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Gastbeitrag
Was sich R/GA vom Bauhaus abgeschaut hat

Die Ideen, die in Weimar und Dessau entstanden, haben ihren Weg in die USA gefunden und beeinflussen heute noch, wie sich die Digitalagentur R/GA organisiert, wie die Disziplinen zusammenarbeiten und kreative Prozesse ablaufen. Einblick von Deutschland-Chef Sascha Martini.

Text: W&V Redaktion

19. August 2019

R/GA-Gründer Bob Greenberg ist stark vom Bauhaus-Gedanken beeinflusst.
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Wenn man sich anlässlich seines 100. Jubiläums mit dem 1919 gegründeten Staatlichen Bauhaus beschäftigt, begegnen einem viele Namen. Manche sind noch heute sehr geläufig wie zum Beispiel der Bauhaus-Gründer Walter Gropius, die Künstler Paul Klee und Wassily Kandinsky oder der Architekt Ludwig Mies van der Rohe. Bei anderen klingelt es eher nur bei echten Kennern.

Ein Name, der in diesem Zusammenhang aber sicher noch nie genannt wurde, ist R/GA. Nun, auf den ersten Blick wenig verwunderlich. Eine Agentur mit New Yorker Headquarter und einem Gründer, der in Chicago geboren und aufgewachsen ist: Wo soll da die Verbindung sein? Wenn man aber genau an dieser Stelle ansetzt und tiefer in die Geschichte eintaucht, wird es auf einen Schlag hochinteressant.

Bedingt durch die Nationalsozialisten wurde das Bauhaus 1933 geschlossen. Viele seiner Mitglieder emigrierten daraufhin ins Ausland und fassten dort wieder Fuß. Der Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy fand in diesem Zuge den Weg in die USA, wo er 1937 in Chicago das New Bauhaus gründete. Als Chicago Institute of Design ist es seit 1949 Teil des Illinois Institute of Technology. Der Campus des Design-Instituts wurde von Ludwig Mies van der Rohe errichtet – auch er war hier als Dozent tätig.

Genau in dieser Stadt wuchs Bob Greenberg also auf - nach eigener Aussage seit seinem 18. Lebensjahr bekennender Bauhaus-Fan. Doch findet man das tatsächlich auch in dem Unternehmen wieder, welches er 1977 zusammen mit seinem Bruder Richard gründete? Die Antwort lautet ja. Wie man bei einer Agentur vermuten könnte, geht es dabei jedoch weniger um die berühmten minimalistischen Designprinzipien, sondern vielmehr um den wegweisenden Bauhaus-Mindset.

"Egal in welchem Medium, es geht immer um eine Reduktion, um eine Essenz der Produktaussagen." Das vollständige Interview mit Bob Greenberg lesen Sie hier.

Bauhaus verkörpert die Synthese von Kunst und Handwerk. Der Ausgangspunkt dafür ist ein höchst kollaborativer Ansatz: Unter einem gemeinsamen Dach wurden verschiedene Disziplinen zusammengebracht, die so voneinander lernten und etwas völlig Neues erschaffen konnten. Wie zum Beispiel den ersten aus Stahlrohr gefertigten Stuhl, der heute zu den großen Bauhaus-Klassikern zählt. Sein Designer Marcel Breuer ist zudem ein gutes Vorbild dafür, wie wenig dogmatisch man beim Bauhaus war: Er beschäftigte sich mit Malerei, baute Möbel und später sogar Häuser.

Diese "Maker-Mentalität" zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Geschichte von R/GA. 1977 als Studio für Computer-Grafik gestartet, erfand sich das Unternehmen alle neun Jahre völlig neu und ergänzte sein Portfolio um zusätzliche Angebote, mit denen es den Entwicklungen auf dem Markt stets versuchte, einen Schritt voraus zu sein. Heute sieht sich R/GA als erfahrenster Spezialist im Bereich der digitalen Transformation.

Kollaboration ist dabei die Überschrift über jedem einzelnen Projekt. Damit diese übergreifend über alle internationalen Standorte hinweg funktioniert, entwickelte R/GA bereits im Jahr 2007 das System R/GA O.S.. Während das Betriebssystem zum einen die Kapazitäten der 80 Büros managt, kann man zum anderen darüber auch standortübergreifend weltweite Teams zusammenstellen. Jeder Mitarbeiter veröffentlicht dafür in diesem System sein Profil mit Skills und Erfahrungen, so dass man einen internationalen Überblick über die Fähigkeiten aller 2.000 Mitarbeiter hat.

Das Denken spiegelt sich in den Gebäuden wider

Auch räumlich wird dieser Ansatz sowohl beim Bauhaus als auch bei R/GA sichtbar. Bei den Bauhaus Meisterhäusern in Dessau steht das Atelier, in dem die Bewohner ihrer Arbeit nachgingen, im Zentrum des Gebäudes. Die Wohnbereiche wurden um diesen Mittelpunkt herum angeordnet. Die Gestaltung des Connected Space, R/GAs New Yorker Headquarter, ist ebenso auf die Arbeit ausgerichtet: Es wirkt wie ein gigantisches, digitales Atelier, das Umfeld ist stark reduziert und alle Disziplinen sitzen räumlich dicht beieinander.

Nicht zuletzt spiegeln die R/GA-Mitarbeiter selbst den alles verbindenden Bauhaus-Mindset wider. Sie bringen viele unterschiedliche Disziplinen ein und stammen ebenso wie bei seinem einhundert Jahre alten Vorbild aus einer Vielfalt an Nationen und Kulturen. Daran wird deutlich, warum Diversity bei R/GA kein PR-Thema ist, sondern ein Hauptbestandteil der gelebten Kollaboration. An dieser Stelle sollte übrigens nicht unerwähnt bleiben, dass am Bauhaus der 1920er Jahre schon wesentlich mehr Frauen studierten, als es damals an anderen deutschen Hochschulen üblich war.

Was R/GA und das Bauhaus voneinander unterscheidet? In erster Linie eigentlich nur die Zeit, in der die beiden Organisationen tätig sind bzw. waren, und die damit verbundene Technologie. Man findet selbst einige der grundlegenden Bauhaus Design-Prinzipien im Manifest "The 10 Principles of R/GA" wieder: "Less is more" lautet in der R/GA-Fassung "Simpler is better", "Form follows function" heißt hier "Stories & Systems need each other".

Ohne Bauhaus wäre das Unternehmen R/GA, so wie es heute ist, nicht möglich gewesen. Oder mit den Worten von Bob Greenberg gesagt: "The Agency of the future could not exist without (German) Bauhaus." Damit hat sich der Kreis zum Beginn dieses Artikels geschlossen. Vor 100 Jahren nahm in Deutschland das Bauhaus-Gedankengut seinen Anfang. Seine Prinzipien wurden in den USA von R/GA in die digitale Realität überführt, ohne jedoch etwas an ihrem Kern zu verändern. Ist das nicht ein spannendes Beispiel für digitale Transformation?

Sascha Martini, Managing Director Germany bei R/GA Berlin, ist seit April 2017 bei R/GA. Zuvor leitete er Razorfish Deutschland. Über seine Tätigkeit hinaus engagiert sich Sascha Martini seit vielen Jahren im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Sascha Martini studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Medienwissenschaft an der Universität Paderborn.

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