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Pro Quote
Im Rundfunk stehen zu wenig Chefsessel für Frauen

Frauen hinterm Mikro sind längst Alltag. Beim Nachwuchs stellen sie die Mehrheit. Nur in Führungspositionen sieht man sie im Rundfunk deutlich seltener. Der Verein Pro Quote sieht Luft nach oben.

Text: W&V Redaktion

22. November 2018

Gerne am MIkro, seltener auf Führungspositionen: Frauen im Radio.
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Frauen sind im Rundfunkjournalismus nichts Ungewöhnliches mehr. Sie arbeiten als Reporterinnen oder Moderatorinnen, am Mikro oder vor der Kamera - aber in den Chefetagen haben dennoch meistens Männer das Sagen. Das ist das Ergebnis der "Studie zur Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen" des Vereins Pro Quote, die in Berlin vorgestellt wurde. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte die Studie gefördert.

Sowohl bei den öffentlich-rechtlichen als auch bei den privaten Sendern sei etwa die Hälfte der Belegschaft weiblich, beim journalistischen Nachwuchs seien die Frauen sogar deutlich in der Mehrheit, heißt es in der Studie mit Schwerpunkt Rundfunk in Deutschland. Das sieht in den oberen Führungsetagen und in herausragenden journalistischen Positionen anders aus.

Bei den meisten öffentlich-rechtlichen Sendern liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen in den für die Studie untersuchten Bereichen zwischen 30 und 40 Prozent. Branchenübergreifend liegt der Wert in Deutschland bei 29,2 Prozent - den Vergleich müsse der öffentlich-rechtliche Rundfunk daher nicht scheuen. Aber in der Studie heißt es auch: "Gerade in den höchsten Positionen mit großer Außenwirkung sind Frauen noch stark unterrepräsentiert."

An der Spitze der Sender stehen nach wie vor fast ausschließlich Männer: "Von den zwölf Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind nur zwei weiblich." Ausgewogenheit der Geschlechter in Positionen mit Programmverantwortung gebe es bisher nur bei einzelnen Sendern. "Vorbildlich aus unserer Sicht sind die Deutsche Welle und der RBB", sagte die Projektleiterin der Studie, Anna von Garmissen.

Denn Pro Quote hat nicht nur geguckt, wie viele Frauen in Leitungspositionen arbeiten, sondern auch den sogenannten Frauenmachtanteil ermittelt. Dafür wird gewichtet, auf welcher hierarchischen Ebene Frauen Verantwortung haben - ganz oben zählt mehr als etwas weiter unten. Beim Frauenmachtanteil kommt die Deutsche Welle auf 51,9 Prozent, der RBB auf 51,0 Prozent - klare Spitzenpositionen im Pro-Quote-Ranking.  Auch WDR (44,6 Prozent), NDR (40,1 Prozent) und ZDF (39,4 Prozent) befinden sich auf dem Weg zu einer ausgeglichenen Teilhabe der Geschlechter in Spitzenpositonen. Die Führungsebenen kleinerer Anstalten wie Radio Bremen (32,2 Prozent), Saarländischer Rundfunk (25,6 Prozent) und Deutschlandradio (24,3 Prozent) sind hingegen noch weitgehend männlich geprägt.

Aber auch in anderen Bereichen im Rundfunk sind Frauen der Studie zufolge unterrepräsentiert: Von den Auslandsberichterstattern beispielsweise seien nur 31,6 Prozent weiblich, bei den "Tagesthemen"-Kommentaren seien im vergangenen Jahr 37,6 Prozent von Frauen gesprochen worden. Die Kontrollgremien seien ebenfalls mehrheitlich mit Männern besetzt. In den Rundfunkräten liege der Frauenanteil bei 41,5 Prozent, in den Verwaltungsräten bei 38,5 Prozent.

Angaben zu Privatsendern macht die Studie nicht. Weder die RTL-Gruppe noch ProSiebenSat.1 ließen sich beim Thema Frauenanteil in Führungspositionen ausreichend in die Karten schauen. Die Informationen, die Pro Quote zur Verfügung gestanden hätten, legten aber nahe, dass Frauen dort noch stärker unterrepräsentiert seien als zum Beispiel bei ARD und ZDF.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey wies darauf hin, dass Aufstieg immer auch mit Mobilität und Flexibilität zu tun habe. "Und an der Stelle kommen wir auch zu Problemen, von denen Frauen offenbar mehr betroffen sind als Männer. I hate to say it, dass ich immer wieder in die Situation komme, dass Frauen, denen ich bestimmte Führungspositionen anbiete, sagen: Es geht nicht, mein Mann zieht nicht mit, die Kinder sind in der zwölften Klasse." Das begegne ihm bei Frauen öfter als bei Männern. Wie das kommt? Das liege nicht zuletzt daran, dass begleitende Partner weniger bereit seien, Zugeständnisse zu machen als begleitende Partnerinnen, sagte Frey.

dpa

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