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"Irgendwann werden wir in Kasachstan landen"
Tony Petersen über den Sparwahn bei Filmproduktionen

Viele Unternehmen wollen, dass ihre Werbefilme möglichst kostengünstig entstehen und drehen in Ländern wie der Ukraine. Warum diese Milchmädchenrechnung nicht aufgehen kann, sagt Gastautor Tony Petersen.

Text: W&V Redaktion

19. September 2018

Tony Petersen ist Vorstandsmitglied im Verband der Werbefilmproduzenten.
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"Der Kunde möchte, dass ihr für Kiew kalkuliert." Oder: "Deutschland braucht ihr gar nicht erst anzubieten." Das sind Ansagen, die unsere Mitglieder seit einiger Zeit vermehrt hören. Der Hintergrund – der Markt geht verstärkt davon aus, dass Bewegtbildproduktion in Deutschland grundsätzlich zu teuer ist. Wenn man etwas genauer hinschaut, erkennt man aber die Nachteile, die sich aus dieser Haltung ergeben.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Produktionskosten in Bukarest, Warschau oder eben Kiew natürlich weit unter den hiesigen liegen. So kostet zum Beispiel ein Beleuchter im Schnitt ein Viertel von dem, was in Deutschland gezahlt werden muss. Und so sieht es mehr oder weniger in allen Gewerken aus. Es scheint also absolut sinnfällig zu sein, den Standort Deutschland gar nicht erst in Betracht zu ziehen.

Allerdings gibt es ein paar Faktoren zu bedenken. Je anspruchsvoller ein Filmwerk ist, desto mehr qualifiziertes Personal muss ich zum Dreh mitnehmen, also außer dem Producer plus Assistenz, Regie und Kamera noch zusätzliches Personal aus den Bereichen Art Department, Bühne und Beleuchtung, Make-up, Editing, Special Effects. Dann beträgt der Unterschied zwischen einem Dreh in Osteuropa und Deutschland ganz schnell nur noch wenige Prozent.

Dafür geht Zeit verloren: durch An- und Abreise, durch Kommunikationsprobleme und Reibungsverluste unter einem Personal, das zum ersten Mal zusammenarbeitet. Diese Faktoren tauchen in unseren Kostenangeboten nicht auf. Ebenso wenig wie die Reisekosten des Kunden und der Agentur. Da kommen für Flüge und Hotels schnell ein paar 1000 Euro zusammen, die bei einem Dreh in Deutschland nicht anfallen.

Green Productions rücken in den Fokus

Über die Ökobilanz bei einer Anreise von zehn bis 15 Personen sollte man eventuell auch nachdenken in Zeiten in denen "Green Productions" immer mehr in den Fokus rücken. Im vergangenen Jahr wurde eine große Automobil-Produktion mit einem Budget von über einer halben Million Euro in Kiew realisiert, obwohl ein Dreh in Berlin nur 4.000 Euro teurer gewesen wäre. Es sind aber 14 Personen angereist, davon sechs vom Kunden der Agentur. Darüber wird leider nicht - oder zu wenig - nachgedacht.

Ein letzter Punkt: Die Gagen in den osteuropäischen Ländern steigen ständig. In den EU-Ländern schon länger, weshalb Standorte wie Prag oder Budapest längst zu teuer sind. So wird es weitergehen, über Bukarest, Warschau, die baltischen Städte, Kiew etc., während die Gagen in Deutschland weitestgehend stabil bleiben. Irgendwann wird man in Kasachstan landen oder Usbekistan, wenn man das wirklich möchte. Samarkand soll ja sehr schön sein.

Im Ernst: In ein paar Jahren wird man sich zwangsläufig auf den Produktionsstandort Deutschland zurückbesinnen. Nur, dass es dann einen Mangel an qualifizierten Filmschaffenden geben wird. Weil mangels Perspektive der Nachwuchs ausbleibt.

Zum Gastautor: Tony Petersen hat jahrzehntelang Werbefilme produziert. Heute ist er als Vorstand für die Produzentenallianz tätig.

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