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Messe-Aus
Cebit-Nachrufe: "Mit ihr wurde die digitale Angst in Deutschland etwas weniger"

Die Cebit ist Geschichte. Nicht ganz unerwartet und am Ende doch überraschend hat die Hannover Messe den Stecker gezogen. Branchenköpfe erinnern sich.

Text: Anonymous User

28. November 2018

Klaus Eck: "Es scheint die Zeit gefehlt zu haben, die Marke Cebit neu aufzuladen".
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Judith Sterl: "Liebe war es nie"

"Meine erste Cebit habe ich im Jahr 2000 als PR-Volontärin besucht. Die Wochen vorher in der Agentur waren geprägt von Hysterie und Vorfreude. Nahezu alle unsere IT-Kunden und auch alle sonstigen grossen und kleinen Marken waren auf der Messe vertreten. Einer unserer Kunden war damals Viag Interkom (heute Telefonica/O2), die fast eine ganze Halle (!) komplett für sich hatten. Gigantisch waren die Stände und Auftritte, man kam aus dem Staunen kaum heraus. Kein Wunder, denn die Cebit war auch international absolut gesetzt und man reiste aus aller Herren Länder an. Liebe war es zwischen der Cebit und mir aber ehrlicherweise nie. Das mag daran gelegen haben, dass Hannover uns im März immer mit Schnee, Regen oder beidem empfing und auch daran, dass die Kunden, die ich betreute grundsätzlich in völlig entgegengesetzten Richtungen waren, zum Beispiel in Halle 2 und 19, und ich ständig dazwischen und zwischen dem Pressezentrum hin- und herpendeln musste. Dafür gab es auf dem riesigen Gelände damals sogar eigene Busse. Es war kalt, es war nass, es war laut und irgendwie war es immer ein tolles Gefühl, wenn die Messe vorbei war und die Kunden zufrieden - auch wenn mir danach noch jeweils eine Woche lang die Ohren geklingelt haben.

In den Jahren danach, als das Internet immer wichtiger wurde, war es lange relativ schwer, sich als Online-Unternehmen wie Overture oder Yahoo dort inhaltlich zu platzieren, denn man war ja erfolgsverwöhnt und die klassischen IT-Giganten waren noch stark und omnipräsent.

Das war vielleicht eines der Beispiele, wieso es die Cebit künftig nicht mehr geben wird: Man hat Trends verschlafen, man führte keinen Dialog und hat sich lange vor Veränderungen verschlossen. Dennoch werde ich den Gedanken vermissen, dass es eine Cebit gibt, denn bei allem Chaos, allem Gigantismus und all dem schlechten Wetter, verbinde ich mit dieser Messe viele berufliche und persönliche Erlebnisse, Erfahrungen und Erfolge - es war einfach eine tolle Zeit!"

Judith Sterl macht nach ihrem Ausstieg bei Score Media gerade Pause und beobachtet trotzdem die Branche.

Björn Eichstädt: "Das neue Konzept ließ mich eigentlich hoffen"

"Vom Ende der Cebit habe ich gerade im Flieger von Tokyo nach München erfahren. Das Ende war ja schon lange herbeigeredet worden, denn die großen Player waren der Messe immer häufiger ferngeblieben und die Hochphase der New Economy, die ich selbst gerade noch mitbekommen habe, war auch schon lange vorbei. Der Umbau und ein neues Konzept ließen sehr lange auf sich warten. Dass dieses dann 2018 endlich da war - und auch noch gut umgesetzt wurde - das ließ mich eigentlich hoffen. Umso mehr überrascht die jetzige Entwicklung. Offenbar wollten nicht mehr genug zahlende Aussteller das Konzept mittragen oder hatten auf der Hannover Messe schon eine neue Heimat gefunden. Schade."

Björn Eichstädt ist Geschäftsführer der Agentur Storymaker und in Sachen Cebit unvoreingenommen: Die große Zeit der Messe  kennt er fast nur noch vom Hörensagen.

Christian Spanik: "Danke für eure Arbeit, Cebit-Team"

"Wir waren uns vor ein paar Monaten einig mit allen Gästen hier im Live-Studio bei der Cebit: das ist ein Marathon mit der neuen #cebit. Ich habe damals am Ende der Messe ein Video gemacht, wo ich gesagt habe, dass wir an einem Scheidepunkt sind. "Kreative Leute zum Mitreisen gesucht" war der Titel. Nun hat jemand eine Entscheidung getroffen. Nicht nur bei der Messe, sondern auch in der Branche. Ich finde sie nicht gut. Nicht weil man etwas festhalten muss, nur weil es immer schon so war. Sondern, weil man sich darüber klar war, dass das keine Sache von einem Jahr ist, den Umbau und die Neu-Ausrichtung zu stemmen. Und weil wir die Chance hatten, weiter einen digitalen Hub in Deutschland zu haben, der die Chance auf weltweite Bedeutung hatte. Das war meine Überzeugung. Und das ist meine Überzeugung. Aber es ist wie es ist. Und ich denke, wir werden alle das Beste daraus machen. Danke für eure Arbeit, Cebit-Team."

Christian Spanik war als Geschäftsführer von Netproducer Partner der Cebit. 

Klaus Eck: "Mit ihr wurde die digitale Angst etwas weniger"

"Die Cebit ist eine starke Marke gewesen, die mich emotional sehr angesprochen hat, weil ich sehr bewegende Momente mit ihr verbinde und sie zu den ersten Messen gehört, die bereits in den 90er Jahren deutlich gemacht hat, dass die Digitalisierung und dieses Internet nicht vorbeigehen. Besonders in den Jahren der New Economy verstand es die Marke, viele Menschen anzulocken und zu faszinieren. Mit ihr wurde die digitale Angst hierzulande etwas weniger. Ich werde die Cebit vermissen, weil sie zuletzt Bloggern, Influencern und anderen Digitalen wieder ein Podium gab. Der Anfang schien vielversprechend zu sein. Doch es scheint die Zeit gefehlt zu haben, die Marke Cebit neu aufzuladen."

Klaus Eck ist Gründer und Geschäftsführer der Münchner Agentur D.Tales und Herausgeber des "PR-Blogger". Er erlebte zahllose Cebit-Termine als Journalist und Berater.

Georg Albrecht: Ich werde das Familientreffen vermissen"

"Die Besucherzahlen waren rückläufig und die Ifa wurde immer attraktiver. Langfristig hätte man den Bereich Consumer sowie ein jüngeres Publikum schon sehr viel früher fest in das Messekonzept integrieren müssen. Die etwas bemühte Ansprache jüngerer Zielgruppen in diesem Jahr konnte dieses Manko nicht mehr kaschieren. Mir persönlich tut das sehr leid und ich bedauere die Entscheidung. Meine erste Cebit war 1995 und seitdem habe ich viele, viele Messetage in Hannover verbracht. Das Schönste an der Cebit waren immer die vielen Begegnungen mit interessanten und netten Menschen, im Grunde war es jedes Jahr ein Familientreffen der IT-Branche. Das werde ich sehr vermissen."

Georg Albrecht ist Kommunikationschef von Lenovo und Motorola in Deutschland und Österreich. Die goldenen Cebit-Jahre um 2000 erlebte er als Apple-Sprecher.

Karsten Lohmeyer: "Ja, die Cebit war mal cool"

Dass die Cebit einmal richtig cool war, ist heute schwer zu vermitteln. Aber als junger Technik-Journalist war die Monstermesse Ende der 90er und Anfang der 2000er eine Offenbarung für mich – mit den coolsten Gadgets, den wichtigsten Neuheiten und den heißesten Standpartys.

Doch darauf hatte man, erfolgstrunken, irgendwann vermutlich keine Lust mehr. Wir sind eine B2B-Messe, hieß es jahrelang. Sollen die anderen sich ums Entertainment kümmern, wir machen Business, hieß es.

Dass B2B längst Human to Human gewichen ist, dass die Technologie mit Smartphones und dem allgegenwärtigem Internet mitten in der Gesellschaft gelandet ist und dass eine Messe in Zeiten des Internets und Digitalisierung auch ein emotionales Happening sein muss, haben sie in Hannover leider viel zu spät erkannt. Und auch, dass Hannover eben nicht Berlin, Barcelona oder Austin ist.

Karsten Lohmeyer ist Journalist, Digitalberater und Gründer des Blogs Lousypennies. Er schreibt regelmäßig für LEAD, wo die  komplette Version seines Cebit-Textes erschienen ist.

Nico Lumma: "Die digitale Transformation frisst ihrer Kinder"

Vor 20 Jahren bin ich zur CeBIT Zeit von Göttingen in vollgestopften ICE nach Hannover gepilgert, ins Mekka der Technik. Das ist lange her. Ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück, aber ich finde den jetzigen Schnitt konsequent, wenn auch überfällig. Die CeBIT war schon lange in die Jahre gekommen und sehnte den Zeiten nach, als sie noch Taktgeber der Branche war. Kill your darlings, die digitale Transformation frisst ihre Kinder und wer an veralteten Konzepten zu lange festhält, wird überflüssig. Das hat jetzt auch endlich die Deutsche Messe in Hannover gemerkt und dem langen Leiden der CeBIT ein Ende gesetzt.

Nico Lumma ist Managing Partner beim Next Media Accelerator und gehört zu den profiliertesten Digital-Experten im deutschsprachigen Raum.

Dominik Matyka: "Alte Zielgruppe verschreckt"

Die Cebit galt lange als Flagship für IT und hatte dann schließlich nach 32 Jahren den Anschluss verloren. Zu unspezifisch, zu wenig fokussiert, zu wenig echtes Agenda Setting, so die Kritik, die immer lauter wurde. Die Besucher- und Ausstellerzahlen sind schon lange rückläufig – für aufmerksame Beobachter kommt das Ende also nicht überraschend. Der Versuch über einen Festival-Charakter wieder die alte Relevanz zu erzeugen, ist leider fehlgeschlagen. Das verschreckt die alte Zielgruppe und lockt keine neue an.

Dominik Matyka, u25 ventures, ist ein international erfolgreicher Entrepreneur (Plista), Wagniskapitalgeber und Startup-Gründer. Seit 2018 ist er Chefberater der Dmexco. 

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