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Shanghai Corona Days
Homeschooling in China: Zwischen Stille und Boykott

Stefan Justl von Storymaker China hat 45 Tage Corona-Schockstarre in Shanghai hinter sich. In Teil 4 seiner Kolumne schreibt er, wie die chinesischen Schüler versuchten, Homeschooling zu boykottierten.

Text: W&V Redaktion

6. April 2020

Viele Schüler in China mögen die Hone-School nicht – aber sie haben keine andere Wahl, denn Schulen bleiben weiterhin geschlossen.
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Heute war es wieder ruhig auf den Straßen von Shanghai. Normalerweise werde ich morgens auf dem Weg zur Arbeit rechts und links von Eltern überholt, die ihre Kinder mit dem Elektro-Scooter zur Schule fahren. Es ist ein Durcheinander, das auch einen geübten Fahrer einschüchtern kann. Doch jetzt fahre ich auf meinem Mobike durch ungewohnt leere Straßen.

Seit Wochen herrscht Stille. Ich komme an zwei Schulen vorbei, doch kein Kind ist in Sicht. Direkt neben unserem Büro ist eine Schule. Sonst ist da morgens immer Lärm und Gewirr. Vom Fenster aus sehen wir die Basketballplätze und können den Sportunterricht beobachten. Manchmal marschiert die Schule nach Klassen sortiert in Reih und Glied auf. Nichts mehr. Stille. 

Online-Unterricht bedeutet viele Überstunden

Denn auch in China haben die Schulen immer noch geschlossen. Nachdem die Ferien rund um das Chinese New Year verlängert wurden, haben die Schulen in Shanghai am 2. März ihren Online-Betrieb aufgenommen. Die Mutter meiner Kollegin Vera ist Lehrerin. Ihr Alltag hat sich komplett verändert. Ihre Schule hat für den Online-Unterricht eine Kombination aus Webseite und App ausgewählt. Die Lehrerinnen und Lehrer kannten die Technologie vorher nicht und hatten nur einen Monat Zeit, um die Plattformen selbst kennenzulernen und die Eltern in dem System zu schulen. Das ging nur mit vielen, vielen Überstunden und persönlichem Einsatz.

Lehrerin Yang gibt Onlineunterricht.

Betreut werden die Schüler heute hauptsächlich von ihren Großeltern. Das ist nichts Ungewöhnliches in China; Opa und Oma spielen eine aktive Rolle in der Erziehung. Anfangs waren auch noch die Eltern zuhause, doch mittlerweile haben viele Betriebe wieder geöffnet. 

Wie Schüler die Unterrichts-App aus dem Appstore verbannen wollten

Zuerst haben sich die Kinder, und auch manche Eltern, über die verlängerten Ferien gefreut. Die Home-School finden die meisten jetzt aber nicht so toll – und haben das auch schon in einer bemerkenswerten Aktion gezeigt: Die Schüler überfluteten die Unterrichts-App DigiTalk mit schlechten Bewertungen. Zu schlecht bewertete Apps werden aus dem Store entfernt. Keine App, kein Unterricht, so das Kalkül der Kinder. Zwischenzeitlich fiel die Bewertung von DingTalk so von 4,9 auf 1,4 Sterne.

Lehrerin Yang arbeitet mit den Schulkindern über eine digitale Bildungsplattform.

Die App reagierte und bat – flehte die Schüler in witzigen Social-Media-Posts geradezu an – sie besser zu bewerten. Die App gibt es noch, die Frustration der Schüler, dass sie zuhause bleiben müssen, allerdings auch. Viele finden es schwierig, sich zuhause so auf den Unterricht zu konzentrieren wie in der Schule, und vermissen ihre Freunde. 

Chinas digitale Bildung steckte in den Kinderschuhen

Viele der deutschen Expats schicken ihre Kinder auf die Deutsche Schule Shanghai (DSS). Die DSS hat für alle Klassen eigene One-Drive-Ordner erstellt, wo sämtliche Materialien, Links zu Lernplattformen und Erklärvideos, sowie Wochenpläne hinterlegt sind. Das ist allerdings für alle komplett neu, denn die Digitalisierung der Schule steckte vor der Krise noch in den Kinderschuhen. Die neue Technologie plus chinesische Firewall stellen gerade beim Zugriff auf die Lernforen oder beim Download von Materialien noch eine Herausforderung dar.

Hausaufgaben werden digital korrigiert.

Auch die Betreuung der Kinder zuhause ist für manche in der deutschen Community bis heute schwierig. Meist bleiben die Mütter zu Hause, arbeiten im Homeoffice oder haben eine Ayi, wie die Haushaltshilfen heißen, die die Kinder umsorgen. Manchmal teilt man sich die Betreuung auch mit Nachbarn oder Freunden und wechselt sich ab. Die meisten Eltern und Kinder wünschen sich allerdings, dass die Schule möglichst bald wieder beginnt. Denn die Schule hier bedeutet ja auch Hobby, Bücherei, Musikschule, Freizeittreff und Sportverein. 

Manchmal lernen die Nachbarskinder zusammen.

Universitäten verschieben Aufnahmetest

Ähnlich sieht es in der höheren Bildung aus. An den Universitäten finden keine Veranstaltungen statt und der Gaokao, der landesweite Aufnahmetest, wurde um einen Monat auf den 7. und 8. Juli verschoben. Der Gaokao ist in China sehr wichtig. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Studienplätzen, also gibt es landesweite Prüfungen, um die besten Studenten auszuwählen, die dann eine Unilaufbahn vor sich haben. Um auch Schülern in ländlichen Gebieten und mit schlechterer Internetverbindung die Vorbereitung zu ermöglichen, wurde das Datum des Tests nach hinten verschoben.

Ich vermisse den Trubel der Schulkinder. Auch wenn hier auf die Schnelle ein beeindruckender digitaler Sprung vollzogen wurde, sehnen sich Erwachsene und Kinder nach ihrem Alltag. Der hat sich in den letzten Wochen in vielen Lebensbereichen noch weiter digitalisiert. Im nächsten Beitrag geht es deshalb um die digitale Infrastruktur in China. Bis dahin, bleibt gesund!

Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtet er nun zweimal pro Woche auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort jetzt weitergeht. Den Pilot der Miniserie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu Teil 1Teil 2 und Teil 3


Autor: W&V Leserautor

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Einen davon haben Sie gerade gelesen.

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