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Interview
Väter in Elternzeit: "Niemand hat es bereut"

Wer Väter in Elternzeit gehen lässt, profitiert: Sie kommen mit höherem Commitment und mehr Motivation zurück. Das hat die Wirtschaftspsychologin Kristin Pogorzelski herausgefunden.

Text: W&V Redaktion

5. Juni 2019

Kristin Pogorzelski befragte männliche Mitarbeiter in Elternzeit.
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Wie ergeht es Vätern, die Elternzeit nehmen, und wie müssen sich Unternehmen auf veränderte Wünsche der Gen Y vorbereiten? Diese Fragen untersuchte die Wirtschaftspsychologin Kristin Pogorzelski, im Rahmen ihrer Masterarbeit an der SRH Fernhochschule. Titel: "Männliche Mitarbeiter in Elternzeit: Eine qualitative Studie zur Zufriedenheit der Väter und praktische Bedeutung für Unternehmen".

Sie haben 15 Männer nach Ihren Erfahrungen in der Elternzeit befragt. Wie war deren Bilanz?

Alle 15 Interviewteilnehmer waren dankbar für ihre Entscheidung, in Elternzeit zu gehen. "Diese Chance, sein Kind am Anfang des Lebens so nah begleiten zu können, ist ein Privileg", so einer der Befragten. Die männlichen Mitarbeiter empfanden es als persönliche Entwicklung, selbst für ihr Kind in der Elternzeit sorgen zu können und die Pflege und Erziehung zu übernehmen. Gerade eine paritätische Aufteilung der Elternzeit mit der Partnerin brachte nochmals soziale Kompetenzen.

Väter haben für sich die Elternzeit als sehr entwicklungsfördernden Schritt privat und beruflich gesehen. Privat insofern, mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können und beruflich, den Arbeitgeber hinsichtlich seiner persönlichen Normen und Werte zu hinterfragen und zu überlegen, in was für einer Struktur sie sich langfristig entwickeln möchten.

Negative Aspekte hinsichtlich der Elternzeit allgemein gab es nicht. Niemand hat seine Entscheidung bereut. "Ich würde es immer wieder so machen", so einer der Teilnehmer. Ältere Kollegen/Vorgesetzte, haben es allerdings bereut, früher nicht selbst bei den eigenen Kindern in Elternzeit gewesen zu sein.

Die Erfahrungen der männlichen Mitarbeiter hinsichtlich der Elternzeit fielen jedoch sehr unterschiedlich aus. Hat ein Vorgesetzter eine Elternzeit befürwortet und den Vater motiviert in Elternzeit zu gehen, so hat der männliche Mitarbeiter langfristig ein höheres Commitment zu dem Unternehmen entwickelt. Daran schließen sich eine höhere Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit als vor der Elternzeit.

Mitarbeiter, die nicht in ihrer Entscheidung unterstützt wurden, haben nach der Elternzeit für sich die Konsequenzen gezogen und den Arbeitgeber aufgrund von Familienunfreundlichkeit gewechselt.

Wie lange waren die Befragten in Elternzeit? Ist die Zufriedenheit auch abhängig von der Länge der Auszeit?

Die Interviewteilnehmer waren zwischen zwei Monaten und einem Jahr in Elternzeit. Eine Korrelation zwischen der Zufriedenheit und Dauer der Elternzeitmonate gibt es in dieser Studie nicht. Die Zufriedenheit äußerte sich durch einen ethischen Führungsstil des direkten Vorgesetzten.

Wo ist es den Befragten am schwersten gemacht worden, ihren Wunsch umzusetzen?

Ob im Konzern, im Mittelstand, in der Wirtschaft oder in sozialen Berufen; die Personalabteilung hat den männlichen Mitarbeitern hinsichtlich der Elternzeit keine Steine in den Weg gelegt. Das Hindernis stellten die direkten Vorgesetzten dar, welche den männlichen Mitarbeitern suggerierten keine Elternzeit nehmen zu dürfen, da es ihrer Karriere schade und sie nach einer Elternzeit "auch gar nicht mehr wiederkommen müssten." Solche Aussagen ließen sich von allen Umfeldern und Branchen hören. Hier gibt es keine Spezifizierung. Es lag an der Art der Wertschätzung, der Empathie und des Führungsstils des Vorgesetzten, ob es einem männlichen Mitarbeiter schwer gemacht wurde, in Elternzeit zu gehen.

Was haben Unternehmen davon, Väter in Elternzeit zu schicken – außer Aufwand?

Männliche Mitarbeiter, die in ihrem Wunsch, in Elternzeit gehen zu wollen, unterstützt wurden, empfanden ein höheres Commitment ihrem Arbeitgeber gegenüber, als vor der Elternzeit. Auch Arbeitszufriedenheit und Arbeitsmotivation erhöhten sich deutlich nach der Elternzeit. Arbeitgeber bekommen motiviertere Mitarbeiter zurück und deren positives Feedback stützt eine erhöhte positive Reputation des Unternehmens. Qualifizierte und sozial eingestellte Mitarbeiter bleiben dem Unternehmen somit langfristig erhalten, wodurch Unternehmen von einem Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen profitieren.

Um das Thema Elternzeit für Väter zu pushen, schlagen Sie Väterbeauftragte vor. Wozu?

Das größte Hindernis, warum männliche Mitarbeiter nicht in Elternzeit gehen "dürfen" und sich nicht trauen, diese zu beantragen, sind Ängste und Sorgen der direkten Vorgesetzten. Väterbeauftragte würden in Unternehmen eine Art Mediatorenrolle einnehmen und zwischen Vorgesetzten und Vätern vermitteln. Gemeinsam wird ein Austausch über eine reibungslose Übergabe vor der Elternzeit geplant sowie der spätere Wiedereinstieg nach den Elternzeitmonaten.

So ehrenwert Ihre Studie ist: Die meisten Elternzeit-Monate werden von Frauen geleistet. Was haben die von Ihren Erkenntnissen?

 Hier muss man weiterdenken. Warum werden die meisten Elternzeitmonate von Frauen geleistet? Eben aus diesem Grund, dass Väter "nicht in Elternzeit gehen dürfen." Würde es außer Frage stehen und selbstverständlich sein, dass Väter wie Mütter sich die Pflege und Erziehung ihrer Kinder teilen, so hätten Frauen die Chance wieder früher in den Beruf zurückzukehren. Frauen könnten trotz Kinder Karriere machen, da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf zwei Menschen aufgeteilt werden kann.

Es gab z.B. auch Familien, da ging die Mutter nach zwei Monaten wieder arbeiten und der Vater nahm sich ein Jahr Elternzeit. Zum Stillen wurde das Kind dann immer in das Unternehmen der Mutter gebracht. Durch die Erkenntnisse der Studie wurde somit auch den Frauen deutlicher, warum es ihnen schwer fällt, Kind und Karriere vereinbaren zu können. Wenn generell ein Umdenken in der Mitarbeiterverantwortung stattfindet und Väter in ihrem Wunsch in Elternzeit zu gehen unterstützt werden, so haben Frauen aufgrund der Erkenntnisse der Studie selbstverständliche Chancen auf eine Karriere und müssten sich nicht zwischen einer Mutterschaft oder einer Karriere entscheiden.

Was können Unternehmen tun, um das Onboarding nach der Elternzeit zu erleichtern?

Ein Väterbeauftragter, der sich um alle Belange der Mitarbeiter hinsichtlich einer Elternzeit kümmert, wäre der erste Schritt. Eine gemeinsame Planung im Team, wie die Arbeitsabläufe ohne den frisch gebackenen Vater ablaufen sollen, eine periodische Einteilung der Aufgaben nach der Elternzeit etc. sind mögliche Planungsschritte im Onboarding.

Die Väter sollten natürlich auch aktiv werden und während der Elternzeit Kontakt zum Unternehmen halten. Ein gemeinsames Mittagessen, ein Teammeeting, eine Betriebsfeier oder aber das regelmäßige Abrufen der internen Mails sind nur einige Beispiele dafür, wie männliche Mitarbeiter während der Elternzeit Kontakt halten können. Durch den Austausch bleiben die Väter inhaltlich informiert und ein vorher geplanter Wiedereinstieg macht das Onboarding leichter.

Wie sollte sich Personalplanung grundsätzlich ändern, um Auszeiten, sei es Teilzeit, Sabbaticals, Reha-Aufenthalte oder Elternzeit, für alle Kollegen möglichst erträglich zu machen?

Wenn ein Team die Aufgaben der Kollegen kennt und im Urlaub auch mal vertritt, so sollten längere Auszeiten kein Problem darstellen; solange ein ethischer Führungsstil gelebt wird und eine Wertschätzung und Empathie im Unternehmen vorhanden ist. Auch sogenannte Springer sind in vielen Unternehmen immer mehr verbreitet. Diese sind unbefristet und Vollzeit im Unternehmen angestellt und werden gerade immer dort eingesetzt, wenn eine Vakanz für mehrere Monate offen stehen würde. Große Konzerne leben dies schon, indem z.B. IT-Manager immer wieder im Unternehmen rotieren, wenn es einer Vertretung im IT-Bereich bedarf. Dies lässt sich auch für andere Berufe umsetzen. 

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