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Özil-Rücktritt: DFB meldet sich zu Wort

Über 18 Stunden nahm sich der DFB Zeit, um auf Mesut Özils Social-Media-Attacke zu reagieren. Einige Passagen lässt der Verband unkommentiert.

Text: W&V Redaktion

23. Juli 2018

Mesut Özil hat den DFB in die Enge getrieben.
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Der Deutsche Fußball-Bund hat sich nach dem Rundumschlag des zurückgetretenen Mesut Özil mit aller Gewalt gegen Rassismusvorwürfe gewehrt. Über 18 Stunden nach dem brachialen Abgang des Weltmeisters von 2014 samt Frontalangriff auf DFB-Präsident Reinhard Grindel  bedauerte der Verband zwar die Entscheidung Özils, verteidigte sich aber deutlich gegen die massiven Anschuldigungen des Fußballprofis. "Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück", hieß es in dem am Montag verbreiteten Statement, das auf eine Telefonkonferenz des DFB-Präsidiums folgte.

Zu weiteren personellen Konsequenzen und der Zukunft des stark in der Kritik stehenden Grindel machte der Verband keine Angaben. Der 56 Jahre alte DFB-Chef, der derzeit im Urlaub verweilen soll, wurde in der veröffentlichten Mitteilung auch nicht zitiert. Nach der massiven Attacke Özils, die der Profi am Sonntag über die sozialen Netzwerke inszenierte, dürfte aber auch der CDU-Politiker um sein Amt fürchten müssen. Özil hatte dem DFB-Präsidenten "Inkompetenz und Unfähigkeit" vorgeworfen hatte. Diesem wolle er nicht länger als "Sündenbock" dienen.

Der DFB gestand in der der schwelenden Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auch eigene Fehler ein. "Dass der DFB im Umgang mit dem Thema dazu auch einen Beitrag geleistet hat, räumen wir selbstkritisch ein", hieß es in der Mitteilung. Dass Özil zum Ziel von rassistischen Parolen wurde und der Verband seinen Spieler nicht ausreichend geschützt habe, "bedauern wir". 

"Der DFB steht für Vielfalt, von den Vertretern an der Spitze bis zu den unzähligen, tagtäglich engagierten Menschen an der Basis", schreibt der DFB selbst. Gerade an der Spitze war davon beim internen Zerfall nach dem WM-Debakel nicht mehr viel zu sehen. Grindel und Manager Oliver Bierhoff gerieten mit Aussagen über Özil und dessen Rolle in Interviews scharf in die Kritik, der Ton wurde rauer, der lange Zeit schweigende Spielmacher des FC Arsenal immer mehr in eine Ecke gedrängt.

Özil befreite sich auf seine eigene Weise. Seine beispiellos offene Anfeindung war eine Abrechnung mit Land, Leuten und Kritikern, mit DFB-Sponsoren und Medien, mit dem Verband - und vor allem mit Grindel. Rassismus, Karrieregeilheit, Desinteresse, Propaganda - Özils Liste an Vorwürfen war lang, kommentieren wollte sie der DFB nicht. Für den Verband gehöre es "zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen". Kein weiterer Brandherd, keine Reaktion auf die Provokation - so die offensichtliche Devise des DFB in dieser schweren Depression.

"Herausragende Leistungen" habe Özil gezeigt, "eine erfolgreiche Ära mitgeprägt", bedankte sich der DFB. Doch das Schweigen Özils nach den Bildern mit Erdogan und vor der WM sowie das fehlende klare Bekenntnis zu den deutschen Grundwerten, das Ilkay Gündogan ausgewählten Medien abgab, ärgerte den Verband offenbar doch mehr als anfangs zugegeben. "Ein Bekenntnis zu diesen Grundwerten ist für jede Spielerin und für jeden Spieler erforderlich, die für Deutschland Fußball spielen", schrieb der DFB. "Der DFB hätte sich gefreut, wenn Mesut Özil auf dieser gemeinsamen Basis weiter Teil des Teams hätte sein wollen", hieß es. Doch Özil wollte nicht mehr, er wollte einen Abgang mit Knalleffekt.

Noch bevor der DFB sich in der Causa Özil am Nachmittag zu Wort meldete, war die Bühne im deutschen Fußball schon frei für Attacken und Schuldzuweisungen. Unter anderem Bayern-Präsident Uli Hoeneß mischte sich ein.

Am Sonntag hatte der Spielmacher des FC Arsenal seine Bilder mit dem umstrittenen Staatschef Erdogan in den sozialen Medien wortreich verteidigt und politische Absichten bestritten. Der folgende Rundumschlag traf den DFB schwer und unvorbereitet. So schwer, dass Grindel und seine Präsidiumskollegen erst spät öffentlich reagierten - und sich dann in der verbreiteten Mitteilung nicht zitieren ließen. Vize-Präsident Rainer Koch schrieb auf Facebook: "Mit Nachdruck sind Angriffe gegen die DFB-Spitze zurückzuweisen, die die umfassende, seit vielen Jahren geleistete Integrationsarbeit des DFB (...) in Frage stellen und den DFB mit Rassismus in Verbindung bringen."

Özils Medienarbeit regelte lange Roland Eitel, ein ehemaliger Journalist, der auch Jürgen Klinsmann oder Joachim Löw beriet. Bis Anfang des Jahres betreute die Firma "We Play Forward" den Spieler in Medienfragen. Özils Berater ist seit einiger Zeit Erkut Sögüt über die Firma "Özil Management", zu der auch Bruder Mutlu Özil und Cousin Serdar gehören. Sögüt, ein promovierter Sportjurist und lizenzierter Spielerberater aus Hannover, wird zugleich als Team-Mitglied bei der Agentur ARP Sportmarketing geführt. Deren Geschäftsführer ist Harun Arslan, der Berater des Bundestrainers. 

Kein Fußball-Nationalspieler und wohl kaum ein anderer deutscher Prominenter ist in den Sozialen Netzwerken so populär wie Özil. Der 29-Jährige erreicht über Facebook, Twitter und Instagram insgesamt knapp 72 Millionen Follower (Stand Montagmittag). Kein Wunder, dass der als interviewscheu geltende Özil für seine harsche Kritik an der DFB-Spitze und seinen Rücktritt aus dem Nationalteam diese Kanäle wählte. Am Sonntagabend wurde dort über mehrere Stunden hinweg eine Erklärung in drei Teilen verschickt.

"Mesut Özil findet in seiner Nachricht sehr klare Worte über den Anlass und den Hintergrund seines Bildes", sagte am Montag Nicolas Fink, Experte für Markenmanagement und Öffentlichkeitsarbeit im Sport an der SRH Fernhochschule Riedlingen. Alle Welt richte nun den Fokus auf dieses Statement. "Die Aussagen erhalten eine übermäßige Aufmerksamkeit, die hätte vermieden werden können, wenn Özil seine Beweggründe viel früher kommuniziert hätte."

Gerade weil er sich auf einen respektvollen Umgang und die Meinungsfreiheit berufe und damit sachliche Gründe für das Foto hätte, hätte er sich in unserer heutigen Informationsgesellschaft viel früher zu Wort melden müssen, so Fink weiter.

Warum aber in drei Teilen? "Ich kann nur vermuten, dass er Spannung aufbauen wollte", sagte Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). "Aber die genaue Antwort kennt nur er." Dass Özil seine Gedanken nur auf Englisch und nicht auf Deutsch verbreitet habe, habe wahrscheinlich daran gelegen, dass wohl das Management und nicht der Fußballer selbst die Erklärung verfasst und versendet habe, so Überall. Manche Facebook-Nutzer bewerteten das Englisch als "neutrale" Sprache des Deutschen mit türkischen Wurzeln.

Auch Überall kritisiert, dass Özil sich erst spät gerührt habe. "Das ist sehr bedauerlich, denn seine Vorwürfe sind schwerwiegend." Alle Medien als rassistisch zu verteufeln, sei natürlich Unsinn. Aber wenn er Beispiele genannt und sich einer Diskussion gestellt hätte, gäbe es eindeutig einen Nutzwert. "So aber sieht das nach Dampfablassen aus. Das mag ihm nützen, lässt aber alle anderen ratlos zurück."

Für den Kommunikationsexperten Christoph Schwab aus Köln liegt der Schwarze Peter beim Deutschen Fußball-Bund: "Die Kommunikation vom DFB war grottenschlecht, diese Kommunikation hat ja nicht stattgefunden", sagte Schwab der dpa. "Jetzt müssen natürlich Konsequenzen erfolgen und der DFB steht in schwerster Kritik."

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