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Bewertungsportale & Fake-Profile
Kartellamt untersucht Nutzerbewertungen

Das Bundeskartellamt will Bewertungsportale auf ihre Anfälligkeit gegen Fälschungen prüfen. Manipulationen schon gefunden haben Rechercheure - bei der AfD.

Text: W&V Redaktion

23. Mai 2019

Bewertungen und Profile: Das Internet bietet Transparenz und Informationen, ist aber zugleich anfällig für Manipulationen.
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Wer online ein Urlaubsdomizil sucht oder Naturkosmetik, eine Bluetoothbox oder einen Schulranzen, der verlässt sich gern auf die Bewertungen, die andere Nutzer hinterlassen haben: Ein Produkt, das bei 500 Käufern auf knapp 5 Sterne kommt, muss doch besser sein als eins mit nur 2 Bewertungen oder nur einem Stern.

Prinzipiell ist das eine der für alle nützlichen Erfindungen des Internetzeitalters. Immer wieder aber gibt es Missbrauchsvorwürfe: Es tauchen (Einzel-)Fälle auf, bei denen die Bewertungen manipuliert wurden. 

Dem will nun das Bundeskartellamt nachgehen. Die Bonner Behörde kündigte heute an, eine "Sektoruntersuchung zu Nutzerbewertungen im Internet" einzuleiten.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes: "Nutzerbewertungen sind neben dem Preis das wichtigste Entscheidungskriterium für Verbraucher beim Onlinekauf." Auch bei der Wahl eines Arztes, Handwerkers oder Restaurants würden Verbraucher häufig auf Bewertungen vertrauen. Da es aber Hinweise gebe, "dass Nutzerbewertungen nicht selten gefälscht oder manipuliert" seien, will das Bundeskartellamt nun herausfinden, "welche Bewertungssysteme dafür besonders anfällig sind und inwieweit hier gegebenenfalls Verbraucherrechtsverstöße vorliegen", sagt Mundt.

Gegenstand der Untersuchung seien auch Bewertungen von Bots sowie Bewertungen für eine Gegenleistung, die nicht transparent gemacht wurde. "Wenn Verbraucher aufgrund nicht-authentischer Bewertungen zu falschen geschäftlichen Entscheidungen verleitet werden, kann dies einen Verbraucherrechtsverstoß darstellen", so das Bundeskartellamt.

In den kommenden Monaten will die Behörde Betreiber von "Internetportalen, die Nutzerbewertungen darstellen und/oder Dienstleistungen zu Nutzerbewertungen anbieten, mündlich und schriftlich befragen". Die Ergebnisse der Befragung werden dann veröffentlicht.

Folgen hat das nicht unmittelbar. Wie das Bundeskartellamt klarstellt, könne es zwar "Untersuchungen durchführen und etwaige Verstöße und Defizite in der Rechtsdurchsetzung identifizieren. Die Befugnis, aufgedeckte Rechtsverstöße auch per behördlicher Verfügung abzustellen, ist damit bislang hingegen nicht verbunden". 

Im Bereich Verbraucherschutz hat das Bundeskartellamt bereits Vergleichsportale und Smart-TVs untersucht. Letztere läuft noch, zu ersterer hat das Bundeskartellamt festgestellt, dass teilweise Irreführung, Transparenzverstöße und Schleichwerbung vorlägen. Konsequenzen hat das bislang nicht.

Manipulationen auf Twitter und Facebook

Derweil haben T-Online.de und Netzpolitik.org recherchiert, mit welchen Tricks die AfD auf Twitter arbeitet, um Reichweite zu suggerieren. Die Rechercheure fanden Accounts, die "massenhaft Spam-Follower aus aller Welt"  aufweisen.

"Recherchen von T-Online.de und Netzpolitik.org zeigen aber, dass im Umfeld der AfD im großen Stil offizielle Accounts in inoffizielle und umgekehrt wechselten und auf diese Weise Unterstützung auf Twitter vorgetäuscht wurde", heißt es auf der Nachrichtenseite von T-Online. "Illegal ist das nicht, aber Kommunikation unter falscher Flagge, man könnte auch sagen: Ein legaler Versuch, die Öffentlichkeit hereinzulegen."

Der AfD-Bundesverband habe die Vorgänge nicht kommentiert, sich aber von einem der mutmaßlichen Strippenzieher getrennt.

Die Rechercheergebnisse und zahlreiche Beispiele finden Sie hier.

Gefälscht wird von der AfD auch auf Facebook: Eine Untersuchung des Medienwissenschaftlers Trevor Davis (George-Washington-Universität) hat ergeben, dass rund 200.000 mutmaßlich gefälschte Facebook-Accounts für die AfD werben. Darüber berichten unter anderem ZDF heute und die Tagesschau (ARD). Davis hat Facebook-Accounts identifiziert, die nach eigenen Angaben in Afrika, Südamerika, in Osteuropa oder im arabischen Raum leben - und Inhalte der AfD verbreiten, schreibt die Heute-Redaktion und zitiert den Medienwissenschaftler: "So etwas haben wir in keinem anderen Land der Welt, das wir untersucht haben, gefunden. Das sollte die Deutschen beunruhigen."

Die Folge: Die AfD dominiere Facebook, keine andere Partei erreiche eine solche Reichweite. Das Problem: Reichweite suggeriert den Algorithmen Relevanz.

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