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Shanghai Corona Days
Virtuelle Missverständnisse und Brezel-Call in China

Stefan Justl von Storymaker China hat 45 Tage Corona-Schockstarre in Shanghai hinter sich. In Teil 15 seiner Kolumne schreibt er, wie China virtuell kommuniziert und warum es in Shanghai jetzt Brezelfrühstück gibt.

Text: W&V Redaktion

18. Mai 2020

Beim virtuellen Brezelfrühstück von Storymaker sind jetzt Kollegen aus der ganzen Welt dabei.
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Heute hatte ich wieder ein Gespräch mit einem Kunden über die Probleme der eingeschränkten Kommunikations- und Bewegungsfreiheit durch COVID-19. Die meisten unserer Kunden haben dabei gleich zwei große Herausforderungen zu meistern. Zum einen handelt es sich zumeist um deutsche Unternehmen mit chinesischen Niederlassungen. Da gilt es grundsätzlich immer, Kulturunterschiede zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden. Zum anderen sind die meisten im Bereich B2B tätig und müssen im Vergleich zu B2C andere Hürden nehmen. 

Zwar gibt es eine Annäherung von B2B an B2C in der Kommunikation, auch bei der Plattformwahl. So gibt es mittlerweile Videos auf Douyin (die chinesische Variante von TikTok) für 5-achsige CNC-Fräsmaschinen. Dennoch: Per Live-Stream verkaufen lassen sich diese erklärungsbedürftigen Investitionsgüter noch nicht. Welche Ansätze und Trends gibt es bei Marketing-Kommunikation? Ich habe bei einigen Kunden nachgefragt.

Brezelfrühstück zwischen Tübingen und Shanghai

In Deutschland funktionieren die Meetings über Zoom oder Microsoft Teams nach allem, was ich höre, ziemlich gut. Gerade hatten meine deutschen Kollegen für einen New-Mobility-Anbieter, der sich durch Corona nicht ausbremsen lassen will, einen Storyworkshop erstmals online durchgeführt. Das hat reibungslos geklappt. 

Ein Phänomen zeigt sich bei der internen Kommunikation: Interessanterweise hat die Umstellung auf Homeoffice in Deutschland zu einer größeren Nähe zu den chinesischen Tochtergesellschaften geführt und zu einem stärkeren internationalen Wir-Gefühl. Bei unserem Partner Unicepta sind nun bei den Microsoft-Teams-Sessions auch die internationalen Gesellschaften „mit am Tisch“, da ja sowieso alle online von ihren Home Offices zugeschaltet sind. Auch die landesspezifischen E-Mail-Verteiler wurden in diesem Zuge ausgetauscht gegen internationale Distributionslisten. Die Isolation hat die internationale Zusammenarbeit belebt.  

Ich selbst habe das auch erlebt. Bisher fand unser wöchentliches Brezelfrühstück in Deutschland, ein informeller Austausch mit der deutschen Geschäftsführung, immer in der Küche unseres Tübinger Büros statt. Die Kolleginnen und Kollegen aus München waren per Alexa zugeschaltet. Seit alle im Homeoffice sind und es über Zoom stattfindet, sind auch wir aus China zugeschaltet. Warm-ups mit der Frage wie es hier und dort den Kollegen geht, schafft emotionale Nähe. So haben wir schon im März eine gemeinsame Diskussion und Kampagne zum Masken-Tragen gestartet.

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Genauer hinschauen – Missverständnisse vermeiden

Kulturelle Unterschiede spielen in der internationalen Zusammenarbeit immer eine Rolle. Denk- und Arbeitsweisen wie Kommunikationsverhalten sind zwischen Deutschen und Chinesen sehr unterschiedlich. Deutsche neigen dazu, Dinge direkt anzusprechen und Fehler zu reflektieren, dem chinesischen Kommunikations-Stil ist das fremd. In Face-to-Face Meetings bemerkt man schneller, wenn dem Gegenüber etwas unangenehm ist und kann reagieren.

Bei Online-Meetings ist es schwieriger, subtile Zeichen und non-verbale Reaktionen zu erkennen. Zudem muss man sich auf gemeinsame Prozesse und strukturierte Vorgehensweisen einigen, was in beiden Kulturen sehr stark auseinanderklaffen kann. Um so wichtiger sind verbindende Aktionen – etwa über den Austausch von Geburtstagsfotos, die Arbeit an kreativen Hintergrundbildern, Panels zur aktuellen Situation und was diese für die Kultur im Unternehmen bedeutet.  

Kampf der Konferenz-Softwarelösungen 

Gute technische Verbindungen sind sehr hilfreich und überall ein Dauerthema. Nicht alles funktioniert in China gleichermaßen. Microsoft-Teams und Zoom sind die beiden Konferenzplattformen, die wir auch in China mit Kunden und Kollegen nutzen und meist recht stabil laufen. Das gilt jedoch nicht für alle in Deutschland genutzten Lösungen. Ich wollte vor einigen Wochen an einer Online-Konferenz mit Adobe Connect teilnehmen; das hat nicht geklappt. Zum Glück hatten wir ein Backup-Video aufgenommen, das dann gezeigt wurde.

Die Nachfrage nach Konferenz-Software ist immens, entsprechend groß ist das Angebot. Auch Unternehmen wie TeamViewer, die bislang eher bekannt waren für Fernzugriff auf Online-Endpunkte, Fernsteuerung, Fernsupport und Remote Management bieten stabile und sichere Konferenzlösungen an und sind auch in China zunehmend bekannt. Sicherheit ist ein wichtiges Stichwort gerade für deutsche Unternehmen. Chinesische Varianten wie DingTalk, VooV Meeting von Tencent oder die Alibaba Cloud Conference gewinnen in Asien an Bedeutung; allerdings zeigen sich deutsche IT-Verantwortliche hier noch eher zurückhaltend.

Virtuelle Verkaufsgespräche

Die Vertriebsteams fast aller unserer Kunden berichten davon, wie schwer es war, ausschließlich online zu agieren. Das gilt besonders für die Akquise. Bei unserem Kunden Virtuarch, einem Schweizer Architekturbüro mit einem Office hier in Shanghai, spielt das haptische Erlebnis eine wichtige Rolle. Das Berühren und Betrachten von physischen Modellen und Diskussionen über Baupläne, die sonst aufgerollt den kompletten Tisch einnehmen, sind ein wichtiger Teil der Kommunikation. Zurzeit findet das online und über 3D-Modelle statt. Es geht, aber das Live-Erlebnis ist doch deutlich eingeschränkt. 

Unser Kunde Palas macht aktuell richtig gute Erfahrungen mit Webinaren. Das Unternehmen aus Karlsruhe ist Experte für die Messung von Luftqualität und Filtermedien. Ein Testgerät des Unternehmens analysiert zum Beispiel schnell die Zuverlässigkeit von Atemschutzmasken. Das Thema ist brandaktuell, jetzt muss der Vertrieb an die Kunden und kann nicht warten, bis die Beschränkungen aufgehoben sind. Kurzerhand hat das Unternehmen ein Webinar organisiert, zu dem Kunden aus China, Singapur und Vietnam zugeschaltet waren. Vor der Krise hätte eine solches Webinar nicht stattgefunden, die Resonanz hätte gefehlt. 

Mittlerweile sehen wir bei unseren Kunden im B2B-Bereich die große Bereitschaft, konsequent auf virtuelle Events und Verkaufsveranstaltungen zu setzen und diese weiterzuentwickeln. Das war lange kein Thema. Jetzt führt daran kein Weg mehr vorbei. 

Die Krise ist ein Katalysator für Veränderungen in der Kommunikation in und zwischen Unternehmen. Wie sieht die Kommunikation mit der Öffentlichkeit in Krisenzeiten aus? Wie haben es Unternehmen geschafft, Botschaften in Krisenzeiten in die Medien zu bringen, mit welchen Inhalten waren sie erfolgreich, was hat nicht funktioniert? Darüber unterhalte ich mich beim nächsten Mal mit Dr. Evelyn Engesser von Unicepta, die hierzu eine Studie durchgeführt haben. Von den Ergebnissen können Kommunikationsverantwortliche in Deutschland auch das ein oder andere lernen. Bis dahin. Bleibt gesund.

Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtet er nun zweimal pro Woche auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort jetzt weitergeht.

Den Pilot der Serie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu den Beiträgen über Einkaufendie Gesundheits-App , SchutzmaskenHomeschoolinghilfreiche Appssaubere LuftTeleshoppingdeutsche Unternehmen in ChinaHumorBüroalltagMarketingUrlaubMessen und Medien


Autor: W&V Leserautor

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