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Gastbeitrag
Warum Corona und Alexa sich gut verstehen

Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass die Akzeptanz digitaler Helfer aller Art deutlich zugenommen hat. Auch der Einsatz von Voice-Technologie profitiert davon, schreibt Reinsclassen-CEO Christian Daul.

Text: W&V Redaktion

17. Juni 2020

Christian Daul ist CEO bei der Hamburger Agenturgruppe Reinsclassen.
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Gesellschaftliche Entwicklungen hatten schon immer Rückkopplungen zur Technologie und natürlich auch umgekehrt. Die durch Corona angestoßene Digitalisierungswelle ist jedem bewusst und sie hat private wie berufliche Lebensbereiche erfasst. Auch das Bonmot von Corona als effektivstem CTO in Unternehmen ist vielfach zitiert. Ein Aspekt, der bisher weniger thematisiert wurde, sind die Auswirkungen von Corona auf die "emerging technologies" – vermutlich weil sie noch schwerer zu erfassen sind. Im Falle der Voice Technologie gibt es aber mehrere interessante Beobachtungen, die für die zukünftige Entwicklung und Nutzung dieser Systeme sehr relevant sein können.

Zum einen wird durch die Pandemie die Akzeptanz von digitalen Helfern aller Art deutlich gesteigert. Sie sind allzeit einsatzfähig, virenresistent (zumindest für die biologischen Formen) und können manche Dinge verlässlicher als Menschen. Für Akzeptanz und Interaktion sorgen Sprachsysteme, denn stummen Helfern fehlen meist emotionale wie nutzer-zentrierte Eigenschaften. Auf diese Weise werden sprechende und verstehende Bots in Pflegeeinrichtungen und Kliniken schneller ihren Platz finden als in Vor-Corona-Zeiten angenommen. Das wird das Verhältnis Mensch-Maschine nachhaltig beeinflussen. Schon jetzt wären viele Heimbewohner über eine stets mögliche Unterhaltung mit einer künstlichen Intelligenz froh und dankbar gewesen. Es beginnt ganz langsam das Bewusstsein zu dämmern, dass wir uns einer Welt nähern, in der es eine dritte Art gibt, die zwischen den Menschen und den bisherigen Maschinen steht und im idealen Falle das Gute aus beiden Welten repräsentieren könnte. (Diesen Satz bitte zweimal lesen.)

Lieber sprechen statt anfassen

Aber wir müssen gar nicht so weit nach vorne schauen. Es geht auch wesentlich praktischer. Wer im Lockdown über Hotlines zu populären Zeiten Essen bestellen wollte, war oft im Nachteil und hing in Warteschleifen oder kam erst gar nicht durch. Bei einer Bestellung zum Beispiel über ein Alexa Skill ging es ohne unangenehme Erfahrungen und mit konstant freundlicher, klarer und verlässlicher Interaktion. Kein Wunder also, dass in einer speziell dazu initiierten Umfrage in Covid-Zeiten 81 Prozent der amerikanischen GenZ und Millennials Sprachassistenz-Systeme nutzen.

Ein weiteres Beispiel sind viele Tasten, Knöpfe und Bedien-Elemente, die durch Smart-Building-Funktionen oder in Fahrzeugen per Sprachsteuerung wegfallen können und damit Viren-Übertragungswege reduzieren. "Sprechen statt anfassen" wird sicherlich an vielen Stellen ein neuer UI-Grundsatz in Entwicklungsabteilungen sein. So zeigt die Deutsche Telekom gerade in einer aktuellen Design-Ausstellung, wie sich neue Technologien auf die Interaktion mit Geräten und Funktionen auswirken. Monica Dalla Riva, Vice President Customer Experience & Design, Deutsche Telekom, ist überzeugt, dass 'voice-enabled services das Leben der Kunden deutlich verbessern können'.

Hilfe bei der Covid19-Indentifikation

Ebenso wird sich die Frage stellen, ob nach Touch-ID und Gesichtserkennung, die mit Maske kaum mehr funktioniert, die Stimmerkennung nicht stärker an Bedeutung gewinnt. Hier wird ohnehin engagiert geforscht und gerade Erkältungskrankheiten lassen sich über ein Stimmprofil oft schon verblüffend gut erkennen. Ein Projekt der Carnegie Mellon Universität sucht aktuell "Stimm-Spenden", um auf Basis von Sprachmustern Covid19-Infektionen erkennen zu können. Ein ähnliches Projekt der Universität von Cambridge sammelt schon Stimmproben via App.

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Aber auch beim Einkaufen gewinnt das Thema neue Relevanz. So hat sich Walmart mit Apples Siri über Walmart Voice Order verknüpft, um den Kunden leichter und per Stimmbefehl Lebensmittel in virtuelle Einkaufswagen legen zu lassen, die dann ausgeliefert werden können. Die Option wurde noch im Dezember vor der Pandemie gestartet, hat sich aber in den letzten Monaten bewährt. Das erklärt, warum man eine vergleichbare Voice-Technologie nun mit Flipkart auch bei der indischen Walmart-Tochter in großem Stil eingesetzt wird. Indien ist nicht nur stark von der Pandemie betroffen, sondern auf Grund von Bildungsgraden und Infrastruktur auch einer der spannendsten Voice-Technologie-Länder der Erde. 

Wie mächtig der Einfluss des Voice-Trends insbesondere auf jüngere User ist, zeigt der ganz aktuelle Schritt von Snapchat. Das wahrscheinlich visuellste soziale Medium hat gerade die Sprachsteuerung für eine seiner Killer-Funktionen "Lenses" announced. Jetzt kann man seine Haare auf Sprachbefehl pink färben.

Corona könnte also auch ein Tipping-Point-Ereignis für Sprachtechnologien geworden sein, ohne dass wir es bisher so deutlich vernommen haben. Noch sprechen sie offenbar nicht laut genug für sich selbst.


Autor: W&V Leserautor

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