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Kommentar
Klimastreik der Unternehmen - glaubwürdig oder Greenwashing?

Wenn Unternehmen heute auf die Straße gehen und ihren Protest demonstrieren, tut sich W&V-Redakteurin Lena Herrmann schwer damit, das gutzuheißen. Oder wäre mehr Milde angebracht? 

Text: W&V Redaktion

20. September 2019

So manches Unternehmen macht heute seine Pforten dicht - ein mutiger Schritt
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Zum heutigen Klimastreik ist die breite Gesellschaft gefragt. Nicht nur Schüler gehen heute auf die Straße, um für die Einhaltung der Klimaziele und eine bessere Zukunft zu kämpfen. Allein in München erwartet Fridays For Future 10.000 Menschen, die mittags um 12 Uhr ihre Mittagspause damit verbringen, politisch Haltung zu zeigen.

Kein Wunder, dass sich auch Unternehmen an dem Streik beteiligen. Schließlich ist der deutschlandweite Massenprotest eine hervorragende Möglichkeit, Stellung zu beziehen und sich bei den Teilnehmern und politisch Interessierten einen Namen zu machen.

Eigentlich müsste man dankbar um jeden sein, der sich den Protesten anschließt. Egal ob Einzelperson oder Konzern. Doch ich merke, dass ich das Engagement jedes Einzelnen gutheiße. Das von Unternehmen aber äußerst kritisch hinterfrage. Ja, ihnen sogar unterstelle, eine gute Sache für Eigen-PR und vielleicht sogar Greenwashing zu missbrauchen.

Wer hat schon einen unsichtbaren ökologischen Fußabdruck?

Aber woran liegt das? Ich bin davon überzeugt, dass kein einziger der Streikteilnehmer einen unsichtbaren ökologischen Fußabdruck hat. Die meisten von ihnen besitzen ein Auto, verzichten nicht komplett auf Plastik und steigen zumindest hin und wieder in ein Flugzeug. Sie kaufen sich neue Klamotten, verwenden Smartphones, heizen ihre Wohnung und essen Südfrüchte.

Und doch glaube ich jedem einzelnen, dass er heute nicht nur ein Plakat hochhält, sondern auch bei sich im Kleinen bereits angefangen hat, Stellschrauben zu drehen. Mehr Fahrradfahren. Weniger Fleisch essen. Nicht dauernd den neuesten Scheiß kaufen. Plastikverpacktes Biogemüse liegen lassen.

Warum kann ich dann nicht bei den Unternehmen ein bisschen Milde walten lassen und ihnen zugestehen, nicht perfekt zu sein, sich aber redlich anzustrengen? Oder besser gesagt: Bei welchen Unternehmen lasse ich Milde walten und bei welchen nicht?

Es hat was mit Eigennutz zu tun

Wahrscheinlich hat es was mit Eigennutz zu tun. Niemand, der heute auf seine Mittagspause verzichtet und demonstrieren geht, zählt darauf, dass er dafür einen Preis bekommt. Im Gegenteil: Die Arbeit bleibt liegen, der Arbeitgeber muss überzeugt werden. Und selbst wenn man Pluspunkte im Freundeskreis für sein Engagement sammelt: Morgen erinnert sich keiner mehr daran.

Unternehmen hingegen posaunen ihr heutiges Engagement in die Welt hinaus. Sie posten ihre Anstrengungen auf Seiten wie https://wirtschaftproklima.de/fridays-for-future.html oder https://klima-streik.net/news/ oder https://www.entrepreneurs4future.de/entrepreneure und verschicken Pressemitteilungen. Und irgendwie habe ich dabei das Gefühl, dass sie dafür gelobt werden wollen. Oder noch besser: Dass ihre Produkte dafür gekauft werden.

Mag sein, dass ich vielen von ihnen Unrecht tue, schließlich stehen hinter jedem Unternehmens- und Markenname auch Menschen mit einem politischen, sozialen und ökologischen Gewissen. Es wäre nur irgendwie schön gewesen, wenn sich so manches Unternehmen schon ein bisschen früher mit den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu Wort gemeldet hätte. So wie beispielsweise die beiden Outdoormarken Patagonia und Vaude. Als Vorreiter in ihrer Branche beim Thema Umweltschutz sind sie auch heute mit dabei. Und diesen beiden Unternehmen glaube ich jedes Wort ihres Protestes. 

Wenn der Streik nur eine Haltung untermauert

Denn beide Unternehmen untermauern mit ihrem Klimastreik nur ihre Haltung, der sie schon lange vorher durch Taten Glaubwürdigkeit verliehen haben. "Vertrauen ist eine soziale Währung. Wenn wir vertrauen, dann entscheiden wir schneller. Wir fragen nicht lange nach. Wir müssen auch nicht jedes Detail kennen. Wir kaufen unbesehen, weil wir darauf zählen, dass alles gut ist", schreibt Elsa Pieper in einem Blogbeitrag der auf Nachhaltigkeit spezialisierten Münchner Unternehmensberatung Fährmann.

Alles ist sicherlich nicht gut. Kann es nicht sein. Aber ich honoriere das Engagement dieser glaubwürdigen Unternehmen mit Wohlwollen. Und akzeptiere in diesem Zusammenhang sogar ihre Eigen-PR.

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