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Jo Marie Farwick, Überground
Sexismus-Debatte: Warum Aktionismus fehl am Platze ist

Sexistisches Verhalten finden sich nicht nur in der Werbewelt, sondern durchzieht die ganze Gesellschaft, sagt Überground-Chefin Jo Marie Farwick. Sie plädiert für radikales Umdenken - und den Tod von Prinzessin Lillifee.

Text: W&V Redaktion

6. August 2020

Fordert ein radikales Umdenken: Jo Marie Farwick.
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Es ist nicht so lange her, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen Thema in der Agenturwelt diskutiert wurde. Anfang 2018 wurden viele Stimmen laut - im Kontext der #metoo-Diskussionen. Jetzt lässt ein Artikel in der "Die Zeit" das Thema erneut aufkochen und vermittelt fast den Eindruck, als sei die Werbebranche besonders stark davon betroffen. Doch das trifft nicht zu, sagt Jo Marie Farwick, Gründerin und Chefin der Berliner Agentur Überground. 

Sexismus ist kein Problem in Agenturen, sondern eins in der Gesellschaft. Das "warum" fängt mit einem rosa Bändchen im Krankenhaus an. Und ist leider noch immer immanent in unserer Gesellschaft. Dem kommt man nicht mit albernen Sexismus-dies-das-Shitstorms und aktionistischen Großentschuldigungs-Round-Tables oder Frauenhochgehieve in sogenannte Führungszirkel bei. Sondern mit Erziehung, Bildung und einem echt radikalen Umdenken überall und von allen. So lange es Prinzessin Lillifee gibt, haben wir (damit meine ich alle) leider lange nicht gewonnen.

Und wer jetzt die Agenturfeten anführt, auf denen es auch mal munter zur Sache geht: Gepoppt wird doch nicht nur auf Agenturfeten. Und zum Poppen braucht es auch immer (mindestens) zwei. Das fällt für mich nicht unter Sexismus, sondern unter Poppen. Das ist ein anderes Thema, dass ich nicht vermische.

Reif für die Rote Liste

Ich muss leider gestehen, dass ich frauenverachtende Sprüche nie gehört habe, was eventuell daran liegen kann, dass ich in den Männerrunden, in denen die rausgehauen werden, selten bis nie Gast war. Altes, weißes knitteriges, schlecht desodoriertes Männerbusiness wird halt auch immer noch in alten, knitterigen, schlecht riechenden Ledersofa-Räumen gemacht. Stört mich aber überhaupt nicht; der Kuchen ist riesig und mir an der Stelle auch viel zu unlecker. Die Geschäftspartner mit denen wir zu tun haben, sind ausnahmslos nicht von der Art. Sind die anderen eigentlich nicht schon auf der Roten Liste?

Aber klar ist auch: Die Kunden sind uns doch, was Diversity angeht, Lichtjahre voraus. Man muss sich nur mal CHAN ansehen. Die vier Buchstaben stehen für Christiane Haasis und Angela Nelissen. Gemeinsam teilen sie sich seit zehn Jahren im Job-Share die Stelle des Vice President Refreshment bei Unilever. Sensationell!

Jo Marie Farwick gründete im Herbst 2015 ihre eigene Agentur Überground als Kreativkollektiv. Zwei Jahre später wurde Überground vom Art Directors Club ADC als ADC-Rookie-Agentur ausgezeichnet. Mit der Weihnachtskampagne "Santa Clara" für Lidl war der Agentur im Jahr davor bereits ein großer Wurf gelungen. Vor dem Start in die Selbstständigkeit war Farwick bei der Berliner Agentur Heimat, zuletzt als geschäftsführende Gesellschafterin. Stationen davor waren Jung von Matt sowie Philipp und Keuntje.

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Autor: W&V Leserautor

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