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Kommentar
Plastikpfand: Innocents Petition führt in die Irre

Innocent will sich mit einer Initiative als Kämpfer für die Umwelt positionieren. Doch die Kampagne rund um die Petition, mit deren Hilfe Saft- und Smoothieflaschen zu Pfandflaschen werden sollen, ist schwierig.

Text: W&V Redaktion

7. Oktober 2020

Eine Petition, die nicht genug informiert - Innocent positioniert sich nachhaltig
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Der Saft- und Smoothiehersteller Innocent macht derzeit mit einer Kampagne auf sich aufmerksam, in deren Zentrum eine Petition steht. Es geht darum, dass der Bundestag auch aus Saft- und Smoothieflaschen Pfandflaschen machen soll. Damit springt das Unternehmen auf einen Trend auf. Denn auch schon andere Unternehmen wie der Hafermilchhersteller Oatly versuchten, mithilfe einer Petition für die gute Sache und gleichzeitig für ihre Marke zu trommeln.

Doch die aktuelle Innocent-Aktion lässt ein paar relevante Aspekte völlig außer Acht und führt so die Verbraucher an der Nase herum.

Seit Anfang Oktober sammelt das Münchner Unternehmen Unterzeichner für seine Petition "Pfand für alle". Am Donnerstagmorgen waren es knapp 30.000 Menschen, die die Kampagne unterstützen. 50.000 Unterzeichner braucht Innocent innerhalb von 30 Tagen, damit sich der Deutsche Bundestag mit der Petition befasst. Was den meisten Menschen offenbar nicht bewusst ist: Sie lassen sich von ungenügenden Informationen in die Irre leiten und so wir die Petition schnell zu einer Green-Washing-Kampagne.

Innocent-Aufruf

Nicht alle Flaschen kann man so einfach recyclen

Die Frage mag sich so manch einer schon gestellt haben: Warum gibt es PET-Flaschen, die zum Pfandsystem gehören, und andere sind es nicht? Genau diese Frage beantwortet Innocent aber nicht im Rahmen seiner Kampagne. Mehr erfährt der Verbraucher erst im langen Text zur Petition. Oder er unterschreibt, ohne sich mit dem Thema beschäftigt zu haben und erfährt dadurch nicht, dass viele Saft- und Smoothieflaschen nur schlecht oder gar nicht wiederverwertet werden können. Grund sind Additive in vielen Flasche von Obst- und Gemüsesäften. Erst wenn es die nicht mehr gibt, können diese Flaschen auch einem sinnvollen Kreislauf zugeführt werden. In einem ersten Schritt muss es also darum gehen, diese Stoffe nicht mehr zu verwenden, wie es auch der BVSE, der Fachverband für Kunststoffrecycling von Politik und Industrie fordert.

Was Innocent auch unter den Tisch fallen lässt: Bereits im März hat sich der Bundesrat im Rahmen eines Grundsatzbeschlusses sich dafür ausgesprochen, dass das Pfandsystem auf Getränkedosen und PET-Flaschen ausgeweitet wird. Es ist also mitnichten so, wie Innocent suggeriert, dass auf politischer Ebene nichts passiert. Jetzt ist der Bundestag an der Reihe - und der soll mit der Petition offenbar unter Druck gesetzt werden. 

Plastik wird kaum wiederverwertet

Rund zehn Prozent aller PET-Flaschen gehen laut einer Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung aus dem Jahr 2018 dem geschlossenen Wertstoffkreislauf Jahr für Jahr aufgrund der eingeschränkten Pfandpflicht verloren. Das sind immerhin rund 40.000 Tonnen Kunststoff jährlich, die nicht zu Lebensmittelverpackungen wiederverwertet werden können. 

Das ist ein mehr als ärgerliches Problem, jedoch ist inzwischen auch längst bekannt, dass die Recycling-Quote bei Plastik nicht besonders hoch ist. Im Jahr 2019 wurden nur 13,7 Prozent der Kunststoffverarbeitungsmenge durch Rezyklate gedeckt. Denn noch ist die Verwendung von neuem Kunststoff günstiger als die von wiederaufbereitetem. Innocent kann sich also noch so oft hinstellen und davon träumen, zur Pfandflasche zu werden: Umweltfreundlicher werden die kleinen praktischen Plastikfläschchen dadurch auch nicht.

Vor allem, weil es auch noch einen großen Unterschied zwischen Pfand und Mehrweg gibt. Zwar könnten auch Plastikflaschen wie Glasflaschen wiederbefüllt werden. Doch die meisten werden es nicht, sondern als Einwegflaschen dem Recycling-Kreislauf zugeführt.

Statt eine Petition auf die Beine zu stellen, wäre es vielleicht deutlich umweltfreundlicher gewesen, über die Einführung von Glasflaschen nachzudenken. Denn aus Glasflaschen kann nach dem Einschmelzen wieder eine Glasflasche werden. Aus recyceltem PET wird selten wieder eine Flasche. Weil sie sich verfärbt und dann nicht mehr so schön aussieht.

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Autor: Lena Herrmann

schreibt als Redakteurin für das Marketingressort der W&V unter anderem über Sportmarken und Reisethemen. Beides beschäftigt sie auch in ihrer Freizeit. Dann besteigt sie Berge, fährt mit dem Wohnmobil durch Neuseeland und Kanada, wandert durch Weinregionen oder sucht nach der perfekten Kletterlinie.

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