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Kommentar
"Ein Propagandafilmchen aus den 1950ern"

Ein vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichtes Muttertags-Video sorgt für heftige Reaktionen im Netz. Zu recht, findet W&V-Redakteurin Belinda Duvinage, derzeit im Homeoffice mit zwei Kindern.

Text: W&V Redaktion

12. Mai 2020

Das vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte Muttertags-Video sorgt für heftige Reaktionen im Netz. Zu recht, findet W&V-Redakteurin Belinda Duvinage.
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Mein erster Gedanke: Der Account muss gehackt worden sein. Es ist unmöglich, dass das Bundesgesundheitsministerium so ein Video ernsthaft verbreitet. Offensichtlich mit einer professionellen Agentur im Hintergrund.

Dabei bin ich durchaus gewillt, Dinge von ihrer positiven Seite zu sehen. Ich bin zäh, allein schon meinen Kindern zuliebe. Aber dieses "I have the time of my life"- Filmchen, das Sie, lieber Herr Spahn, liebes Bundesgesundheitsministerum, da zum Muttertag rausgehauen haben, ist an Hohn, an Zynismus, kaum zu übertreffen. Das Video ist ein schlechter Witz. Ein Spottgedicht der übelsten Sorte.

Die Mama kocht jetzt jeden Tag Spaghetti? Das Kind turnt auf ihren Schultern beim Yoga? Dabei spielen alle das lustige Spiel: Wer kann am längsten still sein? Also eigentlich läuft alles super?

Was ist mit den Outtakes, den dramatischen Behind the Scenes-Situationen? Im Klartext: Den Nervenzusammenbrüchen? Den Streits und Wutanfällen, der Hilflosigkeit? Den Eltern, die sich im Badezimmer zum Weinen einsperren, damit die Kinder nicht schon wieder zutiefst erschöpfte Bezugspersonen sehen? 

Seit Wochen schultern Mütter wie Väter (wo genau kommen die eigentlich vor in Ihrem Muttertagsmärchen?) zusätzlich zu den psychischen und wirtschaftlichen Folgen, die diese Krise für die Gesellschaft, für uns alle mit sich bringt, Kinderbetreuung, Homeschooling und Arbeit. Und dabei erwähnen Sie nicht einmal die Mütter und Väter, die bereits ihren Job verloren haben oder es bald werden, weil sie zwar nicht systemrelevant sind, aber ihre Präsenz notwendig ist? Die, bei denen nicht beide Partner im Homeoffice arbeiten können? Alleinerziehende und Familien am Existenzminimum?  

Ihre Vorstellung von der aktuellen Situation in tausenden von Familien hat ganz offensichtlich nichts mit der Realität zu tun. Vielmehr erinnert es an ein Propagandafilmchen aus den 1950ern.

Die Situation, die sie in Ihrem Spot so lapidar beschreiben, kostet uns nicht nur Nerven: Sie geht an die Substanz. Homeschooling, Kleinkindbetreuung, Homeoffice ist ohne Unterstützung NICHT machbar. Wir Eltern sind nicht in der Lage, Kinder adäquat zuhause zu unterrichten und pädagogisch zu fördern. Diese unfassbar anspruchsvolle Arbeit leisten, nur um Sie daran zu erinnern: ausgebildete Lehrerinnen und Erzieherinnen.

Aber ehrlich: Eigentlich ist dieses Video ein Lehrstück. Es zeigt wieder einmal, welche Prioritäten diese Regierung setzt. Anstatt flächendeckende politische Maßnahmen für Familien zu erarbeiten, stellt das Ministerium damit noch einmal zur Schau: Familien müssen selbst sehen, wie sie mit der Situation klar kommen sollen. Wirtschaftlich und emotional. 

Dabei ist für eine funktionierende Gesellschaft, für eine gesunde Wirtschaft, unverzichtbar, dass auch Familien stabil durch die Krise kommen.

Doch das, was in den Familien gerade passiert, geht an die Substanz aller Beteiligten. Es wird Spuren hinterlassen, mit denen unserer Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft noch lange zu tun haben werden. 

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Autor: Belinda Duvinage

legt ein besonderes Augenmerk auf alle Marketing-Themen. Bevor die gebürtige Münchnerin zur W&V kam, legte sie unter anderem Stationen bei burdaforward und dem Münchner Merkur ein, leitete ein regionales Magazin in Göttingen und volontierte bei der HNA in Kassel. Den Feierabend verbringt sie am liebsten mit ihren drei Jungs in der Natur, auf der Yogamatte, beim perfekten Dinner mit Freunden oder, viel zu selten, einem guten Buch.

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