vollständig ergraute Herren, die ihre Füße ebenfalls in Sneakers steckten, um nicht aufzufallen, entdeckte man immer mal wieder. Ladies 50 plus — (fast) Fehlanzeige. 

Vielleicht hatten die aber auch einfach keine Lust, bei einem B2B-Event im Gedrängel vor der Conference Stage auf Tuchfühlung mit schwitzenden Hipstern zu gehen. Oder beim Mittagessen 90 Minuten für eine überteuerte Quinoabowl anzustehen. Völlig unverständlich!

Oder aber sie ahnten bereits, dass den Standpartys nach 30 Minuten nicht nur das Bier ausgehen würde (auch die Messecaterer saßen schnell auf dem Trockenen), sondern dass auch die Stimmbänder und die Deos langsam versagten.

Quentin Tarantino hält sich nicht für eine Brand

Aber was war eigentlich mit dem inhaltlichen Angebot? Also mit dem, weswegen wir alle dort waren (nicht)?

Ashton Kutscher war inspirierend, kompetent und hat Frauen- wie schwule Männerherzen höherschlagen lassen. Das habe ich zumindest gehört. Denn ich bin nicht mehr reingekommen – die Halle war voll. Quentin Tarantino dagegen trat erfrischend nerdy auf – nicht nur, weil er sich selbst nicht für eine Brand hält (süß!) – er kam auch einfach nicht zum Punkt.

Ein Erlebnis war er in jedem Fall. Ein Erlebnis, das ich mir hat erkämpfen musste. Nicht wegen des Gequetsches am Eingang, als endlich die Türen zur Konferenzhalle wieder öffneten. Die eigentliche Tortur waren die zwei Hiphop-Keynotes, die vor dem Hollywoodstar im Programm standen. Ich meine nicht Tina Müller und Shirin David — sie waren großartig. Nein, ich meine die Auftritte der zwei sich selbst am geilsten findenden, drübercoolen und inhaltsleeren Typen namens Xatar und Elvir Omerbegovic.

Wer wie Elvir (man duzt sich auf der OMR) auf dieser übertrieben großen Konferenzbühne vor 10.000 Gästen ein in Excel zusammengestöpseltes Balkendiagramm zeigt, das jeder Siebtklässler schöner hinbekommen hätte, und das kommentieret mit: „Sorry, ist etwas pixelig. Das hat mir ein Kollege eben per Whatsapp geschickt“ — dem attestiere ich ein deutlich überzogenes Selbstbewusstsein. Philipp, du solltest dein Geld zurückfordern. Oder mehr Geld verlangen – je nachdem, wer in dem Fall wen bezahlte. 

Überhaupt war nicht wirklich transparent, bei welchen Auftritten Geld in welche Richtung floss. Aber der Audience scheint es egal zu sein. Sie applaudiert besonders gern und laut bei Sätzen wie „Geht euren eigenen Weg durch“, „Die Deutschen sind viel zu langsam/investitionsscheu/ängstlich/…“ oder „Jeder muss sich mit Metaverse/NFTs/Krypto auseinandersetzen“. 

Tief in der Buzzword-Bubble

Wirklich neue Buzzwords gab es dagegen kaum. Schließlich sind wir alle schon so tief in die Buzzword-Bubble abgetaucht, dass uns Cookiekaplypse, Petfluencer oder Marketplaceification nur noch ein Schulterzucken entlocken. Und selbst wenn wir mal nicht mitreden können, täuschen geschickt gewählte anglizistische Floskeln über unsere Unwissenheit hinweg. Wir haben in drei Jahren OMR-Abstinenz eben doch nichts verlernt.

Und Philipp und sein Team auch nicht. Um Gegenteil. Sie haben das noch größere Event trotz ein paar verschmerzbarer Mankos souverän gerockt. Doch sie hatten auch Glück. Das erste Event nach langer Pause und Sehnsucht ist ein Selbstläufer, bei dem man nicht viel falsch machen kann. OMR hat für das Eventjahr 2022 vorgelegt und die Latte hoch angesetzt. Unterm Strich hatten alle (mit denen ich gesprochen habe) eine gute Zeit und nehmen Inspiration und Motivation mit heim. Und manche vermutlich auch Corona. Den meisten wird es die zwei Tage wert gewesen sein.


Autor: Verena Gründel

Verena Gründel ist seit Anfang 2021 Chefredakteurin der W&V. Die studierte Biologin und gelernte Journalistin schrieb für mehrere Fachmagazine in der Kommunikationsbranche, bevor sie 2017 zur W&V wechselte. Sie begeistert sich für Marken- und Transformationsgeschichten, hat ein Faible für Social Media und steht regelmäßig als Moderatorin auf der Bühne.

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