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Erdogan-Foto
Özil als Präzendenzfall: Braucht der DFB eine Autokraten-Klausel?

Im Leben eines deutschen Fußball-Nationalspielers ist alles geregelt - nur nicht der Umgang mit Populisten, Diktatoren und Autokraten. Ein Unding, findet W&V-Kolumnist Hasso Mansfeld.

Text: W&V Redaktion

30. Juli 2018

W&V-Kolumnist Hasso Mansfeld ist Strategieberater und mehrfacher Träger des Deutschen PR-Preises.
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Das Verhalten zweier DFB-Nationalspieler stand auf dem Prüfstand, als er sich Mesut Özil und İlkay Gündoğan in London zum Fototermin mit dem türkischen Präsidenten trafen. Öffentlichkeit und Medien diskutierten, ob das Verhalten der beiden Spieler zu billigen sei. Es war früh ein Thema für W&V.

Antwort hätte hier ein Abgleich mit einem Verhaltenskodex für Nationalspieler geben können. Aber gibt es den überhaupt? Wurde er aufgeschrieben, den Spielern vorgelegt, musste er sogar gegengezeichnet werden? Oder wird er von Fall zu Fall vom Trainer der Nationalmannschaft selbst definiert? Dann nämlich, wenn Jogi Löw persönlich intervenierte, als beispielsweise vom Vorabend des Abflugs zur Europameisterschaft 2012 Paparazzi-Fotos von Jerome Boateng in einer Bar auftauchten. In dem Zusammenhang wurde bekannt, das Löw und Oliver Bierhof tatsächlich im Vorfeld einen Verhaltenskodex aufgestellt hatten, der von der Presse als „EM-Knigge“ bezeichnet wurde und der beispielsweise Vorgaben wie Folgende enthält:

"Es darf in Facebook und bei Twitter nichts geschrieben werden über Verletzungen, Taktik, einfach über Dinge, die nur die Mannschaft angehen"

Schon Klinsmann wollte mehr Kontrolle

Noch einmal acht Jahre früher gab es bereits Überlegungen, so einen Verhaltenskodex zu fixieren, als der damalige Coach Jürgen Klinsmann 22 Monate vor der WM seinen Nationalspielern unter anderem untersagt haben soll, bei sportlichen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen. 2008 plante der DFB ganz offiziell mit Jogi Löw einen Verhaltenskodex für Spieler aufzustellen. Damals hieß es in den Medien: "Der DFB erarbeitet einen Verhaltenskodex, der schon für die Jugendnationalspieler gelten soll. Gesucht wird der moderne "Typ". Einer, der den Mund aufmacht. Zum Wohle der Mannschaft. Aber ausnahmslos intern"  Der damalige Sportdirektor Matthias Sammer hob die Bedeutung des Vorhabens hervor: "Wir arbeiten (...) mit Hochdruck an einem Verhaltenskatalog."

Heute soll es so gehandhabt werden: Wenn ein Spieler in die Nationalmannschaft berufen wird, muss er mit den Richtlinien des DFB ein festes Regelwerk unterzeichnen. "Die Richtlinien enthalten ein Verhaltenskodex für die Spieler, Rechte und Pflichten für Spieler und den DFB."

Nun greift allerdings keiner dieser Kodizes richtig, wenn es darum geht, den Auftritt Özils und Gündoğans mit Erdogan zu sanktionieren. Bisher ging es im Wesentlichen um Geheimhaltungen und um Fehlverhalten in der Öffentlichkeit, dass geeignet wäre, die spielerische Leistung in Frage zu stellen, wenn Spieler beispielsweise am Vorabend eines Spiels in einer Bar fotografiert werden.

Der DFB hat schon einen Ethikkodex

Aber könnte in der Causa Erdogan vielleicht schon der allgemeine Ethikkodex des DFB greifen? Wäre er eventuell anwendbar, wenn es um eine unterstellte oder tatsächliche Wahlkampfhilfe für Erdogan durch deutsche Nationalspieler geht? Im sechsseitigen Ethikkodex des DFB, der als PDF zum Download bereitgestellt wurde /  geht es, was die Spieler betrifft, im Wesentlichen um Respekt, Vielfalt und Fair Play.

Die Vorbildfunktion wird ebenso betont, wie die Aufgabe, einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten. Dort heißt es u.a., aktiv wahrzunehmen sei die "Unterstützung gesellschaftlicher Themen und Herausforderungen mit den Möglichkeiten des Fußballsports." Eingefordert wird auch eine Beteiligung an "karitativen und humanitären Maßnahmen." Konkret findet sich keine Handlungsanweisung, die das Treffen der beiden Spieler mit Erdogan eindeutig abmahnen könnte.  

So betrachtet wird der private Auftritt Özils und Gündoğans zum Präzedenzfall. Und führt weiter zur Frage, in wie weit er eventuell sogar von der Meinungsfreiheit gedeckt war. Und in wie weit es notwendig geworden ist, dann, wenn man den Auftritt seitens des DFB ächten will, eine Erweiterung des Ethikkodex oder die Erneuerung eines dahingehenden Verhaltenskodex für Nationalspieler zu installieren.

Wer will 2024 mit Erdogan aufs Bild?

Denn es kann ja nicht sein, dass Deutsche Nationalspieler Wahlkampfauftritte mit einem Despoten veranstalten der einen deutschen Journalisten über ein Jahr ins Gefängnis werfen ließ. Und ja, es ist ein Paradoxon von Nationalspielern zu verlangen, sich nicht mit Despoten zu treffen, während die Möglichkeit besteht, dass bei einer EM 2024 in der Türkei ein Europameister Deutschland zwangsläufig zum Fototermin mit Erdogan antreten müsste. Aber das sind die Widersprüche des internationalen Fußballs angesichts seiner aktuellen Verfasstheit. Angesichts einer der Ertragsoptimierung folgenden Blindheit, angesichts der Fifa-Entscheidungen, Turniere auch in unfreien Gesellschaften auszutragen. 

Zwar wäre das Siegerfoto 2024 in Ankara kein unmittelbarer Wahlkampftermin, aber diese Überlegung illustriert die Schwierigkeit der Abgrenzung, zeigt, dass es ein festes Regelwerk in einer real existierenden Fußballwelt gar nicht geben kann, sondern nur eine prinzipienorientierte Einzelfallbewertung entlang des DFB Ethikkodex. Wenn dieser nun aber keine dahingehend definierten Prinzipien enthält, dann muss eben nachgebessert werden. Ziel muss hier die Konkretisierung des Kodex sein. Sicher keine leichte Aufgabe, aber eine unbedingt notwendige um in Zukunft solche Katastrophen wie #Özil auszuschließen.

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