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Video und Musik
Instagram Reels: 5 Gründe, warum das Feature enttäuscht

Das neue Video-Angebot Instagram Reels positioniert sich als Konkurrenz zu Tiktok, lässt aber viele Wünsche offen, sagt Christian Schmidt, Interlutions. An diesen Punkten muss Instagram noch nacharbeiten.

Text: W&V Redaktion

12. August 2020

Christian Schmidt, Interlutions
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Mitte Juni blies das Social-Media-Network Instagram zum Angriff auf die Videoplattform Tiktok. Seine neue Wunderwaffe: Instagram Reels. Das Feature, das es seit wenigen Tagen weltweit gibt, reiht sich neben IGTV, Story und Live ein. Doch während der Nutzen der ersten drei Video-Funktionen unmittelbar nach ihrem Start deutlich war, hinterlässt Reels ein großes Fragezeichen. Was soll der Mehrwert sein? Insbesondere im Vergleich zur Konkurrenz entpuppt sich das Feature gleich in mehrerer Hinsicht als Rohrkrepierer.

Kaum Raum für Kreativität

Vor allem im Herzstück der Anwendung, nämlich der Videobearbeitung, kommt Reels äußerst spartanisch daher. Beim "Schnitt" ist der Nutzer auf das Aneinanderreihen von Videosnippets beschränkt. Die zur Verfügung stehenden Filter und Effekte sind identisch mit denen, die man auch von den Storys her kennt. Die Videosektionen kann man zwar in der Länge trimmen und im Tempo anpassen - das war es dann aber auch schon. Kreativität? Fehlanzeige!

Tiktok hingegen bietet seinen Nutzern richtige Schnittfunktionen. Videos können beliebig aneinandergereiht und getrimmt werden, zusätzlich gibt es viele Filter und Effekt-Übergänge, die​ man nach Wunsch auf der Timeline anwenden kann. Zudem ist es hier auch möglich, Fotos zu integrieren. Zu diesem Zweck werden eigens Motivvorlagen bzw. Foto-Templates bereitgestellt. Kurz gesagt: Nicht ohne Grund sind aktuell viele Reels einfach aus Tiktok exportierte Videos.

Beschränkte Musikauswahl

Soundbibliothek Reels vs. Tiktok

​Musik und Sounds sind ein essenzieller Bestandteil kreativer Videogestaltung. Aber auch hier bleibt Reels sehr zurückhaltend. Man bekommt nach dem Zufallsprinzip ein paar wenige Musiktitel vorgeschlagen, es ist jedoch nicht wirklich ersichtlich, nach welchen Kriterien dies geschieht. Des Weiteren gibt es die Möglichkeit, in der Musikbibliothek zu "browsen". Hier findet man eine begrenzte Vorsortierung nach Stimmung und verschiedenen Themen - that’s it.

Tiktok trumpft hingegen mit einer immensen Auswahl an Titeln auf - von diversen Genres, Playlists und Charts über Memes und Trends, die gerade viral gehen. Was hier läuft, ist früher oder später auch im Radio zu hören! Doch damit nicht genug: Tiktok schlägt beim Erstellen bzw. Upload eigener Videos passende Musik-Tracks vor und synchronisiert diese sogar passend. Zugegeben: Das funktioniert zwar nicht immer, ist aber dennoch ein sehr nettes Feature, das bei Reels ebenfalls fehlt.

Keine Reactions & Duets

Der Reiz, der soziale Netzwerke ausmacht, ist die Interaktion mit anderen Menschen. Tiktok geht auf diesen Wunsch seiner Nutzer mit zwei speziellen Features ein, die sich in der Community größter Beliebtheit erfreuen: Reactions und Duets. Reactions bietet die Möglichkeit, ein eigenes Video als Antwort auf ein anderes zu erstellen. Bei Duets kann man sogar im Split Screen sein eigenes Video neben ein anderes setzen, um darauf Feedback zugeben und etwas Neues, Kreatives zu erschaffen.

Toller Nebeneffekt: Über diesen Weg können auch weniger bekannte Accounts auf sich aufmerksam machen. Denn wer sich hier etwas Gutes einfallen lässt, wird auch gerne mal von großen Stars gefeatured. So erzielte das Duett eines Nutzers zu einem Tiktok von R&B-Star Jason Derulo rund 6,8 Millionen Likes und knapp 13.000 Kommentare. Vergleichbare Möglichkeiten, auf Reels zu reagieren bzw. sie weiterzuverarbeiten, fehlen aktuell völlig.

Keine proaktive Neuigkeiten

Genutzter Sound: Reels

Auch in Sachen Reels bekommt man weiterhin nur die Accounts im News-Feed angezeigt, denen man auf Instagram folgt. Über diese Funktion spannende neue Inhalte zu entdecken, gestaltet sich demnach schwierig. Zwar gibt es die Möglichkeit, (analog zu Tiktok) über den genutzten Sound zu anderen Reels zu gelangen. Man muss aber zum einen erst mal wissen, dass es diese Funktion überhaupt gibt. Zum anderen sind so aktuell kaum Reels zu finden, da es erst sehr wenige gibt.

Wer proaktiv neue Inhalte entdecken will, muss daher die Explore Page nutzen, die jedoch nur nach Themen gefiltert werden kann und alle Instagram-Inhalte anzeigt, oder die Suche bemühen. Nachteil: Auch hier kann man nur nach Accounts, Hashtags und Orten filtern. Bei Tiktok werden dem Nutzer auf der For-You-Page hingegen ständig neue Inhalte angezeigt. Zudem kann man nach Benutzer, Videos, Sounds und Hashtags filtern oder sich Inspiration zu aktuellen Trends und Challenges holen.

Genutzter Sound: Tiktok

Geringe Reichweite

Während Instagram auf das Konzept von "Fanpage und Follower" setzt, ist bei Tiktok der Content King. Das heißt, hier bekommt man grundsätzlich Inhalte ausgespielt, die zum eigenen Nutzungsverhalten passen. Reels erreichen hingegen nur jene Nutzer, die dem Absender des Videos folgen. Im Umkehrschluss ist die Reichweite von Tiktok-Videos deutlich höher als die von Reels. Für kleine Accounts ist es so möglich, mit kreativen Tiktoks Bekanntheit zu erzielen. Von Reels profitieren aktuell nur Instagram Accounts, die bereits eine große Community haben.

Fazit:

Im direkten Vergleich zu Tiktok wird sichtbar, was in Sachen Kurzvideos aktuell "State of the Art"  ist und wie viele Chancen Instagram bei Reels ungenutzt ließ, um bei den Tiktokern einen Fuß in die Tür zu bekommen. Ein verständlicheres Anwendungsszenario für das aktuelle Reels wäre es z.B. gewesen, diese Funktion als Storys+ zu launchen, um so Videos aufnehmen zu können, die nicht nach 24 Stunden gelöscht werden. Kurz gesagt: Es bleibt viel Luft nach oben.

Über den Autor: Christian Schmidt ist Chief Creative Officer bei der Digitalagentur Interlutions, die er gemeinsam mit Eric Meurers im Jahr1999 gründete. Zu den Kunden zählen Nintendo, Nissan, Lego, Renault und Disney. Zudem zählt Schmidt zu den Mitgründern von  Sumo, einem Pionier-Unternehmen der SEO-Branche, das 2006 verkauft wurde.


Autor: W&V Gastautor

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