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Kolumne
Medienbranche sollte die aktuelle Krise nutzen

Nico Lumma und Christoph Hüning vom Next Media Accelerator beschäftigen sich mit Themen, über die man im Laufe der Woche sprechen sollte. Diesmal: Rasantes Wachstum vs. konservative Marktteilnehmer

Text: W&V Redaktion

29. September 2020

Nico Lumma (re.) und Christoph Hüning vom Next Media Accelerator
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Startups, Disruption und Silicon Valley - dieser Dreiklang kommt vielen Menschen bekannt vor, aber laut einer aktuellen Studie des Risikokapitalgebers Index Ventures aus London wird das Silicon Valley immer weniger relevant für europäische Startups. Anders ausgedrückt: Startups werden immer normaler in Europa und schaffen es auch, hier zu skalieren. 

Die Faktoren, die dazu geführt haben, sind naheliegend: Es gibt viele gut ausgebildete junge Menschen in Europa, die eine Firma starten oder für ein Startup arbeiten wollen. Und natürlich ist der europäische Binnenmarkt trotz aller nationalen Unterschiede in Summe groß genug und eignet sich für ein gesundes Wachstum. Hinzu kommt, dass immer mehr amerikanische Venture Capital Firmen mittlerweile in Europa investieren und Startups nicht mehr ins Silicon Valley ziehen müssen, um an Kapital zu kommen. 

Aber natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein im Startup-Land. Auch wenn das Silicon Valley und die damit verbundene Geschichte von der Disruption nicht mehr die Strahlkraft hat wie vor 10 oder 15 Jahren, sind es immer noch die amerikanischen Venture Capital Firmen, die die großen Deals an Land ziehen - europäisches Risikokapital agiert weiterhin zu zaghaft. Das kann Europa am besten selber ändern, Frankreich und Großbritannien zeigen deutlich, wie es gehen kann: Der Staat pumpt mehr Geld in Venture Capital Fonds und erleichtert Investitionen steuerlich. Aber neben staatlicher Hilfe sind es vor allem auch erfolgreiche Gründer*innen selber, die das Ökosystem am besten voranbringen können. So ist die Ankündigung des Spotify-Gründers Daniel Ek, eine Milliarde Euro und damit etwa ein Drittel seines Privatvermögens in europäische Deeptech-Startups zu investieren, ein mehr als beachtlicher Schritt. Aber auch in etwas kleineren Dimensionen ist es dieses Commitment, das den Startup-Standort Europa voranbringen wird.

Das ist vergleichsweise leicht, aber die Studie spricht noch einen weiteren Punkt an, der schwieriger zu lösen ist: Europäische Unternehmen sind zu konservativ, wenn es um Startups und Innovationen geht. Die schönsten und innovativsten Startups nutzen nichts, wenn etablierte Marktteilnehmer lieber weitermachen wie bisher und nicht auf die Innovationskraft von Startups setzen wollen.

"Never waste a good crisis" hat Winston Churchill (weit vor dem anstehenden Brexit) mal gesagt - gerade jetzt ist die ideale Zeit, um mit Startups zusammenzuarbeiten und damit das eigene Unternehmen innovativer aufzustellen. Wenn Unternehmen aber weiterhin konservativ und zögerlich bleiben, dann wird das Thema Disruption auch im negativen Sinne ein europäisches werden. Schnell wachsende Startups werden mit Hilfe von amerikanischem oder chinesischem Risikokapital dafür sorgen, dass etablierte Marktteilnehmer während ihrer zurückhaltenden Bemühungen um eine digitale Transformation überholt werden. Auch die Geschichte der digitalen Transformation der Medienbranche ist eine Geschichte der Fehleinschätzung von Netzwerk-Entwicklungen, die zu einer rasanten Skalierung von ehemals kleinen Angeboten führen - Napster, eBay, Apple und Co. wurden anfangs völlig zu Unrecht unterschätzt. Die Medienbranche ist heute so stark unter Druck, sie sollte die aktuelle Krise nutzen.

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