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Coronavirus
BCG-Studie: Kurzarbeit torpediert Strukturwandel

Die Boston Consulting Group hörte sich bei Unternehmen um und stellt fest, dass Kurzarbeit ein zweischneidiges Schwert ist. Sie ermöglicht den Erhalt von Arbeitsplätzen, verzögert jedoch notwendige Change-Prozesse.

Text: W&V Redaktion

13. November 2020

Change-Prozesse werden aufgeschoben, Schuld ist unter anderem die Kurzarbeit.
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Kurzarbeit als Folge der Corona-Krise behindert nach einer Umfrage schon jetzt die Erneuerung in deutschen Großunternehmen. Etwa die Hälfte der befragten Firmen mit Kurzarbeit habe Innovationsprojekte gestoppt oder deutlich verlangsamt, berichtete die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in Düsseldorf. Zugleich hätten vier von zehn Unternehmen angegeben, sie hätten ohne Kurzarbeit Arbeitsplätze abbauen müssen.

Boston Consulting hatte Entscheidungsträger von 70 deutschen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von jeweils mehr als einer Milliarde Euro und insgesamt gut 1,4 Millionen Mitarbeitern befragt.

55 Prozent gaben demzufolge an, ihre Produktivität habe unter den Bedingungen der Kurzarbeit abgenommen. "Flexible Arbeitsmodelle oder gezielte Weiterbildungen können Mitarbeiter selbst in der aktuellen Krisensituation motivieren", sagt Reinhard Messenböck. Auch die aktive Involvierung von Mitarbeitern in Trans­formationen und eine klare Artikulation der Veränderungsgründe können dabei helfen, Mitarbeiter motiviert und produktiv zu halten.

"Viele von Kurzarbeit betroffene Mitarbeiter empfinden ihre Situation als belastend", gibt Messenböck zu bedenken. "Das wirkt sich auf die Unternehmenskultur aus." Die BCG-Umfrage zeigt, dass rund die Hälfte der Kurzarbeiter unzufrieden ist und sich gegenüber Kollegen ungerecht behandelt fühlt. "Transparente Entscheidungen und eine gute Kommunikation – etwa regelmäßige Mitarbeitergespräche – helfen Unsicherheiten und Ängste in der Belegschaft abzubauen", sagt Messenböck. Er empfiehlt zudem, regelmäßig für einzelne Abteilungen zu prüfen, ob und wieweit Kurzarbeit überhaupt noch notwendig sei. "Mitarbeiter können Entscheidungen dann besser nachvollziehen. Letztlich geht es darum, Kurzarbeit fair anzuwenden."

Nach Schätzung von Boston Consulting wurden durch Kurzarbeit seit dem ersten Shutdown im Frühjahr etwa 2,4 Millionen Arbeitsplätze erhalten. "Kurzarbeit hilft, die akute Krise zu meistern", sagte Boston-Consulting-Manager Reinhard Messenböck. "Zu lange eingesetzt, kann sie jedoch überholte Strukturen festigen und so die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährden." Und: "Es besteht die Gefahr, dass Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückfällt, wenn sich Transformationsprojekte weiter verzögern und notwendige Personalanpassungen ausbleiben."

"Erfolgreiche Unternehmen warten nicht einfach auf die Erholung der Konjunktur, sondern treiben laufende Transformationen voran und gehen strukturelle Probleme konsequent an", sagt Messenböck. Der Nachholbedarf in Deutschland ist groß. Bereits vor der Krise schätzte nur ein Drittel der Firmen hierzulande die vorhandenen Kom­petenzen für die digitale Transformation als ausreichend ein. Im weltweiten Schnitt fühlte sich dagegen bereits die Hälfte der Unternehmen für die Digitalisierung gut aufgestellt.

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