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Unternehmensstrategie
Lokale Websites statt Lokalzeitungen

Reach, der größte britische Zeitungsverlag, launcht gleich sieben neue lokale Websites. Und verzichtet offensichtlich auf die Übernahme von 200 Print-Titeln des Konkurrenten JPI.

Text: W&V Redaktion

25. November 2019

Die lokale Website erreicht ein Vielfaches an Nutzern als der Print-Lokaltitel Birmingham Mail.
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Der britische Zeitungsverlag Reach (vormals Trinity Mirror) launcht im Zuge seiner Digitalstrategie sieben neue lokale Websites und schafft hierbei 46 zusätzliche journalistische Arbeitsplätze. Die bisherige Expansionspolitik im Print-Bereich scheint dagegen zu einem Ende gekommen zu sein.

Der Verlag mit Sitz im Londoner Bürogebäudekomplext Canary Wharf ist der mit Abstand größte Zeitungsverlag des Vereinigten Königreichs mit überregionalen Titeln wie dem Daily Mirror, dem Daily Express, dem Daily Star, der schottischen Sunday Mail sowie mehr als 200 Lokal- und Regionalzeitungen.

Wie das Unternehmen jetzt mitteilt, wird es in den Regionen Sunderland, County Durham, Sheffield, North Yorkshire, Bradford, Newport und Bolton lokale Websites launchen – allesamt unter der "Live"-Marke, die Reach seit dem Launch von Belfast Live im Jahr 2015 für zahlreiche lokale Sites nutzt.

Bei dieser "Live"-Strategie auf lokaler Ebene trennt Reach die Onlineredaktionen von den eigenen Print-Lokalredaktionen – in der Regel sogar räumlich. Zudem verweisen die Websites nicht mehr auf die lokalen Print-Titel des Verlags. So firmiert beispielsweise der Online-Auftritt in Birmingham unter Birmingham Live, während die Reach-Lokalzeitung Birmingham Mail heißt.

Übernahme der JPI-Titel offensichtlich abgeblasen

In den sieben neuen Regionen, in denen Reach nun aber lokale Websites launcht, ist der Verlag nicht mit eigenen Print-Titeln vertreten. Vielmehr tritt er hier gegen die Lokalzeitungs-Rivalen JPI Media (vormals Johnston Press) sowie Newsquest an.

Zu diesem Fokus auf die Expansion im Digitalbereich passt eine weitere Entscheidung des Reach-Managements: Laut einem Bericht der Financial Times ist der Verlag nämlich aus dem Rennen um die Übernahme von rund 200 Lokalblättern des Verlags JPI Media ausgestiegen.

Wie berichtet, bietet der neuformierte Verlag JPI Media sein gesamtes Titelportfolio zum Verkauf an, darunter die Flaggschifftitel The Scotsman und The Yorkshire Post sowie die erst 2016 für 24 Millionen Pfund erworbene überregionale Kompaktzeitung i. Der Vorgängerverlag Johnston Press hatte Ende vergangenen Jahres Konkurs angemeldet. Reach galt in den letzten Monaten als Favorit für die Übernahme der Lokaltitel.

Online schlägt Print

Inzwischen scheinen sich bei Reach die Prioritäten allerdings verschoben zu haben. Die nackten Zahlen jedenfalls sprechen für diesen Strategiewechsel: Denn die Auflagenverluste der Print-Lokalzeitungen sind nahezu überall in Großbritannien massiv. Während beispielsweise die Print-Ausgabe der Birmingham Mail nur noch auf eine verkaufte Auflage von rund 15.000 Exemplaren kommt, verzeichnet die Website Birmingham Live täglich mehr als 400.000 Unique Users.

Laut den letzten vom britischen Auflagenkontrolleur ABC veröffentlichten Zahlen haben im Zeitraum von Juli bis Dezember 2018 sämtliche lokalen Tageszeitungen deutlich an Auflage eingebüßt, die Mehrzahl im zweistelligen Prozentbereich.

Marktführer im gesamten Vereinigten Königreich ist The Press and Journal im schottischen Aberdeen mit einer verkauften Auflage von lediglich 43.700 Exemplaren – ein Minus von 9 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum 2017. Insgesamt kommen überhaupt nur noch sieben Lokalblätter über die Marke von 30.000 verkauften Exemplaren.

Während die Print-Ausgaben damit rapide an Bedeutung verlieren, erreichen die lokalen Websites teilweise enorme Nutzerzahlen. So verzeichnete beispielsweise die Manchester Evening News (Print-Auflage: 35.000 Exemplare) im Jahr 2017, das letzte Mal, dass Reach Nutzerzahlen seiner Websites meldete, mehr als 980.000 Zugriffe täglich ("Daily unique Browsers") und das Liverpool Echo (Print-Auflage: 32.000) über 700.000.


Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.

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