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Barack Obama:
"Start-up-Kultur entsteht nur, wenn Gesellschaften in Kinder investieren"

Die Start-up-Szene feiert Barack Obama auf der Bits & Pretzels wie einen Popstar. Er spricht über Diversität, Bildung und Lösungen für den Klimawandel. Seine Message: Tech hilft, aber nicht nur.

Text: W&V Redaktion

29. September 2019

Andreas Bruckschlögl, Felix Haas, Barack Obama und Bernd Storm van's Gravesande (v.l.)
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Was wollen Münchner wohl als erstes von einem Ex-US-Präsidenten auf Deutschlandbesuch wissen? Na klar, ob er aufs Oktoberfest geht. „Der Secret Service wird ein bisschen nervös, wenn ich mich mit 10.000 anderen Menschen in so ein Zelt setze“, lautet Barack Obamas zugegebenermaßen unkonkrete Antwort. „Vielleicht erlauben sie es, wenn ich mir einen Fake-Schnurrbart anklebe.“ Das Publikum applaudiert.

Viele Besucher der Bits & Pretzels hatten gehofft, dass Obama bei seinem Auftritt auf dem Münchner Gründerfestival in Lederhose auf die Bühne tritt. Schließlich gehört auf dem Event zum guten Ton, bayerische Tracht zu tragen. Die Veranstalter hatten ihm sogar extra mehrere Exemplare auf sein Hotelzimmer gelegt. Er winkt ab, gibt aber zu: „Ich habe die Leserhose im Hotel probiert. Sie sah ziemlich gut an mir aus.“ Er lacht. Und mit ihm die 5000 Gäste in der Münchner Messe.

Beim nächsten Thema wird er konkreter. Es geht um Frauen in der Gründerszene und in Führungspositionen. Denn auch im Münchner Publikum sitzen deutlich mehr Männer als Frauen. Britta Weddeling, Editor-in-Chief bei Bits & Pretzels, fragt ihn ganz konkret, wie und warum er es geschafft habe, den Frauenanteil im US-Parlament zu erhöhen. „Als Präsident habe ich folgendes festgestellt: Je mehr unterschiedliche, Menschen, Perspektiven und Kompetenzen ich in meinem Umfeld hatte, umso besser waren die Ideen, die wir gemeinsam entwickelt haben.“

Barack Obama mit Britta Weddeling, Editor in Chief bei Bits and Pretzels

„Ich habe den Männern gesagt, sie sollen still sein“

Aber er beobachte, dass das in Organisationen oft vergessen wird: „Auch im weißen Haus war es oft so, dass zwar viele Frauen am Tisch saßen, aber trotzdem haben nur die Männer gesprochen. Selbst wenn sie inhaltlich nichts zu sagen hatten. Die Frauen waren zurückhaltender, wollten nicht unterbrechen.“ Deshalb habe er mit den Frauen einzeln geredet und versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Frauen wohler fühlen, ihre Stimme zu erheben.

Das müsse vor allem in der Techbranche passieren, um mehr Selbstbewusstsein bei den Frauen zu schaffen. „Was haben die Männer im Weißen Haus dazu gesagt?“, fragt Britta Weddeling. „Ich habe den Männern gesagt, sie sollen still sein“, lacht er – und mit ihm das männlich dominierte Publikum.

Beim Thema Klimakrise teilt er gegen seinen Nachfolger Donald Trump aus, ohne dessen Namen zu nennen: „Ich habe den Eindruck, als hätte ich ein gebildetes Publikum vor mir sitzen“, sagt er provokativ. “Das brauche ich nicht zu überzeugen, dass die Klimakrise echt ist.“ Er betont die Bedeutung von technischen Lösungen, um den Klimawandel zu stoppen. Aber nicht nur: „Wir müssen sie auch anwenden, wir müssen Bewusstsein schaffen, die Probleme laut aussprechen und die Politik muss den Wandel vorantreiben und skalieren.“ Sei es mit Gesetzen oder etwa Steuervorteilen. „Wir können nicht erwarten, dass diese großen Veränderungen von selbst kommen.“   

Bei Bildung sparen lässt keine erfolgreiche Wirtschaft entstehen

Genauso wenig wachse eine Start-up-Kultur von selbst. Staaten müssen einen Nährboden schaffen, auf dem Ideen und Jungunternehmen wachsen und gedeihen können. Investitionen und Schulen, Universitäten, Grundlagenforschung seien die Basis für eine Gründerszene. „Eine Start-up-Kultur kann nur entstehen, wenn Gesellschaften in Kinder und Bildung investieren“, sagt er. „Irgendwie glauben manche, wir können bei Bildung, Schule und Universitäten sparen, aber trotzdem eine erfolgreiche Wirtschaft haben – das stimmt nicht.“

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Und auch bei diesem Thema teilt er aus. Diesmal gegen die GAFAs: „Ich kenne Menschen im Silicon Valley, die stecken ihr Geld lieber in eigene Projekte, statt ihre Steuern zu zahlen.“ Aber er bemerkt mit einem Augenzwinkern: „Damit meine ich natürlich niemand bestimmten.“ Die Länder, die am erfolgreichsten sind, er nennt Norwegen als Beispiel, würden die Balance zwischen Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und Regeln finden, sagt er. 

"Es hat sich eine gewisse Arroganz eingestellt"

Fast schon philosophisch wird er, als die Moderatorin ihn nach der Radikalisierung von Gesellschaften und rechten Strömungen fragt. Er antwortet mit größtmöglicher Diplomatie: „Es ist ein innerer Instinkt, alles Fremde als Gefahr wahrzunehmen und den eigene Stamm zu schützen gegen das, was von außen kommt.“ Mit der Demokratisierung und dem Frieden seit dem zweiten Weltkrieg sei das nicht mehr notwendig gewesen.

Aber dadurch hätte sich eine gewisse Arroganz eingestellt. Und es sei nun mal nicht zu leugnen, dass Globalisierung und Kapitalismus vor allem die Gebildeten bevorzugen. „Deshalb kommen die alten Denkmuster bei manchen zurück.“ Das sei falsch und dem könne man nur mit sozialeren Systemen und mehr Umverteilung begegnen.

Ein Popstar, der den Ton trifft

Warum er optimistisch für die Branche ist, lautet die letzte Frage nach rund einer Stunde Gespräch auf der Bühne. „Weil das meine Natur ist.“ Ein Mann mit dem Namen Barack Hussein Obama – er betont seinen Zweitnamen –, der es ins weiße Haus geschafft hat, könne nur ein optimistischer Mensch sein. Aber nicht nur das stimmt ihn zuversichtlich: „Die jungen Leute heute sind so gut ausgebildet, so positiv, so ambitioniert, so innovativ – darin steckt so viel Kraft und Potenzial.“

Damit holt er das Publikum ab. Die Besucher stehen auf von ihren Stühlen und applaudieren, als er winkend die Bühne verlässt. Wie ein Popstar. Einer, der mit jedem Satz den richtigen Ton trifft. Einer, der zwar keinen wirklich neuen Song bringt, aber zwischendurch für überraschende Lacher sorgt. Einer der Wohlfühlathmosphäre schafft und die Teilnehmer glücklich macht – die schon vorher seine Fans waren und es jetzt wahrscheinlich noch ein bisschen mehr sind.

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