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Konsumentenverhalten
Corona-Bier und das Virus: Keine Verwechslungsgefahr

Eine windige Telefonumfrage der PR-Agentur 5W sorgt für den wohl so intendierten Medienrummel. Doch für eine Kaufzurückhaltung wegen der Namensgleichheit mit dem Virus gibt es keine Belege.

Text: W&V Redaktion

3. März 2020

Keine Verluste bei Constellation Brands wegen Coronavirus.
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Angesichts der Coronavirus-Epidemie meldet die Brauerei der mexikanischen Biermarke Corona wegen der Namensgleichheit "gigantische Verluste". Dies jedenfalls berichteten zahlreiche Medien – nicht nur in Deutschland – in der vergangenen Woche. Denn, so die in den sozialen Medien unverblümt und in den traditionellen Medien etwas weniger deutlich ausgesprochene Unterstellung: Vor allem die US-Bürger können zwischen dem Virus und der Biermarke nicht recht unterscheiden und üben sich deshalb in Kaufzurückhaltung.

Das Problem dabei: Die Story beruht nicht etwa auf journalistischer Recherche, sondern auf der Basis einer etwas windigen Telefonumfrage, die im Auftrag der New Yorker Agentur 5W Public Relations durchgeführt worden war. Befragt wurden gerade einmal 737 "biertrinkende Amerikaner".

Laut 5W gaben 38 Prozent der Befragten an, dass sie in der gegenwärtigen Situation "unter keinen Umständen" Corona-Bier kaufen würden. Unklar ist allerdings, ob sie überhaupt schon jemals zuvor eine der Corona-Biersorten gekauft hatten und ob sie die Marke überhaupt kannten, wie die Agentur inzwischen gegenüber dem Branchenmagazin Advertising Age einräumte.

Von denen, die erklärten, dass sie Corona-Bier trinken, sagten laut der Umfrage vier Prozent, dass sie das gegenwärtig vermeiden würden, und 14 Prozent antworteten, dass sie es nicht in der Öffentlichkeit tun würden. Die tatsächlichen Verkaufszahlen, erhoben vom FMCG-Marktforscher IRI, bestätigen eine derartige Kaufzurückhaltung – zumindest in den USA – allerdings nicht.

Im Gegenteil: Wie das Unternehmen Constellation Brands mitteilt, einer der größten Produzenten und Vermarkter alkoholischer Getränke in den Vereinigten Staaten, darunter auch der Corona-Markenfamilie, legten die Verkaufserlöse von Corona Extra während des Vier-Wochen-Zeitraums bis zum 16. Februar auf dem US-Markt sogar um fünf Prozent zu – nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Trend der vergangenen 52 Wochen. Ähnliches gilt auch für die übrigen Sorten der Markenfamilie wie Corona Light und Corona Premier. Auch die reinen Abverkaufszahlen bis zum 26. Februar liegen laut IRI über dem Jahrestrend.

"Extrem bedauerlich"

"Es ist extrem bedauerlich, dass die jüngsten Falschinformationen über den Einfluss des Virus auf unser Geschäft in den traditionellen und sozialen Medien ohne weitere Recherche oder Überprüfung verbreitet wurden", erklärt Bill Newlands, President und CEO von Constellation Brands, in einer Stellungnahme auf der Unternehmens-Website. Die vorgebrachten Behauptungen würden in keiner Weise die tatsächliche Geschäftsentwicklung oder das Konsumentenverhalten widerspiegeln, so Newlands weiter. Im Unterschied zu vielen Wettbewerbern fokussiere sich Constellation Brands beim Vertrieb seiner Biermarken ohnehin fast ausschließlich auf den US-Markt.

Etwas anders sieht die Situation – wenig überraschend – derzeit auf dem chinesischen Markt aus. So erwartet die belgische Brauereigruppe Anheuser-Busch Inbev, die die Mehrheit an der mexikanischen Corona-Brauerei Grupo Modelo hält und die den internationalen Vertrieb verantwortet, für das erste Quartal dieses Jahres einen Gewinnrückgang von zehn Prozent.

Ein Grund dafür, so das Unternehmen, sei die gesunkene Nachfrage während des chinesischen Neujahrsfestes angesichts der Coronavirus-Epidemie – sowohl in den Bars als auch beim privaten Konsum. Dass bei dieser Prognose allerdings speziell die Marke Corona eine entscheidende Rolle spielt, kann angesichts der Tatsache, dass das Portfolio des Brauereigiganten insgesamt mehr als 500 Marken umfasst, darunter große Namen wie Budweiser, Stella Artois oder Beck’s sowie speziell in China mehr als ein Dutzend lokale Biermarken, ins Reich der Fantasie verwiesen werden.


Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.

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