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HR-Studie
Bewerbungsprozess: Arbeitgeber reagieren viel zu langsam

Der Selektionsansatz im Bewerbungsverfahren hat sich auf die Kandidatenseite verlagert. Viele HR-Abteilungen erkennen dies aber nicht an und verhalten sich weiterhin, als hätten sie die Oberhand. Ein Beispiel sind lange Antwortzeiten.

Text: W&V Redaktion

3. August 2022

Manche Dinge, wie etwa eine kurze Eingangsbestätigung, könnten so einfach sein. Doch den HR-Abteilungen scheint nicht bewusst, dass sie nun die eigentlichen Bewerber:innen sind.
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Auf dem Arbeitsmarkt hat sich einiges verändert, doch Arbeitgeber hinken noch hinterher, dies auch anzuerkennen. Mussten sich früher die Bewerber:innen um die Gunst von Arbeitgebern bemühen, hat sich der Spieß mittlerweile umgedreht. Denn wie eine aktuelle Erhebung zeigt, werden Jobs heutzutage öfter von Bewerber:innen abgesagt, als von Arbeitgeberseite. Grund sind meist konurrierende Jobangebote. Heißt: Jobsuchende haben heute die Auswahl und nicht mehr andersherum. Dennoch scheint das vielen HR-Abteilungen noch lange nicht bewusst. Statt sich um die Talente zu bemühen, lassen sie diese - wie früher - sogar noch unnötig warten. Dies ist das Ergebnis derselben Umfrage, "Candidate Journey", der Königsteiner Gruppe, deren Ergebnisse nun häppchenweise veröffentlicht werden. 

20 Prozent sagten schon ab, weil der Auswahlprozess zu lange dauerte

Für den Bericht "Candidate Journey" befragte das Marktforschungsinstitut Respondi im Auftrag der Gruppe 1.000 Menschen, die sich in den letzten drei Jahren in einem Bewerbungsprozess befanden zu dessen Ablauf. Der Befragungszeitraum lag im Mai 2022. Alle Teilnehmer:innen waren zum Zeitpunkt der Befragung erwerbstätig – 81 Prozent in Vollzeit, 19 Prozent in Teilzeit. Der Befragung zufolge landeten sowohl die Eingangsbestätigung als auch eine Einladung zum Vorstellungsgespräch oder eine Absage viel zu spät im Postfach der Kandidat:innen. Die Einladung zum Job-Interview wünschen sich mit 74 Prozent beispielsweise fast drei Viertel der Talente nach spätestens zwei Wochen, was aber aktuell nur 58 Prozent der Unternehmen erfüllen.

Noch größer die Diskrepanz bei Absagen. Diese wünschen sich 72 Prozent der Bewerbenden ebenfalls nach zwei Wochen – eine Frist, die aber mit 32 Prozent nicht einmal ein Drittel der Arbeitgeber erfüllen. Acht Prozent der Bewerbenden mussten bei ihrer letzten Bewerbung sogar länger als zwei Monate auf eine Absage warten. Die lange Leitung kann schwerwiegende Folgen für die Mitarbeitersuche haben, denn mit 21 Prozent hat mehr als jede:r fünfte Bewerbende bereits von sich aus einmal eine Stelle abgesagt, weil der Auswahlprozess zu langwierig war.

Selbst automatisierte Eingangsbestätigungen kommen teilweise zu spät

Eine einfache Eingangsbestätigung wünschen sich 92 Prozent der Bewerbenden spätestens nach einer Woche, was immerhin 71 Prozent der Arbeitgeber tatsächlich erfüllen. Allerdings: Selbst die Unternehmen, die in ihrer Bewerberkommunikation auf automatisierte Antworten setzen, erreichen die gewünschte Reaktionszeit der Bewerbenden nur in 72 Prozent der Fälle. "Wir erleben gerade einen Bewerbermarkt, in dem die Arbeitgeber im Vergleich mit den Talenten in der schwächeren Position sind. Aktuell 900.000 unbesetzte Stellen in Deutschland sprechen da eine deutliche Sprache. In dieser Konstellation kann sich kein Arbeitgeber mehr eine unverbindliche und verschlafene Bewerberkommunikation leisten. Unsere Zahlen zeigen, dass das offenbar noch nicht in allen Unternehmen angekommen ist", so Nils Wagener, Geschäftsführer der Königsteiner Gruppe.

Dazu passen auch anderen Ergebnisse der Befragung, wie etwa, dass mit 54 Prozent mehr als die Hälfte der Befragten in ihrem letzten Bewerbungsprozess Anlass zur Kritik fanden. Dabei nannten sie mit 29 Prozent einen zu langen Prozess am häufigsten. Gleich darauf folgten Kritikpunkte wie intransparente Entscheidungen mit 21 Prozent, unpersönlicher Kontakt mit 17 Prozent sowie ein nicht mehr zeitgemäßes Verfahren mit 14 Prozent. Interessant: einer anderen Erhebung, der HR Benchmark 2022, zufolge, haben die Unternehmen in den vergangenen beiden Pandemiejahren ihre Prozesse ordentlich aufgerüstet.

Bewerbende wünschen sich Feedback in Echtzeit

Grundsätzlich wollen Talente während des Bewerbungsprozesses auf dem Laufenden gehalten werden. 87 Porzent der Teilnehmenden an der Befragung finden es wichtig, über den Status ihrer Bewerbung informiert zu sein – 40 Prozent finden das sogar "sehr wichtig". Weitere 59 Prozent wünschen sich sogar, aktiv nach ihrem Feedback zum laufenden Verfahren gefragt zu werden, um so in Echtzeit eine Rückmeldung geben zu können, ob dieses so läuft, wie sie es sich vorstellen. "Der Anspruch der Talente steigt weiter an. Der Selektionsansatz im Bewerbungsverfahren hat sich auf die Kandidatenseite verlagert. Das führt zu einem anspruchsvollen Verhalten schon während des Kennenlernens im Bewerbungsprozess", so Nils Wagener.


Autor: Marina Rößer

hat lange in einem Start-Up gearbeitet, selbst eines gegründet und schreibt für W&V derzeit als Digital Nomad von überall aus der Welt. Sie liebt alles Digitale, gestaltet, fotografiert und kocht aber auch gerne.

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