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Klartext mit Katharina Wolff
Lieber Home Office als Tischtennis: Was sich Chief Digital Officer wünschen

Wer die Digitalisierung ernst nimmt, braucht einen Chief Digital Officer. Nur woher nehmen? Um sie für sich zu gewinnen, müssen Unternehmen über ihre Haltung nachdenken, und zwar ohne Tabus. Tipps von Personalberaterin Katharina Wolff. 

Text: W&V Redaktion

29. Oktober 2019

Katharina Wolff, D-Level.
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Kaum eine Gruppe ist so begehrt auf dem Arbeitsmarkt wie Chief Digital Officer (CDO). Woran merken Sie das in Ihrer Arbeit als Personalberaterin, Frau Wolff?

Es werden nach wie vor viele CDOs gesucht und eingestellt. Allerdings sind gerade die CDOs der ersten Transformations-Welle Generalisten, die den Transformationsprozess als Ganzes eher im Allgemeinen vorantreiben. Aktuell sehen wir innerhalb von Unternehmen, die sich in der zweiten Digitalisierungs-Welle befinden, eher einen Trend hin zum Spezialisten. Diese Companies suchen jetzt verstärkt nach datengetriebenen CMOs, CPOs für die Conversion-Optimierung oder CTOs, die in der Lage sind, komplexe IT- Architekturen aufzubauen, die einer Skalierung standhalten können.

Wann wird es Zeit, sich um einen CDO zu kümmern?

Zeit war es vor etwa fünf bis sechs Jahren. Wer sich jetzt noch gar nicht um die Digitalisierung des Betriebs gekümmert hat, wird früher oder später von der Konkurrenz überrollt und auf lange Sicht nicht wettbewerbsfähig bleiben. Nicht nur B2C-Kunden wollen heute online shoppen. Auch B2B-Anbieter sollten dem Need ihrer Kunden für z.B. digitale Vertriebskanäle entsprechen.

Ich glaube, dass das Kaufverhalten sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren so radikal verändern wird, dass sich auch bisher gut funktionierende, analoge Geschäftsmodelle umstellen müssen. Eine Person, die sich vorrangig um digitale Themen kümmert, sollte es daher in allen Unternehmen geben, um noch in der Lage zu sein, den Digitalisierungs-Turbo anzuschmeißen.

Welche Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sollte ein CDO bekommen?

Nichts lähmt Fortschritt mehr als langsame Entscheidungsprozesse und zu viele Köche, die mitkochen wollen, aber eigentlich keine Ahnung haben von dem Menü, das serviert werden soll. Wichtig ist es, dem CDO die größtmögliche Freiheit für Entscheidungen und Fehler zu geben. Noch ist keine Digitalisierung reibungslos abgelaufen. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Entscheidend ist nicht der Fehler selbst, sondern was und wie schnell daraus gelernt wird. Im besten Fall werden aus Fehlern, Entwicklungs-Booster für den CDO und für das Unternehmen selbst.

Solch eine Haltung setzt allerdings ein gewisses Maß an Vertrauen voraus, das traditionellen Unternehmensführern der älteren Generation aus kulturellen Gründen oftmals schwerfällt. Auch dies ist ein Change-Prozess, der in den Köpfen und Herzen verläuft und Geduld, Zeit und viel Kommunikation voraussetzt. Der CDO ist nur so gut, wie der Vorstand ihn sein lässt. Wenn er nicht einmal entscheiden darf, für was Geld ausgegeben oder wer eingestellt wird, sollte sein Gehalt lieber sparen. Wer meint, der CDO dürfe nicht einmal entscheiden, für was Geld ausgegeben oder wer eingestellt wird, der sollte seine Stelle lieber ganz einsparen.

Aber das ist nicht das einzige, was Digitalen wichtig ist, oder? Worauf kommt es noch an?

Wichtig ist es, nicht nur dem CDO allein, sondern auch der gesamten Mannschaft Vertrauen zu schenken und Freiheiten zu geben. Ich erlebe noch viele Mittelständler, bei denen schon das Thema "Home Office" noch immer tabu ist. Gerade Mittelständler, die vermehrt in der Peripherie und weniger in Großstädten sitzen, sollten solch eine Haltung überdenken. Digitalisierung ist kein Vorgang, der ausschließlich auf Prozesse und digitale Architekturen bezogen ist. Es ist auch eine Frage der Kultur und der Möglichkeit, des Infrage- Stellen-Könnens.

Es ist eine grundsätzliche Haltung: laufe ich lieber als Ausrufezeichen oder als Fragezeichen durch die Welt? In der Digitalisierung, im gesamten Change-Prozess, ist der Mut zur Entscheidung wichtig. Der Zweifel, das Hinterfragen des Status Quo macht dabei allerdings erst entscheidungsfähig. Denn der Zweifel ist es, der vorantreibt. Der uns über die Grenzen dessen, was wir kennen, über unsere Komfortzone hinaus, auf neue, ungewohnte und anstrengende Wege bringt, die uns dafür aber Inspiration und echte Innovation verschaffen. Der CDO sollte also als Anstoß des Changes fungieren. Die Transformation muss sich aber über das gesamte Unternehmen erstrecken, um nachhaltig zu greifen.

Mobiles Arbeiten, Incentives, Erfolgsbeteiligung: Welche Rolle spielen solche Faktoren?

Eine Erfolgsbeteiligung wird leider im Mittelstand oder bei Corporates selten gegeben, obwohl das klug wäre, um den Unternehmergeist zu wecken. Wichtig ist eine klare Maßgabe dafür, was als Erfolg für die Digital-Unit definiert wird und ich würde immer raten, danach entsprechend einen variablen Gehaltsanteil auszuzahlen. Das kann über einen persönlichen, einen Team-Bonus oder über Umsatzbeteiligungen geschehen. Die Digitale Natives, die sich als Führungskraft eignen, wollen einen Impact haben und echte Verantwortung übernehmen. Diesen Raum sollte man ihnen bieten. Geld stellt dabei eher die Währung für den Erfolg der Unit dar.

Welche Settings schrecken eher ab?

Man muss man nicht bei jedem Trend mitgehen. Obstkörbe, schicke Büromöbel und eine Tischtennisplatte werden niemanden im Unternehmen halten, wenn die Art der Zusammenarbeit und der Inhalt der Arbeit nicht stimmen. Es ist viel wichtiger, eine klare Unternehmenskultur zu haben, in die gezielt hinein recruitet werden kann, als allen vermeintlich wichtigen New-Work Regeln zu entsprechen.

Über Katharina Wolff: 2010 gründete Katharina Wolff mit 26 Jahren die Personalberatung D-Level, die sie bis heute führt. Die Hamburgerin war 2011 bis 2015 Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft und unter anderem für Netzpolitik und Gleichstellung zuständig. Seit Juli 2018 ist Katharina Wolff Host von "Inside Team Building", dem Podcast rund um People, Leadership und Change. Im  September 2019 startete sie die Initiative "Mission Shortlist- Looking for Female Leaders", mit dem Ziel, mehr Frauen in digitale Führungspositionen zu bringen. Für W&V spricht sie Klartext - in unserem Interview-Format "Klartext - Katharina Wolff über Köpfe, Karrieren und digitale Konzepte."

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