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Verband
GWA bekommt Diversity-Ressort

Der Gesamtverband Kommunikationsagenturen löst den Bereich Diversity aus seinem Nachwuchsressort. Larissa Pohl übernimmt. Die Wunderman-Chefin gibt dafür sogar den Effie auf.

Text: W&V Redaktion

8. September 2020

Larissa Pohl hinterlässt einen sauber aufgestellten Effie, wie sie sagt, und widmet sich künftig lieber gesellschaftspolitischen Themen.
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Larissa Pohl hat die Lippenbekenntnisse satt. Beim Thema Gendergerechtigkeit, so die GWA-Vize, könne sie sich richtig in Rage reden. "Je älter ich werde, desto mehr bewegt mich das." Es regt sie auf, dass alle immer sagen: Man sollte, man müsste, man könnte mal - bei alledem, was da draußen passiert. Der GWA macht jetzt ernst. "Spät", wie Pohl zugibt, aber konsequent.

Der Agenturenverband erhebt Diversity zum Vorstandsthema und schafft ein eigenes Ressort für "Gleichstellung, Diversität & Inklusion", dem Pohl selbst vorsteht. Bislang war Diversity im Bereich "Nachwuchs" angesiedelt, den Phillip Böndel, Geschäftsführer Beratung Digital von Butter, führt.

Diversity ist ein Wettbewerbsvorteil

Es geht um Gleichstellung (Recruitung, Karriereplanung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf) und darum, Diskriminierung von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters, körperlichen Vermögens, unterschiedlicher Herkunft, Religion, sexueller Orientierung und Gender-Identität etc. zu verhindern. Das freilich steht seit 2016 im Code of Conduct des Verbands. Vielfach, so Pohl, sei aber gar kein Bewusstsein dafür da, was gerade junge Menschen heutzutage als angemessen empfinden und was nicht.

"Der joviale Herrenwitz in der Tischrunde morgens, den ich als kleine Plannerin noch erlebt habe, weil das damals einfach dazu gehörte, geht heute absolut nicht mehr", sagt Pohl. Da habe sich der Kontext verschoben. Trotzdem seien viele Familien gerade in der Corona-Zeit wieder in alte Rollenmodelle zurückgefallen, der Vater im Home Office, die Mutter noch dazu bei den Kindern im Haushalt. Das findet Pohl bedenklich.

Tatsächlich ist Diversity inzwischen als Wettbewerbsvorteil von Unternehmen anerkannt, weil diverse Teams als kreativer gelten. Und auch weil der Nachwuchs lieber Firmen wählt, die sich fair gegenüber ihren Mitarbeiter*innen verhalten. Agenturen sind seit jeher divers aufgestellt, wie die Erfahrung lehrt, nur an der Spitze - da stehen oftmals ältere Männer. Auf die mensch wiederum in der Belegschaft selten stößt, weil dort vorwiegend junge Frauen sitzen.

Den Effie gibt Larissa Pohl ab

Erst vor wenigen Tagen hatte die von Sexismus-Vorwürfen getroffene Agentur Scholz & Friends einen Maßnahmenkatalog vorgestellt, um derlei in Zukunft zu verhindern. Der GWA reagiere aber nicht explizit auf diesen Fall, sagt Pohl. Der Verband beschäftige sich schon geraumer Zeit mit dem Thema. Die Suche nach geeigneten Lösungen dagegen hat, wie es scheint, gerade erst begonnen.

Wie sehr Diversity Pohl ein Anliegen ist, zeigt ihr Entschluss, das Effie-Ressort aufzugeben, das der Agenturfrau bislang oblag. Nach vier Jahren stehe der Effektivitätspreis "blitzsauber" da, wie sie sagt. Jetzt sei es Zeit für etwas Neues und beides zusammen gehe eben nicht. Wer Ende des Jahres das Effie-Ressort übernimmt, steht noch nicht fest.

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Auf dem Programm des neuen Ressorts stehen Schulungen und Workshops für Agenturen und deren Beschwerdestellen, wenn sich Mitarbeiter*innen entsprechend Paragraph 13 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes diskriminiert fühlen. "Wie gehen die Diversity-Beauftragten von Agenturen dann damit um?", fragt Pohl. "Wie ist die rechtliche Lage?" Hier wolle der GWA helfen.

Außerdem prüfen sie die Einrichtung einer externen Beschwerdestelle unter ihrem Dach, etwa in Zusammenarbeit mit einer Non-Profit-Organisation, die psychologische Beratung anbietet. Mitgliedsagenturen sollte der GWA zu diesen Angeboten möglichst verpflichten.

Schulungen, Workshops und eine Studie

Besonders ehrgeizig: Pohl will eine Grundlagenstudie aufsetzen, die anonymisierte Daten von Agenturmitarbeiter*innen wie Alter, Geschlecht, Herkunft, Gehalt, Karrierelevel, Voll-/Teilzeit, Kinder ja, nein, analysiert. Auf dieser Basis könnte der GWA dann einen Aktionsplan mit Zielen festsetzen, deren Erreichung Agenturen zum Erwerb eines Zertifikats berechtigt. Die GWA-Zertifizierung soll in Kooperation mit Marktforschungs- und Hochschulpartnern erfolgen. Soweit die Idee.

Immerhin: Für das alles gibt es sogar Budget. "Wir brauchen einen Plan und konkrete Ziele, um Diversität zu erreichen", sagt Pohl. Ohne Commitment gehe es nicht. Gegenwind erwartet Larissa Pohl übrigens keinen - zumindest nicht auf offener Bühne. Energie werde die Überzeugungsarbeit aber sicher dennoch kosten.


Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er interessiert sich für alles, was Werber:innen unter den Nägeln brennt, in Beratung, Strategie und Kreation. Besonders innovative Agenturmodelle haben es ihm angetan. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LGBTI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine. Vielleicht ist er deshalb auch Diversity-Beauftragter der SWMH geworden, der die W&V angehört.

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