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Shanghai Corona Days
Medien in China: Corona-Livestreams bis zum Abwinken

Stefan Justl von Storymaker China hat 45 Tage Corona-Schockstarre in Shanghai hinter sich. In Teil 14 seiner Kolumne schreibt er, wie die Chinesen TV und Zeitung wiederentdeckten und gegen Fakenews vorgehen. 

Text: W&V Redaktion

12. Mai 2020

Zu Ehren der Corona-Helfenden schrieben neun Prominente den Song „Love will win again“. Er feierte Premiere in einer Dankesgala. Millionen Chinesen sahen die Liveshow.
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Heute früh bin ich wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an einem Zeitungskiosk vorbeigekommen. Ja, China ist das Paradies der sozialen Medien. Daraus abzuleiten, dass der klassische Medienmarkt tot ist, ist ein Mythos. In China gibt es mehr als zehntausend Magazine, fast 2.000 Zeitungen und 180 TV-Sender.

Bis heute sehr beliebt und auf jeder Taxifahrt zu hören, sind Radiosendungen, die von rund 2.000 Radiosendern ausgestrahlt werden. Auch in der Corona-Zeit rangierte das Radio mit den permanent aktualisierten COVID-19-Meldungen, Schutzempfehlungen, Epidemie-Wissen, Aufklärung über Fake-News, aber auch mit einem bunten Unterhaltungsprogramm ganz oben unter den beliebtesten Medien.

Zeitungen in China

Medienkonsum steigt. TV legt zu

Insgesamt hat der Medienkonsum während der Shut-down-Periode deutlich zugenommen. Unangefochten auf Platz 1 steht WeChat, das von einem Drittel der Medienkonsumenten regelmäßig und 79 Prozent häufiger genutzt wurde als zuvor. Bei jedem Fünften stand TV oben auf der Prioritätenliste. Die Zeitdauer im TV hat sich, als die Leute zuhause bleiben mussten, fast verdoppelt. Auch in China genießen TV und Rundfunk eine hohe Glaubwürdigkeit, Autorität und Einfluss in der öffentlichen Diskussion. 

Mit einem reichhaltigen Programm, an dem sich viele Künstler beteiligten, trafen sie die Bedürfnisse des Publikums. So brachte CCTV, der staatliche Fernsehsender Chinas mit rund 20 Kanälen und weitgehend werbefinanziert, den ganzen Tag über Live-Interviews mit Wissenschaftlern und übertrug die Pressekonferenzen des nationalen Gesundheitszentrums und der Regierung. Meist gesehen waren die allabendlichen nationalen Hauptnachrichten mit den Infektionszahlen aus allen 12 Provinzen, allen voran die Informationen aus der Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan, die 900 Prozent mehr Zuschauer hatten als sonst. 

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Experten kommen zu Wort

Im Fernsehen wurden zahlreiche Pressekonferenzen übertragen, um die Menschen kontinuierlich zu informieren, zum Beispiel vom Informationsbüro des Staatsrates, dem Gemeinsamen Präventions- und Kontrollmechanismus des Staatsrates und den lokalen Informationsbüros. 

Ähnlich wie in Deutschland mit dem Virologen Christian Drosten oder den USA mit Anthony Fauci gab es auch in China führende Experten, die medial in Erscheinung getreten sind und den Menschen im Land die Situation aus wissenschaftlicher Sicht erklärten. Zwei Personen waren dabei besonders prominent: Viele Chinesen kennen mittlerweile das Gesicht von Nanshan Zhong, Leiter der hochrangigen Expertengruppe der Nationalen Gesundheitskommission und angesehener Mediziner für Atemwegserkrankungen.

Nanshan Zhong erklärt den Bürgern auf einer Pressekonferenz die neuesten Entwicklungen zu COVID-19.

Ebenso kein Unbekannter mehr ist Wenhong Zhang, Direktor der Abteilung für Infektion im Huashan Krankenhaus und Leiter der Shanghai COVID-19 Expertengruppe. Grundsätzlich hatte China großen Wert darauf gelegt, Expertenmeinungen in den Vordergrund der Berichterstattung zu stellen und so möglichen Falschinformationen, gerade im Internet auf Social-Media-Plattformen, entgegenzuwirken.

Am 4. April, am Qing Ming Festival, dem Tag der Grabpflege, an dem man den Toten gedenkt, strahlte CCTV eine große Fernsehshow aus zu Ehren aller, die ihren Beitrag in der Corona-Krise geleistet hatten. Zu ihren Ehren sangen auch neun Prominente den eigens dafür geschriebenen Song „Love will win again“. Millionen von Chinesen verfolgten die Show live am Fernsehen.

Tageszeitungen immer noch gefragt

Experten kamen auch in den Tageszeitungen zu Wort. Hier muss man unterscheiden zwischen den chinesisch sprachigen und den englisch sprachigen Medien. Das offizielle Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas ist die „Renmin Ribao“ („Volkszeitung“) mit zirka 2,5 Millionen Abonnenten. Sie hat auch eine umfassende Online-Präsenz und erscheint in mehreren Fremd- und Minderheitensprachen. China hat mehr als 50 Minderheiten und acht Sprachen, die sich oft stark unterscheiden. Die „Volkszeitung“ hat eine ähnliche Rolle wie CCTV, das chinesische Staatsfernsehen. 

Einige Ausländer, die nicht Chinesisch sprechen, informieren sich über „China Daily“, die zu zwei Dritteln auch ins Ausland geliefert wird und die offizielle Linie der Regierung verfolgt. Viele Ausländer lesen die Berichte der in Hongkong ansässigen South China Morning Post (SCMP) online. In Mainland China ist die SCMP nicht erhältlich.

Mit Blick auf Corona konnten wir in Mainland China eine vorwiegend positive Berichterstattung zum Thema beobachten, die politisch auch erwünscht ist, das Mediensystem ist staatlich organisiert. Im Vordergrund standen Fortschritte und Erfolge im Kampf gegen das Virus, positive Beispiele von Medizinern, medizinischem Personal, Unternehmen oder auch von Bürgern, die mit ihrem persönlichen Einsatz zur Eindämmung der Verbreitung beigetragen haben.

Eine Pressekonferenz in Beijing mit offiziellen Vertretern der Stadt.

„Gemeinsam schaffen wir das“ war die Botschaft und der Eindruck, den man dabei über Wochen hinweg gewinnen konnte. Auch in Deutschland haben wir diese positiven Beispiele. Sie nehmen zwar nicht den Raum ein wie in China, dafür funktioniert unser Mediensystem anders, aber sie sind da und auch darüber wird berichtet.  

Wie kommunizieren deutsche Unternehmen in China – während und nach Corona. Das habe ich GMs, Marketingverantwortliche gefragt. Darüber berichte ich in der nächsten Kolumne. Bleibt gesund.

Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtet er nun zweimal pro Woche auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort jetzt weitergeht. Den Pilot der Serie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu den Beiträgen über Einkaufendie Gesundheits-App , SchutzmaskenHomeschoolinghilfreiche Appssaubere LuftTeleshoppingdeutsche Unternehmen in ChinaHumorBüroalltagMarketingUrlaub und Messen


Autor: W&V Leserautor

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