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ADC-Medaillenspiegel
Scholz & Friends ist der große Gewinner des ADC 2020

Dieses Jahr ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter. Virtuell getagt haben 30 Jurys und dann doch - ziemlich viele - echte Nägel vergeben. Scholz & Friends bekommt am meisten.

Text: W&V Redaktion

15. Mai 2020

Friedrich Liechtenstein führte gekonnt durch den ADC 2020.
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Gut, es waren mit 7000 Arbeiten auch 15 Prozent mehr Einreichungen als 2019. Jung von Matt und Thjnk sind wieder da! Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, der Club wollte in Coronazeiten den Agenturen Mut machen, wobei offiziell die Ansage an die Kreativen in den Jurys wohl lautete, sich von der Krise um das Virus keinesfalls beeinflussen zu lassen.

Vier Grands Prix, 62 Gold, 126 Silber und 225 Bronze haben die Juroren in diesem Jahr verteilt. 2019 waren es 47 goldene (2018: 50), 104 silberne (92), 180 bronzene (200) Nägel sowie drei Grands Prix (5). Die größten Zuwächse gab es bei "Digital" und "Branded Content/PR".

ADC-Präsident Heinrich Paravicini sagt dazu: "Es ist richtig, dass wir mehr Nägel vergeben haben, vergangenes Jahr lag die 'Nagelquote' allerdings bei 16 Prozent, dieses Jahr bei 17 Prozent!" Er sehe da keinen großen Unterschied. 2019 war die Ansage allerdings, die Konversionsrate auf zehn Prozent zu drücken, um die Preise aufzuwerten. Paravicini sagt: Es sei einfach wieder viel Gutes dabei gewesen.

DDB nicht in der Spitze

Im Medaillenspiegel (steht ganz klar Scholz & Friends vorne (siehe unten), die in vielen Kategorien mit dem Tampon-Book überzeugen konnten. Die Agentur nimmt damit wieder eine Spitzenposition ein, wie sie sie zuletzt in Cannes 2019 inne hatte. Jung von Matt (BVG, BMW, Deutscher Sparkassen- und Giroverband etc.) folgt auf Rang zwei, dann kommt Kolle Rebbe. DDB, im vergangenen Jahr noch Deutschlands Nummer 1 im W&V-Kreativranking, liegt mit zweimal Silber und sieben Bronze weit abgeschlagen und schafft es nicht in die Top 10.

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* Berechnung W&V: Grand Prix: 8, Gold: 6, Silber: 4, Bronze: 2

Kein Flurfunk 2020

Die 438 Juroren hätten sehr diszipliniert gearbeitet, heißt es von überall. Bei Videokonferenzen blieb ihnen auch sonst wenig anderes übrig. Man sitzt ja eh die ganze Zeit vor dem Rechner. Acht Minuten Pause bedeuten dann eben auch acht Minuten Pause. Die Werber hatten eine Woche Zeit, sich die Kampagnen vorher anzuschauen und waren gut vorbereitet; das kam an.

Der ADC ist fest entschlossen, dieses Prozedere auch im kommenden Jahr beizubehalten. Denn aus Sicht des Clubs ist das videocallbedingte Ausbleiben gruppendynamischer Prozesse beim Jurieren durchaus von Vorteil. Der Nachteil für die Juroren: Die Gerüchteküche bleibt kalt, weil sich die Leute nicht mal kurz auf dem Gang treffen können, um sich auszutauschen.

Trotzdem kann natürlich mit viel Akribie über die eingereichten Werke diskutiert werden. Der Trend zu Projekten mit einem gesellschaftspolitischen Anliegen ist ungebrochen. Und klar gab es hier und da wieder die typischen Bastelarbeiten, viele Prototypen, die eigens für den ADC eingereicht worden waren. Insgesamt aber war die Qualität in der Breite ziemlich überzeugend.

Verändert hat sich die Wirkmächtigkeit von Kommunikation: Manche Ideen haben so eine Kraft, dass sie sich medial ganz anders verwerten lassen als früher. Weshalb zum Beispiel das Tampon-Book von Scholz & Friends automatisch in vielen Kategorien eingereicht werden konnte. Vielleicht ist das ja auch ein Grund dafür, warum die Jurys 2020 so viele Nägel vergeben haben. Das sind die fünf höchstbewerteten Kampagnen:

TOP 1 "The Tampon Book", The Female Company, Scholz & Friends

The Female Company, ein Online-Shop für fair gehandelte Bio-Tampons, ärgerte sich wie so viele Frauen darüber, dass der Staat für Tampons 19 Prozent Mehrwertsteuer erhebt, wohingegen auf Produkte wie Kaviar, Ölgemälde oder Bücher nur 7 Prozent entfielen. Die Idee: Die Tampon-Steuer wird ausgehebelt, weil die Kreativen den Hygieneartikel in ein Buch packen.

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Für die Kampagne machten sich Influencerinnen und Politikerinnen stark. Fast alle großen TV-Sender und zahllose Zeitungen berichteten über das große Werk. Die Petition zur Senkung der Mehrwertsteuer auf change.org haben über 150.000 Menschen unterschrieben. Am 7. November 2019 beschloss der Bundestag, die Steuer tatsächlich zu senken. Ein großer Erfolg.

TOP 2 "Made in Fukushima", Fukushima, Serviceplan

Das Projekt "Made in Fukushima" ruft ein kaum noch beachtetes Thema in Erinnerung. Die Nuklearkatastrophe kontaminierte vor vielen Jahren über 25.000 Hektar Agrarfläche. Dank einer innovativen Dekontamination kann inzwischen wieder unbedenklich Reis angebaut werden, den allerdings keiner kauft.

Mit einem Buch wollten die Reisbauern die Menschen in Japan über die Lage aufklären. Das Besondere daran: Das Stück besteht aus Reisstroh der dekontaminierten Felder, traditionell nach japanischer Art zu Papier verarbeitet.

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Das Blätterwerk erzählt die Geschichte der Region, der Katastrophe und der Dekontamination. Es berichtet von Bauern und ihrem Reis, mit Bildern, Interviews und Hintergrundinformationen, aber vor allem mit Daten, verständlich visualisiert, manifestiert in Papier. Seitdem steigt der Absatz von Reis aus Fukushima angeblich wieder.

TOP 3 "Ist das noch Handwerk?", Das Handwerk, Heimat

Es war schon die neunte Staffel der Image- und Recruiting-Kampagne für den Zentralverband des Deutschen Handwerks, die Heimat, Berlin, da präsentierte. Die Neuauflage setzte fünf Handwerker als Influencer in Szene. Leute, die die Facetten des modernen Handwerks verkörpern sollen. Heimat versteht sie als Visionäre.

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Auf den Instagram-Kanälen der fünf Handwerker konnten Interessierte ein Jahr lang persönliche Einblicke in den Arbeitsalltag dieser Menschen bekommen, sich mit ihnen austauschen und inspirieren lassen.

TOP 4 "For Seasons - komponiert durch Klimadaten", NDR Elbhpilhamonie Orchester, Jung von Matt

Heute zwitschern 15 Prozent weniger Vögel in den Bäumen als zu Zeiten des Komponisten Antonio Vivaldi. Extremwetter hingegen haben zugenommen. Auf Basis wissenschaftlicher Daten hat das Orchester der Elbphilharmonie Vivaldis "Vier Jahreszeiten" bearbeitet und in der Hamburger Elbphilharmonie uraufgeführt.

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Die Musiker haben bei dieser Aktion mit Jung von Matt/Spree zusammengearbeitet. Von den Berlinern stammt die Idee der Aktion. Nach eigenen Angaben hat diei Agentur beinahe anderthalb Jahre an dem Projekt gearbeitet. 

TOP 5 "The Small Escape", BMW, Jung von Matt

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erzählt BMW in dem Film "The Small Escape" die Geschichte vom Wunsch nach Freiheit, Einfallsreichtum und Ingenieurskunst.

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Neun Menschen gelang einst hinter der Sitzbank des winzigen Motocoupés Isetta die Flucht über die innerdeutsche Grenze. 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erzählt BMW mit Jung von Matt die wahre Geschichte in dem Film auf Youtube und in sozialen Netzwerken.

Hier finden Sie sämtliche Gewinner des ADC-Wettbewerbs 2020.

Vier Grands Prix

Neben "The Tampon Book" (Werbung) und "Made in Fukushima" (Design) hat die ADC-Jury der Juryvorsitzenden am Freitag einen Grands Prix an "Holoride" (Digitale Medien) und "Wer bist Du" (Editorial) vergeben, die ebenfalls zu den in der Top 30 gelisteten Kampagnen des Jahrgangs 2020 zählen. In der Kategorie "Film" konnte sich die Jury nicht auf einen Favoriten einigen. In der engeren Wahl standen "The Small Escape" und "Bertha Benz" von Antoni.

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Mit der Auszeichnung für Holoride feiert der Art Directors Club eine deutsche Technologie, die weltweit erfolgreich ist und als wegweisend gilt für Unterhaltung im Auto. Sie war tatsächlich schon auf der Technikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

Die Fotokolumne von Florian Jaenicke über seinen mehrfach schwerstbehinderten Sohn Friedrich bekommt ihren Grand Prix, weil sie, so die Jury, mit leisen Tönen eine ungeheure Wucht erzeugt. Die Bilder, die der Vater macht, sind der Versuch, das eigene Kind besser zu verstehen. Die Fotokolumne "Wer bist du?" erschien ein Jahr lang jede Woche im Zeit-Magazin und hat unzählige Menschen berührt.

"Wir zeichnen Projekte aus, die sich mit Politik, gesellschaftlichem Miteinander, Klimawandel, Flüchtlingen, Krankheiten und Frauenrechten beschäftigen und das unabhängig davon, ob der Kunde eine NGO oder ein Unternehmen wie BMW, die Commerzbank, Lufthansa oder Nike ist. Das dies eine Jury unter dem Eindruck der Corona Krise besonders bewegt, ist nachvollziehbar und auch gut so", sagt ADC-Präsident Heinrich Paravicini.

Ein Fest der Jugend

Der von Barbara Kotte geführte Juniorwettbewerb brachte zwei von drei möglichen Grands Prix. Als beste Semesterarbeit geht "Nicht gönnen können" von Farina Lichtenstein aus dem Rennen, Studentin an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Im Buch der Gewinnerin dreht sich alles um das Thema Neid. Me-Time, Achtsamkeit und radikale Ehrlichkeit sind dem Junioren offenbar auf die Nerven gegangen.

Die beste Abschlussarbeit ("Uniperverse") begeisterte die Jury mit wilden Fantasien voll schwarzen Humors. Vanessa Melzner von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Würzburg parodiert drei der kuriosesten UFO-Vorfälle in der Geschichte, indem sie sie mit Erotikfilmen vergleicht.

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"Mehr Mut und mehr Irrsinn – das wünschen sich die Jurys des Art Directors Club Deutschland von den Junioren. Beide Grand-Prix-Gewinner zeigen Arbeiten, die was wagen. Davon mehr", sagt Jury-Chairwoman Barbara Kotte.

Hier stehen alle Gewinner des Junior-Wettbewerbs.

Und hier geht's zum Live-Blog in der Coronakrise:

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Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er interessiert sich für alles, was Werber:innen unter den Nägeln brennt, in Beratung, Strategie und Kreation. Besonders innovative Agenturmodelle haben es ihm angetan. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LGBTI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine. Vielleicht ist er deshalb auch Diversity-Beauftragter der SWMH geworden, der die W&V angehört.

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