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Positive Psychologie
JvM-Recruiting: Götz Ulmer liebt Spinner und Outsider

Der bekennende Heavy-Metal-Fan Götz Ulmer hat ein Herz für anarchistische Ideen, aber ein preußisches Arbeitsethos. Wie das zusammengeht, erzählt er im Interview mit Nico Rose.

Text: W&V Redaktion

24. Juli 2019

Schwierige Briefings machen am meisten Spaß, sagt Götz Ulmer, Kreativchef bei Jung von Matt.
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Wie kann Arbeit wieder Spaß machen? Nico Rose erforscht in seinem neuen Buch "Arbeit besser machen", wie Unternehmen mithilfe der Positiven Psychologie besser ihre Ziele erreichen können. Dazu hat er Interviews mit Forschern und Firmenlenkern geführt, darunter auch Götz Ulmer, seit 23 Jahren bei Jung von Matt, heute Partner und Kreativchef. Hier ein Auszug aus dem Buch:  

Götz, was ist für dich der Schlüssel zum Erfolg bei Jung von Matt?

Wir richten uns nach sieben Leitsätzen, die seit Gründung der Agentur 1991 existieren und trotz medialer und digitaler Revolution nur wenig angepasst werden mussten:

  • Wir lieben Ideen.
  • Wir glauben an die Kraft von Kommunikation.
  • Wir kämpfen für die beste Lösung.
  • Wir sind kritischer mit uns als mit anderen.
  • Wir kommunizieren auf Augenhöhe.
  • Wir handeln und beraten unabhängig.
  • Wir bleiben unzufrieden.

Insgesamt bringt das die vorherrschende – recht preußische und deshalb von mir geliebte Arbeitsethik – recht exakt auf den Punkt. Ich hasse "Luftpumpen" und die haben wir in der Branche wahrlich genug. Wir liefern kreative Exzellenz und haben dabei jeden Tag den Anspruch, die kreative und somit effiziente Nummer 1 zu sein. Das ist weniger elitär, als es sich anhören mag, denn die Grenzen von Leidenschaft und täglichem Broterwerb verschwimmen in unserem Gewerk recht häufig. Infolgedessen gilt für fast alle Mitarbeiter die alte Kalenderblattweisheit: "Gehe lieber deiner Berufung nach statt eines Berufs.§

Diese Haltung kann nicht von oben verordnet werden kann, sondern steckt tief in der DNA der Leute, die zu uns kommen (wollen). Und sie muss vor allem mit neuer Inspiration am Brennen gehalten werden. Hierbei empfehlen sich Events, die nicht direkt etwas mit der täglichen Arbeit zu tun haben, z. B. Festivals, Ausstellungen oder Prototyping. Somit herrscht das Prinzip des ehernen Kreislaufs: Nur die (für uns) besten Leute sind imstande, die beste Arbeit abzuliefern – was uns in Folge zur besten Agentur macht, die wiederum die besten Leute anzieht, die alsbald wieder die beste Arbeit abliefern. Ich stelle mit großer Freude und Risikolust die Spinner ein, die Outsider, über die früher im Dorf der Kopf geschüttelt wurde, und die, die in Konzernstrukturen elendig zugrunde gehen würden. Denn das sind die, die wirklich anders denken.

Derzeit ist das Thema Design Thinking in aller Munde. Hop oder top aus deiner Sicht?

Ehrlich gesagt läuft und lief der kreative Entstehungsprozess – ob in einer Agentur oder in allen anderen musischen Bereichen – schon immer nach diesem Prinzip ab. Und zwar schon Jahrhunderte bevor sich jemand dafür ein Wort und ein Schema ausgedacht hat. Denn ohne konstantes Suchen, Verwerfen, Neudenken, Zurückkehren, Verwerfen, Neudenken, Verwerfen, Neudenken, Wieder-aus-dem-Mülleimer-Holen ist eine neuartige Lösung für ein (meist altbekanntes) Problem noch nie möglich gewesen. Die Anarchie dieses immer non-linearen Vorgangs ist für manche Leute nicht immer greifbar bzw. unangenehm. Selbst gestandene Kunden, die in Marketingabteilungen arbeiten, gehen oft davon aus, dass Kreativität mit Logik und diszipliniertem Denken bewältigt werden kann, wie andere intellektuelle Problemlösungen auch. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Wollte ich böse sein, dann würde ich die Behauptung aufstellen, dass Arbeitskrücken wie Design Thinking von Leuten in eine Struktur gegossen wurden, deren Gehirne eher auf nicht-emotionaler Basis funktionieren. Die haben somit Mühe, aus ihrer internen Strukturblase auszubrechen. Jegliche Regelgebung auf einen kreativen Vorgang anzuwenden ist jedoch ein ausgewachsenes Paradoxon.

In den letzten Jahren sind Fuck-up-Nights in Mode gekommen, in denen Menschen öffentlich über Missgeschicke reden. Was hältst du davon?

Das war bei uns schon immer Teil der Kultur. Hart in der Sache, aber freundlich im Ton. Einfach sagen, was war und was schieflief. Abputzen. Weitermachen. Und zwar schlauer als vorher. Allerdings glaube ich trotzdem daran, dass Fehlermachen als Sekundärerfahrung in erster Linie nur zur Unterhaltung taugt. Man muss manche Dinge schon selbst gegen die Wand fahren, um sie zu verinnerlichen. Und man muss Leuten diese Lernkurve zugestehen können. Das fällt einer unabhängigen Agentur natürlich leichter, als wenn man Teil eines großen Agenturnetzwerks ist und der zuständige Chefbuchhalter in New York vielleicht weniger Verständnis für diese teure Art der Ausbildung hat.

Kreativität ist ein zerbrechliches Gut

In der Psychologie spielt seit einigen Jahren das Thema "Psychological Safety" eine wichtige Rolle. Diese ist, vereinfacht gesagt, gegeben, wenn innerhalb eines Teams alle Menschen das Gefühl haben, ihre Meinung frei äußern zu können, unabhängig von Aspekten wie Alter, Geschlecht, Hierarchie usw. Ist das ein Thema, was dich beschäftigt?

Leider ja. In einem Arbeitsumfeld, in dem man sich nicht rundum wohlfühlt, entstehen keine Ideen. Oder zumindest keine guten. Kreativität ist ein zerbrechliches Gut. Man braucht Dünger, braucht Mut, braucht Unterstützer, Verfechter. Nicht Bedenkenträger. Würde man jedes Mal draufhauen, wenn ein Gedanke oder eine Idee noch nicht ganz zu Ende gedacht ist, würden die richtig guten Dinger nie entstehen. Nichtsdestotrotz herrscht bei uns Ehrlichkeit in möglichst flachen Hierarchien. Und zwar nicht nur von oben nach unten. Trotzdem haben die Leute manchmal (falschen) Respekt vor Positionen, oder in meinem Fall vor den (nichts aussagenden) Jahren an Betriebszugehörigkeit. Ich versuche das abzubauen, indem ich die Leute auf Augenhöhe schlicht ernstnehme und auch so mit ihnen umgehe.

Warum jetzt also "leider"? Seit Aufkommen der "MeToo"-Debatte zeigt sich, dass Frauen sich selbst in unserer vermeintlich liberalen und lockeren Umgebung immer noch an einigen Stellen extrem zurücknehmen und Ärger einfach runterschlucken. In diesem Punkt betrügt mich meine innere Wahrnehmung, meine persönliche Einstellung zu Frauen, mein Bauchgefühl, meine stolz ausgewiesene Menschenkenntnis. Umso genauer muss man hin- und zuhören bzw. ein Umfeld schaffen, in dem Frauen gleichberechtigt sind.

In einem früheren Interview hast du einmal gesagt, dass echte Kreativität "im Anarchischen" entsteht. Als Werbeagentur müsst ihr euch aber unter Umständen mit dezidiert gewöhnlichen Produkten wie Tütensuppen oder Lippenstift auseinandersetzen. Wie passt das für dich zusammen?

Ziemlich gut. Anarchisch bedeutet ja nicht Teufel, Blut und Sperma, sondern beschreibt nur den Prozess kreativer Arbeit. Unkontrollierbar. Und meist auch nicht vermittel- oder lehrbar. Der Regelbruch muss nicht zwangsläufig Tabubrüche beinhalten. Das heißt: Wer sich beim Ausdenken reglementiert, wird nie außergewöhnliche Resultate erhalten. Viele, die "Out-of-the-box-Denken" propagieren, wissen nicht, wo die Box eigentlich endet.

Moderiertes Brainstorming in der Gruppe ist ebenso wenig zielführend wie viele andere Kreativtechniken. Die helfen zwar, um Leitern an die ersten Mauern zu stellen, aber die Grenzen erweitert hat man deshalb noch lange nicht. Übrigens machen gerade schwierige Briefings am meisten Spaß. Der Tanz auf der Briefmarke gehört zum Frustrierendsten und Spannendsten, was der Beruf zu bieten hat – ob bei unseren Kampagnenleuten oder den Codern.

Wir haben uns durch unsere geteilte Leidenschaft für Heavy Metal kennengelernt. Obwohl etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland dieser Musik zugeneigt sind, gibt es wenige Personen in der Wirtschaft, die diese Begeisterung so offen nach außen tragen wie du. Siehst du eine Verbindung zwischen deinem Erfolg und dem Ausleben dieser Leidenschaft?

Das ist eine Henne-Ei-Frage. War ich schon früher ein rebellischer Unbequemer und somit Outsider und die Musik fand mich? Oder wurde ich durch den Heavy Metal im Outsider-Sein und der Rebellion bestärkt? Das ist schwer zu sagen. Jedenfalls sind meine Arbeiten hoffentlich so wie der Metal auch: anders, laut und die Grenzen verschiebend. Manchmal offensichtlich, manchmal in homöopathischen Dosen.

Arbeit besser machen

Das Buch "Arbeit besser machen: Positive Psychologie für Personalarbeit und Führung" umfasst 380 Seiten, beschäftigt sich aber nur im ersten Drittel mit aktuellen Theorien rund um die Anwendung der Positiven Psychologie in Organisationen. Daneben nimmt sich Nico Rose viel Zeit, Erfahrungen aus seiner Praxis in einem großen Medienkonzern und als Coach zu schildern sowie Tipps, Tricks und Tools weiterzugeben. Wladimir Klitschko hat das Vorwort beigesteuert, zwischendurch kommen 33 Persönlichkeiten zu Wort, darunter Manager wie RTL-Chef Bernd Reichart, Bertelsmann-Personalvorstand Immanuel Hermreck und Wacken-Gründer Thomas Jensen. Das Buch will eine Hilfestellung sein, wie positive Emotionen zum Unternehmenserfolg beitragen können und wie Arbeit wieder mehr Sinn für alle Beteiligten macht.

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