Anzeige

UK-Zeitungsbranche
ABC baut Meldesystem für Zeitungsauflagen radikal um

Der britische Auflagenkontrolleur reagiert auf die Sorgen der Zeitungshäuser. Die können künftig ihre Daten selbst verwalten und damit die Gesamtstrategie ihrer Medienmarken besser kommunizieren.

Text: W&V Redaktion

2. Juni 2020

Die UK-Zeitungen können jetzt ihre Gesamtstrategie besser kommunizieren.
Anzeige

Die britische Tageszeitung The Times und das Boulevard-Blatt The Sun veröffentlichen von sofort an nicht mehr ihre Print-Auflagenzahlen. Zugänglich sind die Daten nur noch für Agenturen und Werbungtreibende, die zuvor eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet haben.

Wie berichtet, hatte sich der Daily Telegraph bereits Anfang des Jahres entschlossen, seine Print-Auflage nicht länger vom Auflagenkontrolleur ABC prüfen zu lassen. Denn die Print-Auflage, so die Argumentation der Telegraph Media Group, stelle bei einer "Subscriber first"-Strategie keine Schlüsselmetrik mehr dar.

Stattdessen veröffentlicht der Verlag seither seine eigenen Reichweitenzahlen, die vom Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers überprüft werden. Bis 2023 möchte der Telegraph bei seinen Digitalangeboten zehn Millionen registrierte Nutzer und eine Million zahlende Abonnenten erreichen. Vergangenes Jahr hatte sich auch schon Newsquest, nach Reach der zweitgrößte Lokalzeitungsverlag Großbritanniens mit mehr als 160 Tages- und Wochenzeitungen, von der ABC-Auflagenmessung verabschiedet.

Erweitertes Meldesystem

Auf diese Entwicklung hat nun der Auflagenkontrolleur, der gemeinsam von Verlagen, Agenturen und Werbungtreibenden als Non-Profit-Organisation betrieben und finanziert wird, mit einem neuen, erweiterten Meldesystem reagiert. Die Verlage haben fortan die Wahl, ihre Daten wie bisher zu veröffentlichen oder aber in einem "Private"-Modus selbst zu verwalten.

Entscheiden sie sich wie bereits die Times und die Sun für den "Private"-Modus, haben sie die Möglichkeit, ihre Daten nur noch ausgewählten Partnern zugänglich zu machen. Darüber hinaus können die Verlage weitere Metriken zu ihren Print-Auflagenzahlen hinzufügen wie etwa Daten zur Nutzung der verschiedenen Digitalangebote. Die bislang von ABC monatlich veröffentlichte Print-Auflagenstatistik wird nach 33 Jahren eingestellt.

"Anreiz für Negativberichte"

Mit diesen Änderungen reagiere die Organisation auf "die Sorge der Verlage, dass die monatlichen ABC-Zahlen einen Anreiz für Negativberichte über den Auflagenrückgang darstellen", erklärte ABC-CEO Simon Redlich gegenüber dem Branchendienst Press Gazette.

Die monatliche Veröffentlichung der Print-Auflagenzahlen würde es den Verlagen erschweren, ihren jeweils eigenen Ansatz adäquat zu kommunizieren. "Wenn sich ihre Medienmarke auf eine bestimmte Strategie fokussiert", so Redlich weiter, "ist es für die Verlage (beim bisherigen System) schwieriger, diese Geschichte verständlich zu machen."

Seit dem Jahr 2000 haben die überregionalen Zeitungstitel in Großbritannien fast zwei Drittel ihrer Print-Auflage eingebüßt.


Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.

Anzeige