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Gastbeitrag
Gratis-Mangas und Coupons: Japan in der Coronakrise

Wir schauen nach Japan. Shingo Inoue von der Peter Schmidt Group lebt in Tokio und beobachtet, dass die Menschen immer noch zu Großevents pilgern, aber trotzdem schon Blumen per Youtube verkaufen. 

Text: W&V Redaktion

3. April 2020

Das öffentliche Leben in Tokio wird langsam runtergefahren.
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Die Welt steht Kopf. Die Coronakrise beschert allen Ländern ähnliche Probleme. Doch wie sie damit umgehen, das unterscheidet sich von Land zu Land. Es sagt viel über die Mentalität und die Regierung aus - und es ist einfach wahnsinnig spannend. Aus purer Neugier, aber auch weil man viel für seine eigene Situation daraus lernen kann.

Heute blicken wir nach Japan. Wie geht Japan mit der Krise um? Wie reagieren Marken auf die Situation? Und wie verhalten sich die Menschen? Shingo Inoue, der das Büro der Agentur Peter Schmidt Group in Tokio leitet, stellt Parallelen zum Umgang in Europa fest. Manches ist aber „typisch japanisch“. Seine Beobachtungen:  

1. „Business as usual“ – oder doch strengere Regeln? 

Europäer dürfte es erstaunen, dass viele Einschränkungen des täglichen Lebens in Japan weiterhin auf freiwilliger Basis passieren: Bis heute gibt es von unserer Regierung nur „Empfehlungen“ – ob die Schulen nach den derzeitigen Frühlingsferien wieder geöffnet werden, bleibt eine Entscheidung der einzelnen Regionalregierungen. Bei Sportveranstaltungen entscheiden die jeweiligen Verbände, ob Wettkämpfe weiterhin stattfinden und auch die meisten Geschäfte bleiben geöffnet. 

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Generell ist mein Eindruck, dass viele Menschen die Situation noch nicht als gefährlich wahrnehmen. Die Pandemie kommt erst langsam in den Köpfen an – und unsere Regierung leistet hierzu einen Beitrag: Lange Zeit hat sie versucht, den Optimismus zu wahren, dass die Olympischen Spiele in Tokio wie geplant stattfinden können. Das hat mich irritiert. Noch vor zehn Tagen sind 50.000 Menschen zur Ankunft des Olympischen Feuers gepilgert und an der Kirschblüte erfreut man sich auch in diesem Jahr. 

Immerhin: Am vergangenen Mittwoch hat die Gouverneurin von Tokio die Bevölkerung aufgefordert, am Wochenende besser zuhause zu bleiben. Denn die Zahl der Infizierten steigt signifikant. #flattenthecurve wird auch bei uns zum Thema. Tatsächlich scheint der Appell gewirkt zu haben: Es wurden Bilder veröffentlicht, die die Dichte von Menschenansammlungen zeigen. In den typischen Ausgehbezirken der Stadt hat diese abgenommen – auf dem Bild hier in blau dargestellt. In den Wohngebieten ist die Dichte gestiegen – das sind die orangenen Punkte. Fairerweise muss ich aber auch sagen: Am Wochenende hat es bei uns geschneit und viele Tokioter hatten schlicht keine Lust, die Wohnung zu verlassen.

Die Grafik zeigt die Verteilung der Menschen in der Stadt Tokio: Blau bedeutet, die Dichte hat abgenommen. In den orangefarbenen Gebieten hat die Dichte zugenommen.

Auch für das kommende Wochenende wurden die Einwohner aufgefordert, zuhause zu bleiben und dementsprechend haben viele Geschäfte angekündigt, dass sie nicht öffnen werden. Aber dies betrifft eben nur das Wochenende: Von Montag bis Freitag geht das Leben hier weiterhin seinen gewohnten Gang. Selbst die Karaoke-Bars und Amüsierlokale mit Hostessen bleiben geöffnet, auch wenn die Gouverneurin auf das Risiko in diesen hingewiesen hat.  

2. Mit Coupons gegen die Krise

Auch wenn das Leben scheinbar weitergeht: Gastronomen spüren drastische Umsatzeinbußen. Sei es, weil Touristen aus China ausbleiben oder weil Einheimische sich den Abend in geselliger Runde derzeit lieber verkneifen. Schon bevor ich erfahren habe, dass ähnliche Initiativen auch in Deutschland gestartet wurden, gab es in Japan eine Website, über die man Restaurantgutscheine kaufen kann: Über „Kitchhike“ kann man seinem Lieblingslokal helfen, die schwierigen Zeiten zu meistern – und den Gutschein erst später einlösen. 

3. Mangas „for free“

Einer der bekanntesten japanischen Manga-Titel, „One Piece“ aus dem Verlag Shuei Sha, ist für die Dauer eines Monats gratis als E-Book verfügbar. Anlass war, dass viele Schulen schon vor den Frühlingsferien geschlossen wurden und Kinder dankbar für jede Unterhaltung waren. Auch wenn viele andere Anbieter mittlerweile mit ähnlichen Angeboten nachgezogen sind, so hat sich die Aktion vor allem für Shuei Sha als PR-Maßnahme bezahlt gemacht: Wer als erstes die Idee hatte, erhält hierfür die volle mediale Aufmerksamkeit.

4. Neue Vertriebswege suchen

Auch in Japan ist in vielen Branchen die Nachfrage schlagartig auf Null gesunken. Dies betrifft auch einen Geschäftszweig, den es in dieser Form in Deutschland nicht gibt: Unternehmen, die mit ihren Lebensmitteln fast ausschließlich Bildungseinrichtungen beliefern. Nachdem viele Schulen geschlossen wurden, suchen diese Firmen nach neuen Vertriebswegen – denn eigentlich bieten sie ein Produkt, das gerade in Krisenzeiten gut ankommen sollte: vorkonfektionierte, ausgewogene Mahlzeiten.

Das japanische Landwirtschaftsministerium (Ministry of Agriculture, Forestry and Fisheries) hat daher eine Initiative gestartet, um für dieses Angebot neue Kunden zu gewinnen. Dies erfolgt über einen Online-Shop und den finanziellen Support des Geschäftsbetriebs: So trägt das Ministerium beispielsweise die Kosten für den Betrieb der Plattform und ermöglicht versandkostenfreie Lieferung. 

5. Improvisationskunst in sozialen Netzwerken

Im Zweifel einfach loslegen! Auch in Japan ist jetzt die Zeit, in der es erlaubt ist, neue Formate auszuprobieren und ohne lange Abstimmungsprozesse an den Start zu bringen. Wieder zeigt das Landwirtschaftsministerium, wie es geht: Junge Mitarbeiter haben einen Youtube-Kanal gestartet, um Blumen zu verkaufen. Denn: So viel Wert wir unter normalen Umständen auf Blumendekorationen legen – in Krisenzeiten finden Blumenhändler derzeit keine Abnehmer für ihre Ware. Die teilweise gespielte, teilweise unbeabsichtigte Komik, mit der die Mitarbeiter ihre Rolle als Influencer begreifen, lässt derzeit viele Menschen in Japan schmunzeln.

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6. Manchmal ist alles schon Routine

In vielen japanischen Unternehmen wird noch regulär in den Büroräumen gearbeitet. Nur wenige Angestellte haben die Möglichkeit, ins Homeoffice umzuziehen – dies war vor Corona schon so und hat sich nicht groß geändert. Nun arbeite ich jedoch für eine Agentur, deren Hauptsitz sich in Deutschland befindet. Dementsprechend bin ich es gewohnt, dass viele Abstimmungen per Videokonferenz stattfinden.

Auch unsere Kunden haben in den vergangenen Monaten die Möglichkeit genutzt, über die entsprechenden Tools mit Kollegen in Deutschland auszutauschen. Sie haben bereits die Erfahrung gesammelt, dass der virtuelle Austausch ebenso gut zu erstklassigen Ergebnissen führen kann, wie ein Treffen vor Ort. Diese Routine zahlt sich jetzt aus: Sie ist wertvoll, um in der aktuellen Situation Ruhe zu bewahren und weiterhin fokussiert arbeiten zu können.

Welche Auswirkungen hat all dies nun auf die Arbeit von Agenturen? Nun, aktuell fühlt es sich ein wenig so an, wie die Ruhe vor dem Sturm, und ich stelle fest, dass die Zahl der Werbespots für gemeinnützige Organisationen zunimmt – eine Situation, die mich an die Zeit nach dem letzten größeren Erdbeben erinnert.

Üblicherweise ist dies ein Zeichen dafür, dass Unternehmen ihre gebuchten Werbeplätze nicht abrufen, weil sie Angst haben, dass ihre Spots in der aktuellen Situation als unangemessen wahrgenommen werden. Und das, was in Deutschland schon seit einigen Wochen Normalität ist, ist bei uns noch eine Neuigkeit: Erst kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Kunden und mir wurde mitgeteilt, dass es im Unternehmen jetzt eine Anweisung gibt, bis auf Weiteres keine Meetings mehr zu vereinbaren. Es sind unsichere Zeiten – und ich denke, dass der Blick nach Europa einen Vorgeschmack darauf gibt, was uns in den nächsten Wochen auch in Japan erwarten könnte.   

Seit 2018 ist Shingo Inoue Japan-Repräsentant der Peter Schmidt Group und leitet den Standort in Tokio. An diesem betreut er unter anderem Kunden wie Panasonic, Henkel oder Pulze. Shingo besitzt zwölf Jahre Erfahrung in der Markenberatung und hat einen starken Bezug zu Europa: Sein Studium führte ihn nach Mailand ans Instituto Europeo di Design, im Anschluss arbeitete er zwei Jahre lang für die Deutsche Bank in Tokio.

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Autor: W&V Leserautor

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