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Analyse
Der neue Amazon Go-Laden: PR-Masche oder Vorbild?

Zum ersten Mal testet Amazon seinen Supermarkt ohne Kassen im großen Stil - zumindest im Vergleich zu bisherigen Läden. Warum man sich von Amazon dennoch nicht einschüchtern lassen sollte.

Text: W&V Redaktion

27. Februar 2020

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"Amazon kann es sich leisten, groß angelegte Versuche durchzuführen", sagt Brian Walker über den neu eröffneten Amazon-Go-Supermarkt. Walker kennt sich als Chief Strategy Officer bei Bloomreach mit Kundenbindung, User Experience und E-Commerce aus. Zuvor war er unter anderem bei Accenture, SAP, Forrester Research,  Expedia und der Otto Group.

In dieser Woche hat der Online-Händler Amazon erstmals seine Technik zum Einkaufen ohne Kassen in einen größeren Supermarkt gebracht. Das neue Lebensmittel-Geschäft in Seattle hat eine Fläche von gut 960 Quadratmetern - und ist damit etwa fünfmal so groß wie die bisherigen Läden unter der Marke Amazon Go. Allerdings immer noch wesentlich kleiner als der durchschnittliche US-Supermarkt, wie das CNBC-Video oben zeigt. Die Größe der Ladenfläche sei inzwischen kein Problem mehr, betonte der zuständige Amazon-Manager Dilip Kumar im Wall Street Journal. "Es gibt keine Obergrenze."

Das neue größere Geschäft trägt den Namen Amazon Go Grocery

In den Amazon-Go-Läden nehmen die Kunden einfach Artikel aus dem Regal und verlassen das Geschäft. Kameras und andere Sensoren wie Waagen in den Regalböden registrieren, wer welche Waren mitgenommen hat. Der Preis wird nachträglich per App abgebucht. In der jahrelangen Entwicklung der Technologie war es laut Medienberichten eine Herausforderung für Amazon, mit größeren Kundenzahlen zu arbeiten. Die ersten Geschäfte waren auch eher klein und mit einem überschaubaren Warensortiment.

Inzwischen gibt es gut zwei Dutzend Läden in den USA. Das neue größere Geschäft trägt den Namen Amazon Go Grocery und hat laut Kumar rund 5000 Produkte im Angebot. Dort können Kunden auch erstmals unverpackte Ware wie Äpfel oder Birnen einzeln kaufen.

Amazon kaufte auch die Bio-Supermarktkette Whole Foods, behielt dort aber bisher das traditionelle Kassen-Konzept.

Die Analyse von Brian Walker:

"Der Schwerpunkt von Amazon Go ergibt sich aus der Betonung der legendären Flywheel (Schwungrad)-Strategie von Amazon. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Sortiment, der Kundenfreundlichkeit und niedrigeren Betriebskosten – vor allem durch die Reduzierung von Arbeitskosten. Da Amazon Go nun zu einem vollen Lebensmittelgeschäft skaliert, nutzt Amazon seine Investitionen in die KI, sein Prime-Programm, die Zahlungsabwicklung, den Betrieb und die Logistik, um sowohl die Kosten zu senken als auch eine neue Kundenerwartung rund um das Erlebnis des Lebensmitteleinkaufs zu schaffen.

Amazon hat mit seinen marktplatzbasierten Online-Erfahrungen bereits den Druck erhöht und versucht nun, dies auch im Bereich Lebensmitteleinkauf zu erreichen. Die sehr öffentliche Ankündigung und die Medienpräsenz rund um Amazon Go zeigen, dass Amazon möglicherweise absichtlich den Blutdruck und die Einsätze in den Vorstandsetagen der Wettbewerber erhöhen will – und in den Märkten allgemein.

Erinnern Sie sich an die 60-Minuten-Drohnen? Wenn der Amazon Go-Versuch erfolgreich ist, dann würde dies sehr schnell auf die gesamte Whole-Foods-Market-Kette ausgedehnt, was bisher nicht geschehen ist.

Amazon kann es sich leisten, groß angelegte Versuche durchzuführen, kontinuierlich in sie zu investieren – und die Medien saugen dies auf. Aber wir sollten nicht zu viel hineininterpretieren.

Dennoch können Lebensmittelhändler und Unternehmen aller Art von Amazons jüngstem Vorhaben in einigen Schlüsselbereichen lernen: Man sollte sich darauf konzentrieren, ein komfortables Kundenerlebnis zu schaffen, das digitale Kanäle als zentrale Komponente dieses Erlebnisses nutzt, man sollte Daten und KI als Werkzeuge zur Kostensenkung verwenden und das Erlebnis stärker personalisieren.

Nicht zuletzt gilt es zu erkennen – ob einem dies bisher bewusst war oder nicht –, dass man in einem Technologieunternehmen arbeitet. Die Messlatte rückt immer höher und es braucht Unternehmen, die trotz all dieser Disruption weiter florieren."

am/mit dpa


Autor: Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt". 

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