Anzeige

Axel Wallrabenstein im Interview
"Ich war und bin ein Merkel-Fan"

Axel Wallrabenstein kennt die Kanzlerin seit den frühen 90ern. Der Publicis-Manager und PR-Strippenzieher nennt sich selbst "Fan", weiß aber um ihre Fehler. Ein Interview über politische Kommunikation und "Wir schaffen das".

Text: W&V Redaktion

30. Oktober 2018

Alte Bekannte: Axel Wallrabenstein (M.) mit der Kanzlerin.
Anzeige

Herr Wallrabenstein, Sie gelten seit vielen Jahren als der einflussreichste Merkelianer in der Berliner PR-Szene. Trifft die Beschreibung noch zu?

Ob der einflussreichste Merkelianer, weiß ich nicht. Aber ich war und bin ein Fan von ihr, ja.

Wie lange kennen Sie sich schon?

Schon als sie noch Bundesjugendministerin in Bonn war. Ich war damals Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, der spätere CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe Vorsitzender.

Die Flüchtlingskrise 2015 markiert den Wendepunkt in Merkels Kanzlerschaft. Der Satz "Wir schaffen das" hängt ihr in konservativen und AfD-Kreisen bis heute an. Hat die Kanzlerin damals gut genug kommuniziert?

Das war ein Einschnitt. Merkel hat sehr engagiert und schnell gehandelt und die Initiative ergriffen, als tausende Flüchtlinge durch Europa vagabundierten. Einige sagen sogar, sie habe die Ehre Europas gerettet. Auf jeden Fall hat sie das "C" im Parteinamen ernstgenommen. Die Kommunikation nach dem denkwürdigen Satz "Wir schaffen das"  - was hätte sie als Bundeskanzlerin auch anderes sagen sollen? - war sicher nicht optimal. Das ist leider nicht ihre Stärke.

Was hätte besser laufen können?

Am Ende muss man sagen, dass viele Leute sich doch überfordert fühlten bei aller Hilfsbereitschaft. Hunderttausende Menschen aus anderen Kulturen in nur wenigen Monaten aufzunehmen, das war schon eine echte Herausforderung. Man hätte klarer machen müssen, dass es schwierig wird, und die Koordinierung direkt in einer Hand bündeln müssen. Aber nachher ist man immer schlauer. Insgesamt hat es doch ziemlich gut funktioniert. Ohne einige Übergriffe und Negativschlagzeilen von Flüchtlingen, die sich hier kriminell verhalten haben, würde das noch viel reibungsloser aussehen. Es wurden sehr schnell Unterkünfte zur Verfügung gestellt, es konnten alle schnell verpflegt werden, und mittlerweile hat ein Drittel einen Job oder eine Ausbildungsstelle und lernt unsere Sprache. Aber es gibt auch Probleme, klar. Das war abzusehen.

Angela Merkel ist nicht die einzige Spitzenpolitikerin, deren Botschaft nicht mehr richtig durchdringt. Warum haben die alten Volksparteien so große Probleme, Menschen zu erreichen und zu begeistern?

Die sozialen Milieus haben sich aufgelöst und damit ist Kommunikation in bestimmte Zielgruppen, die vorher für Volksparteien gesetzt waren, nicht mehr so einfach möglich wie früher. Durch Social Media haben sich zudem völlig andere Möglichkeiten ergeben. Davon profitieren momentan eher die populistischen Kräfte, weil sie für Lautstärke und Auseinandersetzung sorgen. Damit tun sich die Volksparteien schwer. Außerdem sind in unserer globalisierten Welt die Herausforderungen größer und auch erklärungsbedürftiger geworden. Die ideologischen Grenzen haben sich verschoben oder aufgelöst und damit hadern viele Parteien. Und die Halbwertszeit von Begeisterung ist typisch, siehe Macron in Frankreich. Menschen wollen schnelle Ergebnisse und einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Das ist eine kommunikative Herausforderung, über die derzeit viel kluge Leute nachdenken.

Welchen klugen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten würden Sie der CDU empfehlen?

Bisher gibt es ja zwei Kandidaten, die sich erklärt haben: Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn. Ich kenne beide gut und halte sie auch beide für sehr gute Kandidaten. Für eine bürgerliche Partei auch erstaunlich divers, finde ich.

Und dann wäre da noch Friedrich Merz.

Von dem habe ich bis jetzt noch nichts gehört.

Er wäre auf jeden Fall gut, um das Profil der SPD zu schärfen.

Das kann die CDU nicht auch noch übernehmen.

Für die SPD sind ja auch andere Strategen zuständig. Hätten Sie trotzdem einen Rat für die Partei?

Da sind, wie Sie richtig sagen, andere Strategen zuständig.

Zur Person: Axel Wallrabenstein ist Mitgründer und Chairman der Publicis-Tochter MSL Germany. Vor seinem Wechsel in die Agenturbranche arbeitete er in den 90er-Jahren u.a. für die CDU, den Senat von Berlin und als Sprecher des sächsischen Innenministeriums. Als Gastgeber des Berliner "Politischen Salons" bringt er Politiker, Manager und Künstler zusammen. Auf Twitter ist er als @walli5 aktiv.

Anzeige