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Krisen-PR
Zwangsarbeiter-Debatte: Bahlsen setzt auf Expertengremium

Bahlsen legt nochmals in Sachen Krisen-PR nach: Unabhängige Wissenschaftler sollen sich mit dem Thema Zwangsarbeiter beschäftigen.

Text: Anonymous User

16. Mai 2019

Bahlsen geht in die PR-Offensive.
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Der Kekshersteller Bahlsen und die Eigentümerfamilie ziehen Konsequenzen aus den aktuellen Diskussionen um die Behandlung der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und lassen deren Rolle wissenschaftlich aufarbeiten. Der Göttinger Professor Manfred Grieger sei beauftragt, dazu ein unabhängiges Expertengremium zusammenzustellen, teilte die in Hannover ansässige Gruppe in einer weiteren Erklärung mit. Sie wies zudem darauf hin, dass bereits in den 1990er Jahren Wissenschaftler der Universität Hannover für ein Forschungsprojekt die Belegschaftsgeschichte der Firma beleuchtet hätten. Dazu hatten sie auch Zugang zu den Firmenarchiven.

Mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus heißt es in der Unternehmens-Erklärung: "Das Expertengremium soll jetzt besonders dieses Kapitel der Firmengeschichte noch genauer aufarbeiten und die damalige Entwicklung des Familienunternehmens in seinen Zusammenhängen darstellen."

Erst am Vortag hatte sich Unternehmenserbin Verena Bahlsen für ihre Äußerungen zu Zwangsarbeitern bei dem Kekshersteller entschuldigt. In einer Erklärung sprach sie von unbedachten Äußerungen sowie einem Fehler. Sie hatte der "Bild"-Zeitung auf eine entsprechende Frage nach den damaligen Zwangsarbeitern im Unternehmen gesagt: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt." Die Bemerkung hatte in sozialen Medien empörte Reaktionen hervorgerufen.

Die Firmenerbin beschreitet in Berlin neue Wege als Unternehmerin mit einem Restaurant, das sie nach ihrem Urgroßvater "Hermann's" nannte und als eine Art Zukunftslabor für gesundes Essen sieht. Sie habe erkannt, dass sie sich intensiver mit der Historie des Unternehmens, dessen Namen sie trägt, beschäftigen müsse, hatte sie am Vortag erklärt und betont: "Als Nachfolgegeneration haben wir Verantwortung für unsere Geschichte; ich entschuldige mich ausdrücklich bei all denen, deren Gefühle ich verletzt habe."

Die traditionsreiche Bahlsen-Gruppe mit einem Jahresumsatz von knapp 560 Millionen Euro feiert dieses Jahr 130-jähriges Bestehen. Der Keks- und Süßwarenhersteller wird zur Zeit von einem vierköpfigen Manager-Team geleitet, seit sich der bisherige, langjährige Firmenlenker Werner M. Bahlsen vor einem Jahr aus dem Alltagsgeschäft in den Verwaltungsrat zurückzog. Ihm gehören noch fünf Prozent der Anteile an dem Keks-Imperium - die übrigen 95 Prozent gehören den Kindern und werden von ihm mitverwaltet. Nach einer Neuausrichtung peilt das Unternehmen bis zum Jahr 2025 eine Umsatzverdopplung an.

Die Erklärung im Wortlaut:

"Bahlsen lässt Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufarbeiten Das Unter­nehmen Bahlsen und die Eigen­tü­mer­fa­milie lassen die Rolle der Firma zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus wissen­schaft­lich aufar­beiten. Auslöser sind die aktuellen Diskus­sionen über Zwangs­ar­beiter bei Bahlsen. Professor Dr. Manfred Grieger von der Univer­sität Göttingen hat aktuell den Auftrag, ein unab­hän­giges Exper­ten­gre­mium zusam­men­zu­stellen und gemeinsam mit ihm eine wissen­schaft­lich fundierte Unter­neh­mens­ge­schichte zu verfassen. In diesem Zusam­men­hang wird auch genauer unter­sucht, welche Rolle die Zwangs­ar­beiter bei Bahlsen spielten und wie das Unter­nehmen mit ihnen umging.

Bereits in den 90er Jahren hat ein Forschungs­pro­jekt des Instituts für poli­ti­sche Wissen­schaft der Univer­sität Hannover die Beleg­schafts­ge­schichte der Firma Bahlsen betrachtet, darunter auch die Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus. Das Unter­nehmen hatte dafür seine Archive geöffnet. Das Exper­ten­gre­mium soll jetzt besonders dieses Kapitel der Firmen­ge­schichte noch genauer aufar­beiten und die damalige Entwick­lung des Fami­li­en­un­ter­neh­mens in seinen Zusam­men­hängen darstellen. Über die Konsti­tu­ie­rung der Histo­ri­ker­kom­mis­sion und das weitere Vorgehen wird gesondert informiert."

 

(W&V Online/dpa)

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