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Agenturporträts
So arbeitet es sich bei ... Oddity

Diese Agentur mag Worte wie Incentives und Mitarbeiter-"Bindung" nicht. Sie gibt lieber Freiheit und leistet sich selbst die Freiheit, nur für moralisch und ethisch saubere Kunden zu arbeiten.

Text: W&V Redaktion

4. Dezember 2018

Melanie Kraus lebt den Oddity-Mitarbeitern Freiheit vor.
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25 Nationen arbeiten bei Oddity. Denn die Agentur streckt in ihrer Nachwuchssuche ihre Fühler auch international aus. Deshalb ist die Unternehmenssprache auch Englisch. Melanie Kraus, People & Culture Specialist bei Oddity, schickt die Agenturmitarbeiter auch mal nach Berlin oder Taipeh, damit die über ihren Tellerrand hinaus schauen können. Nummer 54 der Agentur-Porträts.

Gibt es in Ihrer Agenturgruppe Berufsfelder und Jobs, die lange unbesetzt bleiben und für die Sie händeringend nach Personal suchen? Wenn ja, wie lange sind die Stellen unbesetzt? Und was machen Sie, um genau dort Leute zu finden?

Unsere gesamte Digitalbrache leidet akut unter einem Fachkräftemangel, der sich weiter zuspitzt. Je nach Stadt und Land nehmen wir unterschiedlich gelagerte Herausforderungen wahr. Trotzdem bekommen wir unsere Stellen erfolgreich besetzt, hierfür bauen wir auf folgende Säulen:

  1. Nachwuchs. Wir tätigen massive zeitliche und monetäre Investition in die Zusammenarbeit mit lokalen Hochschulen und Universitäten.
  2. Weltweite Mitarbeitersuche. Aufbau aller erforderlichen Rahmenbedingungen, um Fachkräfte nach Deutschland zu holen. Mittlerweile sind wir in unserem Team 25 Nationen und unsere interne Unternehmenssprache ist Englisch. Auch haben wir alle nötigen Prozesse, um Kollegen aus dem Ausland in Deutschland zu onboarden. Neue Kollegen kommen so zum Beispiel auch aus Brasilien, aus der Ukraine oder Portugal. Die Diversität empfinden wir als extreme Bereicherung.
  3. Internationalisierung. Wir bauen Auslandsstandorte dort auf, wo der Arbeitsmarkt mehr Möglichkeiten bietet, zum Beispiel haben wir 2018 erfolgreich unseren Standort in Belgrad an den Start gebracht.

Darüber hinaus liegt es in unserer Verantwortung, gute Rahmenbedingungen für Entwicklung zu gestalten sowie eine Kultur, mit der sich Talente für einen Langstreckenlauf, statt für einen kurzen Sprint verbinden können. Der Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung, wenn wir jedoch nicht nur darüber jammern, sondern anpacken, dann ergeben sich neue Wege, dann finden sich Lösungen.

Haben Sie ein Patentrezept für die Bildung einer starken Arbeitgebermarke gefunden?

Wir denken sehr stark inspiriert aus den Prinzipien des Hirnforsches Gerhard Hüther heraus. Er beschreibt sehr gut den ambivalenten Konflikt des Lebens. Auf der einen Seite streben wir alle nach Zugehörigkeit, nach Zusammenhalt. Gleichzeitig aber genauso intensiv nach Freiheit, nach individueller Entwicklung. Es gilt auch als Unternehmen, diese zwei Bedürfnisse zu bedienen und in eine gute Balance zu bringen. Wir bei Oddity nennen das in unseren Orientierungsgedanken "United but free".

Lässt man sich hierauf gedanklich ein, kommt man unweigerlich zum Aspekt der Dezentralisierung, zu maximal möglichem Gestaltungsraum in den Teams, statt zentralen Regelwerken, zu individueller Entwicklung, statt vorgeschriebenen Karrierepfaden. Patentrezept würden wir das nicht nennen, sondern Haltung. Darüber hinaus gilt natürlich, wie überall auch: interne Academy-Formate besser machen als lassen, offene Feedback-Kultur fördern und für attraktive, relevante und sinnstiftende Marken in einem Partnerschaftsmodell auf Augenhöhe arbeiten.

Starken Fokus setzen wir in unseren internen Entwicklungsangeboten auf die Themen Rhetorik und Sprache. Unter anderem beschäftigen wir intern eine festangestellte Englischlehrerin, bieten aber auch Unterricht in Deutsch, Italienisch oder Mandarin.

Was tun Sie konkret zur Mitarbeiterbindung? Gibt es bei Ihnen die Möglichkeiten zu…

Zunächst möchten wie hier gerne Götz Werner, den Gründer unseres Kunden dm-drogerie markt, zitieren: "Worte wie Kundenbindung / Mitarbeiterbindung kommen aus dem Gedanken heraus, dass man Menschen irgendwo anbindet, sprich fesselt. Aber niemand möchte angebunden oder gefesselt werden." Aus diesem Grund bieten wir die Angebote im Folgenden nicht, um Mitarbeiter zu binden, sondern um den individuellen Bedürfnissen aller Kollegen bei Oddity gerecht zu werden.

a, Home-Office

Ja, allerdings nicht durch ein übergreifendes Regelwerk, sondern über die Befähigung unserer Teams, individuell passende Spielregeln je Team und Standort selbst festzulegen.

b, Sabbaticals  

Ja, wir versuchen entsprechende Wünsche zu ermöglichen und bisher ist uns das immer gelungen.

c, flexiblen Urlaubszeiten pro Jahr

Wir halten die Flexibilisierung von Urlaubszeit für ein trojanisches Pferd. In Deutschland stehen in jedem Oddity Arbeitsvertrag 30 Urlaubstage.

d, flexible Arbeitszeiten

Wir haben uns vom Modell der Kernarbeitszeiten gelöst und unsere Teams sind, wie auch bei der Frage nach Home-Office, befähigt, genaue Rahmenbedingen selbst festzulegen und somit den spezifischen Anforderungen je Team und Standort gerecht zu werden.

e, bezahlten Überstunden?

Wir versuchen, unsere Projekte möglichst im Rahmen der regulären Arbeitszeiten durchzuführen. Für einen hohen zusätzlichen Zeitaufwand ist ein Freizeitausgleich üblich.

f, Job-Tausch mit anderen Niederlassungen, bzw. Partner-Unternehmen

Wir fördern Austausch und Exchange-Programme. Besonders beliebt war dieser Austausch in diesem Jahr zwischen Deutschland und unserem Büro in Taipei, Taiwan. Und zwar in beide Richtungen. Durch den Austausch fördern wir unseren Zusammenhalt über Städte, Länder und Kulturen hinweg und stärken uns in gegenseitigem, interkulturellem Verständnis.

Speziell in Asien können unsere deutschen Kollegen viel über digitale Trends und Entwicklungen lernen, die wir bald auch in Europa und Deutschland erleben werden.

g, Möglichkeiten für eigene Herzensprojekte außerhalb des bezahlten Kundengeschäfts?

Zunächst halten wir es für das Wichtigste, in unserem alltäglichen Kundengeschäft für gute und sinnstiftende Unternehmen zu arbeiten. Wir arbeiten nicht für Unternehmen, die ethisch und moralisch nicht sauber aufgestellt sind und lehnen entsprechende Anfragen ab. Über die alltägliche Arbeit für Kunden hinaus bieten wir Hackathons und eigene F&E-Projekte.

Sozial unterstützen wir mit Oddity cares das Engagement unserer Kollegen (z.B. im Umfeld der Integration von Flüchtlingen) und soziale Organisationen, die mit überzeugenden Konzepten am Start sind. So zum Beispiel die Stay Stiftung, die Sozialunternehmer in Afrika fördert und damit einen nachhaltigeren Ansatz als typische Entwicklungshilfe umsetzt.

Kletterwand, Baumhaus, Sterne-Kantine – was gibt es bei Ihnen an unüblichen Incentives für Mitarbeiter?

Lasst uns erst ganz kurz über Worte nachdenken J. Das Wort "Incentives" mögen wir nämlich genauso wenig wie "Mitarbeiterbindung". Incentives kommt von Anreizsystem. Schaut man sich das Wort genau an, meint es aus unserer Sicht nichts Gutes, sondern trägt etwas Manipulatives in sich. Wir alle sind doch auf dem Weg in Richtung New Work, auf diesem Weg sollten wir die alte "HR-Sprache" aus Zeiten der Industrialisierung ablegen und damit auch das damit verbundene Denken.

Zurück zur Frage: Natürlich unterstützen wir, wie alle anderen Agenturen auch, die Zusammengehörigkeit in unseren Teams über die gemeinsame Arbeit hinaus. Mit Sportangeboten und verschiedenen gemeinsamen Aktivitäten, genaue Angebote werden in unseren Teams und Standorten individuell und gemeinsam zusammengestellt.

Wie erfassen Sie die Mitarbeiterzufriedenheit? Welche Ihrer Errungenschaften sind den Mitarbeitern besonders wichtig?

Neben regelmäßigen Gesprächen auf Basis von Selbsteinschätzungen und Einschätzungen der Leitungsteams, setzen wir mittlerweile auch auf Q&A-Sessions und interne Befragungen. Am meisten glauben wir aber an den konstanten, offenen und nicht institutionalisierten Dialog, an ein Klima des gegenseitigen Vertrauens, an eine hierarchiefreie Feedback-Kultur. Um ganz ehrlich zu sein, wären wir hier gerne schon weiter und haben noch viel vor.

Hand aufs Herz: Wie hoch ist bei Ihnen die Frauenquote?

Unsere Branche sollte sich schämen, dass sich diese Frage überhaupt noch stellt. Selbstverständlich haben wir eine ausgeglichene Quote zwischen Männern und Frauen über alle Ebenen hinweg, d.h. auch in unseren Leitungsteams und in unserer Geschäftsführung. Selbstverständlich haben wir auch in Bezug auf Gehalt keinen Gender Gap. Wann ist diese Selbstverständlichkeit endlich in der ganzen Branche selbstverständlich?

Wie hoch die Quote der Mitarbeiter über 45? Und unter 25?

5 Prozent unserer Mitarbeiter sind unter 25, 3 Prozent über 45, unser Durchschnittsalter liegt bei 32 Jahren.

Wie lang bleibt ein Mitarbeiter im Schnitt? 

Wir erheben hier bisher keine genaue Zahl. Natürlich freuen wir uns immer am meisten über die lange gemeinsame Reise und tun unser Bestes, um Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Oft gelingt das, wir haben viele tolle Beispiele für langfristige Verbindungen und besondere Entwicklungspfade bei oddity. Der Großteil unseres Leadership-Teams besteht aus Kollegen, die nicht in einer Leitungsposition begonnen haben und fünf bis zehn Jahre bei uns sind, teilweise noch länger. Darauf sind wir stolz. Aber natürlich gelingt das nicht immer.

Clean-Desk-Policy oder ganz persönliche Schreibtische? Wie steht Ihre Agentur zu dem Thema?

Darüber entscheiden die Teams selbstständig und eigenverantwortlich, das heißt in unserer Organisation gibt es beide Modelle.

Wie stehen Sie zur internen Offenlegung aller Gehälter im Unternehmen?

Wir sehen Einkommen als eine private und geschützte Information, die bei uns nicht transparent offengelegt wird. Gleichzeitig ist es Aufgabe und Verantwortung unseres Leadership- und
People & Culture-Teams, ein faires Gehaltsgefüge sicherzustellen.

Dann wollen wir natürlich wissen: Was verdient ein Junior bei Ihnen im ersten Jahr?

Natürlich gibt es bei uns kein standardisiert festgelegtes Einstiegsgehalt für Juniors, sondern individuelle Menschen mit individuellen Wegen und damit verbundenen Startgehältern. Wir wissen, dass Einkommen und Einkommensentwicklung ein wichtiger Bestandteil ist und versuchen, dem gerecht zu werden. Auch glauben wir, dass es den angeblich großen Gap im Einkommen zwischen Agentur und der Industrie heute nicht mehr gibt, es handelt sich genauso wie "da muss man ständig am Wochenende arbeiten" um alte Mythen aus der "Mad Men"-Zeit.

Agentur, wie wir sie heute bei Oddity verstehen, steht in unserem Anspruch für Vielfalt, Relevanz, Individualität und für Freiheit.

Mehr Agenturporträts, u.a. von Jung von Matt, Scholz & Friends und Serviceplan finden Sie in unserem Dossier Arbeitswelt Agenturen.

Mehr zum Thema Gehalt in Agenturen in unserem Dossier Gehalts-Check

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