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Covid-19-Pandemie
2021 wird das Endspiel für Freelancer

Selbstständigkeit ist taff. Nach der Corona-Krise werden es Freelancer allerdings noch schwerer haben, glaubt Lars Kreyenhagen, Gründer der Recruiting-Boutique Markenpersonal. Wie sich Freie jetzt aufstellen sollten.

Text: W&V Redaktion

11. September 2020

Lars Kreyenhagen findet: Selbstständige müssen sich jetzt klarer profilieren und auch mal "Nein" sagen.
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Mehr Freiheit, mehr Abwechslung und räumliche Ungebundenheit. Das Arbeitsmodell Freelancer versprach lange Zeit berufliche und finanzielle Autonomie - vor allem in der Kreativbranche.

Vor der Pandemie war die Stimmung bei Freien und ihren Auftraggebern noch gut. Die Auftragslage florierte, wie unser Freelance Radar 2020 offenlegte, der aus einer Befragung mit 158 Freiberuflern und 103 Auftraggebern hervorging.

Bedarf Freelancer, Auszug aus Freelance-Radar 2020

Mit der Behaglichkeit ist es jetzt vorbei. Der Markt dreht sich. Wo vorher eine Balance aus Angebot und Nachfrage herrschte, sinkt nun der Bedarf nach freien Dienstleistungen. Zudem droht eine Entlassungswelle.  

Kündigungen bei Agenturen

Aufgrund der Corona-Pandemie werden allein im amerikanischen Agenturbetrieb 52.000 Stellen gestrichen, so prophezeit es das Marktforschungsinstitut Forrester.  

Unabhängig davon, wie sich die Zahl in Deutschland entwickelt, eines steht fest: Mehr Freie drängen auf den Markt und das bei sinkender Nachfrage. Eine Debatte um Preise und Rabatte kündigt sich an. Nur gut zu sein, reicht nicht. Man muss einen schärferen Fokusfilter für sich selbst entwickeln.

Der Großteil der Freelancer bietet nach unserer Umfrage mehr als die eigentliche Kernleistung an. So verwässert die eigene Expertise. 

Leistungsspektrum, Auszug aus Freelance-Radar 2020

Das wird sich nach der Krise rächen. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die eigene Positionierung kritisch zu hinterfragen und das Profil zu schärfen. Hier sind drei grundlegende Strategien, die dabei helfen, sich zu behaupten:

Überzeugender Ja zum Nein sagen 

Nach unseren Erhebungen planen 68 Prozent der Auftraggeber von Freien ihren Bedarf 1 bis 2 Wochen vorher, das heißt relativ kurzfristig. Mikromanagement verhindert richtiges Matching. Bei neuen Aufträgen findet beinahe ein Echtzeit-Recruiting statt. Nach dem Prinzip: Man findet schon zueinander, hat ja in der Vergangenheit auch geklappt.

Doch warum sollte ein Headline-Messias auch ein guter Editorial-Texter sein? Steckt in einer jungen Grafikerin automatisch eine exzellente Video-Editorin für Tik-Tok? Kann eine Digital-Strategin auch Markenberatung? Ein richtiges Match-Up bringt nur Gewinner im Spiel hervor. Beim lückenhaften Auswahlprozess treffen sich die beiden Parteien auf dem falschen Platz. Das führt zu mittelmäßigen Ergebnissen, unzufriedenen Kunden und bröckelnden Tagessätzen. Am Ende verliert dabei immer der Freelancer. 

Alles annehmen? Von dem Prinzip darf man sich verabschieden. Trotz steigenden Existenzdrucks. Freie werden in Zukunft noch mehr aufgrund von Spezialwissen, ihrer Inselfähigkeit oder frischen Impulsen beschäftigt. Nicht, weil sie das Schweizer Messer der Kreativität sind. Dabei ist es nicht Aufgabe der Agentur oder des Kunden, herauszufinden, ob man geeignet für das Aufgabenprofil ist.

Die Begründung liegt beim Freelancer selbst, der klare Argumente für und auch gegen seine Besetzung vorträgt. Erst, wenn man lernt, zu Aufgaben Nein zu sagen, sagt man Ja zu sich selbst. So entwickelt ein Freelancer eigene Standards. Nur wer Standards hat, weiß, wann sie unterschritten werden.

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Profil schärfen, mehr Sinn entdecken 

Warum ist man noch mal Freelancer geworden? Zeit für eine ehrliche Motivforschung. Wenn es die Abwechslung war: Warum bleibt man dann über Halbjahre hinweg nur einem einzigen Kunden treu? Wenn es um Anspruch und Inhalt ging: Warum beweisen viele Selbstständge räumlich wenig Flexibilität und wollen nur in Metropolen wie Hamburg, Berlin und München arbeiten? 

Eine effektive Methode, um seinen inneren Kompass neu auszurichten, ist die japanische Ikigai-Methode. Sie besteht aus den beiden Worten Iki = "Leben" und Gai = "Wert". In Teilen der japanischen Kultur geht man davon aus, der jeder ein Ikigai, einen Daseinszweck erfüllt.

Im Folgenden haben wir das Konzept stärker auf die Bedürfnisse eines Freelancers adaptiert. Die Ikigai-Methode setzt vier Dimensionen ins Verhältnis. Wofür man Geld verdient, was man kann, was man liebt und was die Welt oder Gesellschaft braucht. Im Grunde genommen geht es darum, Können und Leidenschaft ins Verhältnis mit dem Markt und dem gesellschaftlichen Wandel zu setzen. 

Bildet man etwa die Schnittmenge zwischen den eigenen Fähigkeiten und der Frage, wie man Geld erzielen kann, ergeben sich daraus marktnahe Services. Geld ist ein komfortables Ruhekissen, aber kein Glücksbringer. Deswegen geht es in den anderen Zirkeln darum, ein möglichst ausgewogenes Bild der beruflichen Existenz zu zeichnen.

Verbindet man etwa die Punkte Talent und Begeisterung miteinander, dringt man in den nerdigen Bereich vor, der einen persönlich erfüllt, aber in dem wahrscheinlich wenig Nutzen für andere liegt. Im Sektor zwischen Leidenschaft und einem gesellschaftlichen Bedarf besteht die Möglichkeit, eine Haltung oder Ideale auszubilden. Im letzten Feld des Entrepreneurship könnte man sich die Fähigkeiten eines Elon Musk vorstellen, der durch Elektroautos den gesellschaftlichen Wandel vorantreibt und gleichzeitig kommerziell erfolgreich ist.

Ikigai für Freelancer, Auszug aus Freelance-Radar 2020

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Das Ziel ist es, sich aller Bereiche bewusst zu werden, Fragen zu stellen und die Antworten miteinander neu zu verknüpfen. Je mehr Bereiche man miteinander in Einklang bringt, desto näher kommt man der Arbeit, die nicht nur Brötchen verdient, sondern auch Sinn und Bedeutung schenkt. Schließlich ist man als Freelancer angetreten, weil es um etwas mehr als den Brötchenerwerb geht, oder?   

Wo der Fokus hingeht, folgt das Daily Business 

Wer ein klares Profil entwickelt, wandelt auch Selbstvermarktung in Selbstentfaltung. Die räumliche Flexibilität steigt. Zu viele scheuen sich vor Akquise und greifen fast ausschließlich auf bestehende Kontakte zurück. Aber wo bleibt die Lust nach Reibung, nach Initiative?

Wer nicht immer neu überzeugen will, ist von seiner Leistung nicht mehr überzeugt. Es geht nicht darum, ständig nervige PR-Momente zur eigenen Person zu kreieren. Wie zum Beispiel: Schau dir mal meine letzten fünfhundert Instagram-Stories zum Thema Clients from Hell an. Aktivität heißt nicht Lautstärke. Es geht darum, sein eigenes Schaffen als Freelancer zu transzendieren und in Substanz aufgehen zu lassen. Etwa Fachbeiträge in Blogs zu schreiben, an Workshops teilzunehmen, Kurse zu geben, soziales Engagement zu zeigen, das SEO-Marketing zu verfeinern, Agenturen auf besondere Leistungen hinzuweisen, das Gespräch zu suchen. Wo der Fokus hingeht, folgt das Daily Business.  

Selbstständigkeit ist kein Modus für Unentschlossene. Ein Freelancer bringt immer mehr mit zur Arbeit: Nicht nur die Leistung, sondern eine ganze Existenz. Ein Mindset. Eine Bereitschaft, sich stets zu hinterfragen. 2021 wird ein Endspiel für die meisten Freiberufler werden. Wer das weiß und jetzt schon sein Profil für die Zukunft festigt, wird gestärkt aus der Krise hervorgehen. 

Alles zur Coronakrise in der Branche lesen Sie hier:

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Autor: W&V Leserautor

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