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Kolumne Markenlage
Agentur-Purpose: Lasst uns mehr Gotlandschaf sein

Kolumnist Mike Kleiß ist selbst CEO und Gründer einer Agentur. Täglich stellt er sich die Frage nach dem Zweck, dem Ziel, der Bestimmung, der Aufgabe - schlussendlich der Haltung. Und dem Verhältnis Kunde-Agentur.

Text: W&V Redaktion

24. November 2020

Gotlandschaf
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Es ist einer dieser langen Spaziergänge mit meinen drei Hunden am Meer. Während sie sorgenfrei am Strand toben, schalte ich mein Handy aus. Seit einiger Zeit ein Ritual, einfach um wirklich raus zu sein. Entweder ich gehe eine Runde laufen oder es ist eben der lange Spaziergang. Egal ob laufend oder als Spaziergänger, ich komme auf dem Rückweg immer an einer kleinen Schafherde vorbei. Es sind wunderschöne Schafe, schwarze Schafe, genauer gesagt: Gotlandschafe, eine Hausschafrasse aus Schweden.

Nun sind schwarze Schafe ja nicht unbedingt ein Zeichen für Leben, Aufbruch und Hoffnung. Schwarze Schafe sind eher das Synonym für Außenseiter oder gar Trottel und Verlierer. Für mich sind sie das so gar nicht. Ich fühle sie. Ich fühle sie so sehr. Nur weil sie schwarz sind, sind sie vielleicht nicht so praktisch. Weil sie schwarz sind, haben sie das Image, sperrig zu sein - oder einfach anders. Die schwarzen Schafe auf meinem Spaziergang sind extrem neugierig, sehr sozial, klug. Sie werden unfassbar kreativ, wenn es sein muss und sie machen auf sich aufmerksam. Ja, irgendwie vertraue ich ihnen sogar. Ich sehe und höre ihnen sehr gerne zu. Sie machen einen unfassbar netten und freundlichen Eindruck. Alles so viel besser als ein schnödes weißes Schaf. Zudem sind Gotlandschafe mittelgroß, sie gelten als genügsam, robust und wetterhart. Vielleicht sind sie mir auch deshalb so nah, irgendwie. Ich weiß, dass viele Agentur-Inhaber und Geschäftsführer (aber auch ihre Mitarbeiter) im Grunde ähnlich ticken wie ich.

Sind wir nicht alle ein wenig Gotlandschaf? Sind wir nicht alle sehr gerne ein wenig schwarze Schafe? Und finden wir nicht, dass wir das auch sein müssen? Ein bejahendes „Mähhh“ höre ich jetzt von vielen, die diese Kolumne lesen. Aber mal ehrlich: Sind wir es wirklich? Oder wären wir es nur gerne? Wir empfehlen unseren Kunden: „Wichtig ist der Purpose! Ohne Purpose kein Erfolg! Findet den Purpose, wenn ihr keinen habt. Denn sonst seid ihr einfach nur beliebig.“ Aber: Haben wir selbst einen? Und vor allen Dingen: Trauen wir uns, einen Purpose zu entwickeln, ihn nach außen und nach innen auch zu leben? Und zu den ganzen Fragen habe ich einen verwegenen Traum: Jede Agentur soll und muss ihren eigenen Purpose haben, klare Sache. Zudem haben wir alle aber auch einen, der uns alle verbindet. Etwa wie: „Wir bewegen Großes. Gemeinsam. Aber: Auf Augenhöhe mit dem Kunden.“

Was steckt hinter diesem Traum? Eine ganz einfache Sehnsucht: Noch weniger alleine nur Dienstleister zu sein, fair bezahlt zu werden, nicht ohne Pitch-Honorar arbeiten zu müssen, ernstgenommen zu werden, nicht die billige Ausrede zu sein nach dem Motto: "Die Agentur hat aber gesagt...". Die Sehnsuchtsliste ist endlos. Wir alle kennen diese schier endlose Liste, wir alle trauen sie uns jedoch nur mehr oder weniger vorzulesen. Wir raten Kunden lieber zum Purpose, als unseren eigenen zu leben. 

Zugegeben: Es ist ein schmaler Grat zwischen dem akzeptierten Dasein als Dienstleister und dem Leben als Gotlandschaf. Schaf zu sein, bedeutet Mut zu haben. Absurd, ist aber so.

Was für ein Glück! Viele unserer Kunden mögen uns, weil wir Gotlandschafe sind. Das ist für den ein oder anderen Marketing-Vorstand oder den CEO anstrengend. Gerade kürzlich haben wir die Gotlandschaf-Karte gespielt. Und sind kaum auf das Briefing des Kunden eingegangen, haben sogar die Anforderungen bewusst nicht erfüllt. Frech! Keck! Nicht weil wir den Purpose haben "Wir sind Gotland-Schafe!", sondern weil wir unser sicher waren: Dieser Kunde kann viel mehr. Wir haben ihn eingeladen, Teil der "schwarzen Herde" zu werden. Mit uns "out of the box" zu denken. Siehe da: Der Kunde hat uns nicht nackt geschoren und anschließend geschlachtet. Im Gegenteil: Nach dem ersten Stromschlag am Elektrozaun hat er uns laufen lassen. So dass wir die Freiheit haben, ihm zu zeigen, dass eine andere Weide viel saftiger für ihn werden kann.

Allerdings müssen wir nun auch liefern. Fair enough. Die Wiese, die wir in Aussicht gestellt haben, muss grüner sein. Das Gras muss schmecken, am besten scheint auch die Sonne immer. Jeden Tag. Dieser, und viele andere Kunden, vertrauen uns. Obwohl oder gerade weil wir keine weißen Schafe sind. Das haben wir uns hart erarbeiten müssen. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder das Gotlandschaf in uns sieht. Auch wir fragen uns regelmäßig: Warum beauftragt man uns als schwarzes Schaf, wenn man doch eigentlich ein weißes will? Eines, das gehorcht. Still das Gras frisst, das man ihm vorwirft. Brav seinen Dienst tut, bis man es schlachtet. Und das nächste Schaf geholt wird. 

Natürlich wird das auch dem Gotlandschaf eines Tages passieren, weil Kunden oder Agenturen neuen und frischen Wind brauchen. Aber in der Zeit, die man zusammen hat, ist ein Miteinander auf Augenhöhe ein absolutes Muss. Respekt hat jeder Kunde verdient - und jeder Agentur-Hirte. Vielleicht brauchen wir endlich einen gemeinsamen Purpose, um gemeinsam besser zu werden. Für ein solidarisches Miteinander. Kunden und Agenturen auf einer gemeinsamen grünen Wiese, Seite an Seite. Dieses Bild würde ich gerne gedanklich beim nächsten Spaziergang sehen.  


Autor: Mike Kleiß

Mike Kleiß ist Gründer und CEO der Kommunikationsagentur GOODWILLRUN. Für Focus-Online schreibt der passionierte Läufer als Kolumnist, in seinen Podcasts spricht er über Hunde und Fussball. Als Kommunikations-Stratege berät er internationale Marken. Der gelernte Journalist lebt für Marken und Medien, und darüber schreibt er regelmäßig bei W&V.

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