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SXSW
Ankommen in Austin: Die Deutschen sind schon da

Unsere tägliche Kolumne von der gefühlt spannendsten Messe der Welt. Von der South by Southwest berichtet unser Autor Moritz Meyer. Heute: Erstmal Übersicht verschaffen.

Text: W&V Redaktion

7. März 2019

Austin, Texas, wird ab Freitag zum Schmelztiegel der Nationen auf der SXSW
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Seit einer Stunde bin ich in Downtown Austin und alles, was ich bisher getan habe, ist Apps zu installieren, mit denen ich mich in der Stadt fortbewegen kann. E-Roller, E-Scooter, E-Bikes, Uber, Lyft: Alles, was es in Deutschland an alternativen Fortbewegungsmitteln nicht gibt, gibt es in Austin.

Allein für die trendigen, elektronischen Tretroller à la Bird existieren mindestens vier Anbieter. An jeder Straßenecke stehen mindestens ein halbes Dutzend davon rum, mit ein paar Klicks hat man sich in der App registriert, die Zahlung per Kreditkarte eingerichtet und schon flitzt man mit 15 Meilen pro Stunde, also gut 24 km/h, durch die Straßen von Austin. So cool fühlt sich also diese Stadt an, die ab Freitag, 8. März, zum Schmelztiegel für alle wird, die sich dafür interessieren, wie sich unsere Gesellschaft und Kultur im 21. Jahrhundert verändern werden.

Ein Erstling auf Tour

Noch fühlt sich Austin sehr nach Ruhe vor dem Sturm an. Lediglich ein paar Plakate und Fahnen an Straßenlaternen künden von dem Zirkus, der hier bald losgehen wird. Dazu sieht man immer wieder schwer beladene Umzugswagen und Lkws am Straßenrand stehen. Hilfsarbeiter tragen trotz ungewohnt frostiger Temperaturen im T-Shirt Bühnenteile und Musikequipment in die Clubs und Bars auf der 6th Street, der Partymeile von Austin.

Mobil in Austin

Bevor ich hier einen auf alter Hase mache, sollte ich aber vielleicht etwas klar stellen: Ich weiß noch nichts über Austin und diese verrückte Veranstaltung; außer, dass man sie auf Social Media #SXSW und im Gespräch von Angesicht zu Angesicht "South-by" abkürzt. Ich bin das erste Mal vor Ort und cruise darum erstmal reichlich verwirrt und einigermaßen überwältigt zwischen gläsernen Hochhausfassaden und protzigen, texanischen Pseudo-Renaissance-Bauten herum. Kommt es mir nur so vor oder ist hier alles ein bisschen größer, als es eigentlich sein müsste? Zum Glück dauert es nur ein paar Stunden, bis ich meine erste South-by-Bekanntschaft mache.

Deutsche lieben die "South-by"

Felicitas Hackmann lerne ich über eine WhatsApp-Gruppe kennen, in der sich ein paar deutsche Teilnehmer vernetzen. Schnell haben wir uns verabredet und ich bekomme einen Crash-Kurs in Sachen SXSW von Feli. Sie ist schon zum achten Mal dabei, und damit sowas wie eine South-by-Veteranin, die nicht nur für mich ein paar gute Tipps hat. "Du warst also schon in Austin, bevor die gesamte deutsche Medienfilterblase hierher gepilgert ist", sage ich zu ihr mit ganz unironischer Anerkennung.

So ein bisschen habe ich ja schon das Gefühl, late to the party zu sein. Immerhin hat sich das Tech-, Digital-, Film- und Musikfestival längst zum Mekka für die heimische Digitalbranche entwickelt. Mehr als 1.200 deutsche Besucher waren im vergangenen Jahr hier, verrät die Webseite des German Haus, der deutschen Vertretung in Austin für die Dauer der SXSW. Für dieses Jahr haben sich auf der Networkingplattform der Konferenz bereits 861 deutsche Teilnehmer registriert. Mehr auswärtige Besucher kommen nur aus Brasilien und Großbritannien.

Großes Hallo

Auf sie wartet ein Programm, dass so überwältigend ist wie die Hochhäuser im Austin, von denen sich jedes Jahr ein paar mehr im pulsierenden Zentrum auftürmen, sagt Austin-Kennerin Feli. Rund 5.000 Speaker sprechen an zehn Tagen in 29 Thementracks über Dinge wie Blockchainanwendungen in der Ernährungsbranche, Trends in E-Sports, VR und AR oder auch die Anforderungen der modernen Cannabis-Konsumenten. Dazu kommen unzählige Film- und Serienpremieren, Konzerte, Partys und Side-Events von Konzernen wie Microsoft, Daimler oder LinkedIn. Es ist ein irres Spektrum, dass die Republica wie ein gemütliches, kleines Barcamp wirken lässt.

Ich habe mir nur zwei Panels notiert, die ich unbedingt sehen möchte. Da ist einmal Roger NcNamee. Der Investor und Mentor von Mark Zuckerberg rechnet in seinem aktuellen Buch "Zucked" mit Facebook ab. Auf der South-by will er erklären, wie die Plattform und ihre Geschäftsführung nicht nur das Internet, sondern gleich die Demokratie in den USA und anderen Ländern ausgehöhlt hat.

Einfach treiben lassen

Und dann muss ich noch dem Fanboy in mir was Gutes tun. Der will nämlich auf keinen Fall Neil Gaiman verpassen. Die Fantasy- und Comicbuch-Legende ("Sandman", "American Gods") stellt mit großem Pomp seine neue Amazon-Serie "Good Omens" vor. "Mindestens eine Stunde vorher da sein! Sonst kommst du nicht mehr rein", empfiehlt South-by-Expertin Feli mir. Ansonsten: Nicht zu viel vornehmen, treiben lassen und einfach die Atmosphäre genießen.

Wahrscheinlich ist das der genau der richtige Weg, denke ich mir, während ich auf meinem E-Scooter immer entspannter durch Austin cruise. Nachdem ich eine Stunde in Downtown unterwegs war, fühlen sich die ersten Ecken bereits vertraut an. Auch die SXSW wird für mich eine solche Entdeckungstour sein, von der ich zu Beginn wahrscheinlich überwältigt sein werde, aber auf der ich mich hoffentlich schnell zurecht finde.

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