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Interview
Warum Eventagenturen an Corona scheitern

Die Event-Managerin Sarah-Christina Fitzke spart nicht mit Kritik an den etablierten Event-Agenturen, die, statt zu handeln, in die Insolvenz schlittern. Sie selbst stellt auf Digital um.

Text: W&V Redaktion

9. April 2020

Sarah Fitzke hat vor einem Jahr erst die Event-Agentur Sparket gegründet.
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Sarah-Christina Fitzke ist jung, digital - und sie traut sich was. Sie hat für About You knapp vier Jahre als Marketing- und Event-Managerin Veranstaltungen organisiert, unter anderem die Entwicklerkonferenz code.talks in Hamburg. Im vergangenen Jahr hat sie mit Sparket in Duisburg ihre eigene Event-Agentur für Tech-Start-ups gegründet, die schon über ein gewisses Marketingbudget verfügen und sich über eigene Events oder Messeauftritte profilieren wollen.

Natürlich leidet auch ihre Firma unter den Ausgangsbeschränkungen der Regierung, das Geschäft bricht weg. Die junge Gründerin sieht darin aber eher die Aufforderung, Neues zu wagen als klein beinzugeben. Was Sie bei der Konkurrenz beobachet und auch kritisiert. Sie stellt ihr Geschäftsmodell auf Digital um und will demnächst mit einer eigenen virtuellen Konferenz allen Betroffenen Tipps geben, wie sie ihre Veranstaltungen auch in Zeiten der Coronakrise durchziehen können.

Frau Fitzke, Sie fragen sich, warum Deutschlands Veranstalter reihenweise Events absagen, statt sie ins Netz zu stellen. Wie kommen Sie dazu?

Sicher haben Messebauer und Caterer es in diesen Tagen besonders schwer, das ist klar. Meine These aber ist: Die Eventagenturen haben es verpasst, ihre Leistungen in die digitale Welt zu übertragen und können nun ihre Kunden nicht richtig beraten, wie man mit Events in dieser Zeit umgeht.

Tatsächlich geht der Fachverband FAMAB davon aus, dass, sollte die Regierung für Live-Marketing und Messebau kein Sonderprogramm auflegen, 90 Prozent der Firmen in diesem Sektor pleite gehen.

Ich verfolge das und ich bin vielleicht privilegiert, weil ich als junges Start-up schneller reagieren kann als große Agenturen mit ihren Apparaten dahinter. Aber trotzdem vermisse ich den Unternehmergeist. Die Event-Agenturen wirken auf mich seltsam analog: Ich habe mir schon vor Corona Gedanken dazu gemacht, wie man zumindest Teile von Veranstaltungen auch im Netz anbieten kann. In den USA war das schon vor der Krise um das Virus gang und gäbe.

Warum war das damals schon sinnvoll?

Es schont die Umwelt, den Geldbeutel von Veranstaltern, Teilnehmern und ehrlich gesagt gibt es viele Menschen, die gar nicht so darauf aus sind, andere Leute zu treffen. Die finden das unangenehm. In den Staaten zum Beispiel können Personen auf vielen Messen mit Aufklebern mitteilen, ob sie angesprochen werden möchten oder nicht.

Was schlagen Sie vor?

Es wird noch lange Zeit dauern, bis die Regierung uns wieder mehr Freiraum lässt. Der DFB hat bereits alle Fußballspiele für dieses Jahr abgesagt, Olympia ist verschoben und viele Konferenzveranstalter aus Amerika werben bereits für ihre virtuellen Events. Wird es in 2020 überhaupt noch möglich sein, Großveranstaltungen durchzuführen? Das frage ich mich. In der Zwischenzeit sollten wir handeln. Es bieten sich heutzutage viele Möglichkeiten, kleine Events, Konferenzen, ja sogar ganze Messen in die digitale Welt zu übertragen. Doch gibt es meines Wissens keine Agentur in Deutschland, die ihre Kunden diesbezüglich berät und solche Projekte durchführt. Dabei sind Online-Events oft einfacher umzusetzen.

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Viele Betroffene sehen das sicher anders. Aber wie könnte so ein Event Ihrer Meinung nach aussehen?

Im Idealfall können Sie auch auf einer Netz-Messe Leute am Stand besuchen, Informationen zum Standbetreiber abrufen und online in kleinen Zirkeln Gleichgesinnte in Chat-Räumen für Experten-Talks treffen. Manche Tools sind auf bis zu 40.000 Besucher ausgelegt. Das bietet zwar nicht dasselbe Erlebnis wie ein analoges Event, aber es ist schon ein guter Ersatz. In Zukunft müssten analoge und digitale Partien sicher verschmelzen.

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Sie stellen Ihr Geschäftsmodell selbst komplett um?

Ja, ich positioniere meine Firma als erste Post-Corona-Eventagentur, die sich auf die neuen Gegebenheiten der Eventbranche fokussiert und dabei einen unfairen Vorteil gegenüber den etablierten Agenturen hat, die auf klassische Präsenzveranstaltungen fokussiert sind. Ich werde mich auf virtuelle Konferenzen und Events konzentrieren, aber auch auf die Transformation von Events in der Zeit nach Corona. Dafür bilde ich ein Expertengremium aus Epidemiologen, Hygienikern usw. Mit diesen werde ich für meine Kunden entsprechende Maßnahmenkataloge erarbeiten, die es Veranstaltern erlaubt, möglichst schnell wieder reguläre Events zu organisieren, wenn die Krise vorbei ist. Meine erste Veranstaltung dazu, wie wir nach Corona wieder Events darbieten können, wird für alle kostenlos sein.

Das ist natürlich gute Eigen-PR

Die Corona-Pandemie beeinflusst auch mein Geschäft leider stark, also bleibt mir keine andere Wahl. Ich sehe aber die Chancen dahinter.

Können Sie sich das überhaupt leisten?

Ich habe, obwohl mein Unternehmen noch jung ist, ein paar Rücklagen. Und es gibt im Notfall ja auch Staatshilfe.

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Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er interessiert sich für alles, was Werber:innen unter den Nägeln brennt, in Beratung, Strategie und Kreation. Besonders innovative Agenturmodelle haben es ihm angetan. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LGBTI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine. Vielleicht ist er deshalb auch Diversity-Beauftragter der SWMH geworden, der die W&V angehört.

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