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Kreativpreise
Grabarz & Partner legt 2021 eine Awardpause ein

Die Hamburger Agentur hinterfragt Prozesse und Strukturen, weil Corona die Arbeitsweise der Agentur ohnehin verändert habe. Darauf will sich Grabarz & Partner konzentrieren und reicht deshalb 2021 nicht ein.

Text: W&V Redaktion

10. September 2020

Agenturtag 2018: Ralf Heuel und Felix Fenz inmitten der Kolleg*innen.
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Ralf Heuel sieht es als Gesprächsangebot. "Wir sollten spätestens jetzt darüber nachdenken, wie relevant und aussagekräftig Kreativ-Rankings in der aktuellen Zeit noch sind", sagt der Kreativgeschäftsführer von Grabarz & Partner in Hamburg. Mit seinem Kollegen Felix Fenz, ebenfalls Kreativgeschäftfsführer der inhabergeführten Agentur, hat er Donnerstagabend in einem Teams-Call verkündet, Grabarz werde im kommenden Jahr bei keinem Kreativ-Award einreichen. Die beiden wirken ziemlich entspannt. Dabei ist es das erste Mal, dass die Hamburger eine Pause einlegen. Die Entscheidung hat schon eine gewisse Tragweite. Und wie es danach weitergeht, ist offen.

Anlass dazu gibt, natürlich, Covid 19. Die Pandemie hatte Heuel schon im Frühling dazu bewogen, die Top 20 der deutschen Kreativagenturen anzuschreiben und zu fragen, ob sie es dieses Jahr nicht lieber - wie sie selbst - mit einer Award-Abstinenz halten wollten, sofern sie nicht bereits Arbeiten für einzelne Festivals abgegeben hätten. Die meisten haben daraufhin alle weiteren Einreichungen gestoppt. Das Fachblatt "Horizont" wird deshalb kein Kreativ-Ranking veröffentlichen, W&V bringt es Ende des Jahres in reduzierter Form. In einer Zeit, in der Agenturen Kurzarbeit machen, gar Leute entlassen müssen, hatten die Firmen zweifellos andere Sorgen.

Corona hat Agenturen neu definiert

Heute liegt die Sache nochmal anders. Denn mit Corona haben Deutschlands Agenturen sich verändert, ihre Arbeitsweise, ihr Selbstverständnis und verstanden: Es funktioniert ja zum Beispiel mit dem viel diskutierten Home Office. "Für uns ist es deshalb angesagt, 2021 die ganze Energie darauf zu verwenden, unsere Strukturen und Prozesse neu aufzusetzen", sagt Heuel. Daher der Aussetzer. "Awards binden Energie." Ein willkommener Anlass, mit Nachdruck nochmal das ganze Ranking-System in Frage zu stellen. Ralf Heuel galt da schon immer als kritisch, selbst als seine Agentur den ersten Platz im W&V-Kreativranking belegte. Zuletzt lagen Sie auf Rang acht.

Doch will Grabarz & Partner - die wie alle unter der Coronakrise zu leiden haben - nicht einfach Geld sparen? Natürlich, stimmt Heuel zu, sei das Finanzielle ein Aspekt, mehr aber noch der zeitgemäße Umbau der Agentur. Und was ist mit dem PR-Effekt von Awards nach außen und innen? "Das müssen wir aushalten", sagt Fenz. "Wir machen ja auch weiterhin geilen Scheiß; da draußen wird man keinen Unterschied merken." Die gesamte Agentur stehe hinter dem Schritt. Von oben diktiert sei das nicht.

Hilfe aus Holland

Heuel zitiert jetzt aus einem Brief, den er an die Belegschaft geschrieben hat. Grabarz, so der Kreativchef, habe bereits Ende 2019 begonnen, mit "GP North" einen internen Restrukturierungs­prozess aufzusetzen, um schneller, effizienter, moderner und kreativer zu werden. Covid 19 und damit einhergehende Veränderungen hätten für alle die Dringlichkeit nochmals erhöht. "Wir werden unsere Arbeitsweise einer neuen Welt und Wirtschaftswelt anpassen: Wie arbeiten wir? Wo arbeiten wir? Wie schaffen wir es, Kreativität in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen? Wie stellen wir unsere Kultur sicher?" Dabei unterstütze sie eine externe niederländische Beratungsfirma, die auf "Learning" und "Change-Prozesse" spezialisiert sei. Kessels & Smit ist ihr Name.

Wie die Pläne nun konkret aussehen, wissen die beiden freilich nicht zu sagen, denn das Ganze entsteht ja erst. Und zwar, wie sie betonen, in einem "Bottom-Up-Prozess": "Uns ist wichtig, dass das auf konkreten Projekten passiert und im Arbeitsalltag", sagt Fenz. "Wir probieren vieles aus und messen die Ergebnisse."

Erste Ideen, wie man arbeiten könnte

Klar ist schon: Ideen lassen sich künftig mit hybriden Off- und Online-Formaten entwickeln, damit, wie Heuel sagt, "Kollege Zufall" auch ein Wörtchen mitreden kann. Es wird weniger Dienstreisen geben, vielleicht benötigt Grabarz auch weniger Bürofläche. Die Idee, dass Hunderte von Menschen an einem Ort zum Arbeiten zusammenkommen, sei ja in der Industrialisierung entstanden. "Aber heute stehen in unserer Agentur keine Webstühle mehr, sondern Laptops, und wir können von überall arbeiten." Die Frage ist also: Wie gestalten wir eine Agentur als hybriden Wirkungssort?

Wie auch immer: Die Award-Industrie gerät damit jedenfalls weiter unter Druck. Sollten sich auch andere Agenturen, etwa die Networks, 2021 gegen eine Teilnahme an Awards entscheiden, dürfte die Konsolidierungswelle weitergehen und womöglich selbst Kreativrankings irgendwann einmal obsolet werden. Ralf Heuel erwartet heftige Debatten. "Aber früher war nicht alles besser. Wir freuen uns darauf, die kommende Zeit neu zu denken."

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Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er interessiert sich für alles, was Werber:innen unter den Nägeln brennt, in Beratung, Strategie und Kreation. Besonders innovative Agenturmodelle haben es ihm angetan. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LGBTI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine. Vielleicht ist er deshalb auch Diversity-Beauftragter der SWMH geworden, der die W&V angehört.

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