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Premier League denkt über "Premflix" nach

Die oberste englische Fußball-Liga sondiert Möglichkeiten, in ausländischen Märkten Live-Spiele über eine eigene Videostreaming-Plattform anzubieten. Das Erlöspotenzial wäre gigantisch.

Text: W&V Redaktion

10. Februar 2020

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Nachdem erst vergangene Woche der amtierende spanische Fußballmeister FC Barcelona den Launch eines eigenen Videostreamingdienstes angekündigt hatte, bestätigte jetzt auch der neue Premier-League-CEO Richard Masters entsprechende Pläne für die höchste Spielklasse im englischen Fußball. Im Fokus der Überlegungen stehen dabei offensichtlich Live-Streamings von Premier-League-Spielen in Auslandsmärkten, wie britische Medien übereinstimmend berichten.

Danach hat die Premier League bereits während der vergangenen Lizenzverhandlungen für die drei Spielzeiten 2019/20 bis 2021/22 über die Einrichtung eines eigenen Streamingdienstes nachgedacht, sich zuletzt aber doch dagegen entschieden. Für die Spielzeiten 2022/23 bis 2024/25 liegt diese Option für ein von den britischen Medien als "Premflix" titulierten Service aber erneut auf dem Tisch.

Laut Masters hat die Premier League in den letzten Jahren eine Menge Zeit und Mittel investiert, um die eigene Expertise sowie die Fähigkeiten in der direkten Konsumentenbeziehung auszubauen. Diese Arbeit werde in Hinblick auf die nächste Verhandlungsrunde fortgesetzt. "Wir waren das letzte Mal bereit, und wir werden das nächste Mal bereit sein, wenn sich die Möglichkeit ergibt", so Masters.

Derzeit erzielt die Premier League für die Live-TV-Übertragungsrechte pro Saison Lizenzeinnahmen in Höhe von rund 3,1 Milliarden Pfund (3,65 Mrd. Euro), davon 1,4 Milliarden Pfund (1,65 Mrd. Euro) von ausländischen Lizenznehmern. Spiele der Liga können in 188 Ländern live verfolgt werden, wobei weltweit rund 200 Millionen Haushalte hierfür eine Pay-TV-Plattform nutzen.

Milliarden-Investments notwendig

Das Rechenexempel: Würden diese 200 Millionen Haushalte pro Monat eine Gebühr von zehn Pfund direkt für einen Liga-Streamingdienst zahlen, würden sich die Einnahmen auf gigantische 24 Milliarden Pfund (28 Mrd. Euro) pro Spielzeit summieren. Die Premier League befände sich damit auf Augenhöhe beispielsweise mit Netflix. Der Jahresumsatz des Streaming-Marktführers lag im vergangenen Jahr bei knapp über 20 Milliarden Dollar (18,3 Mrd. Euro).

Allerdings: So einfach geht die Rechnung nicht auf. Denn erstens wäre es gar nicht sicher, dass tatsächlich alle 200 Millionen Kunden der unterschiedlichsten Plattformen, die sich weltweit Live-Spiele der Premier League ansehen, auch tatsächlich den Streamingdienst der Liga abonnieren würden.

Zweitens müsste die Premier League eine eigene technische Plattform erst aufbauen – ein Milliarden-Investment. Und drittens müsste das Angebot auf die jeweiligen sprachlichen und kulturellen Besonderheiten der Länder mit ihren Vorlieben für spezielle Präsentationen, Kommentatoren und Experten abgestimmt werden. Schließlich müsste die Liga – ähnlich wie dies Netflix und Disney+ tun – Milliardensummen ins Marketing stecken. Insgesamt käme dies also einer Herkulesaufgabe gleich.

Testmarkt Singapur?

Deshalb ist eher zu erwarten, dass die Premier League zunächst einige Testmärkte ins Auge fasst. Offizielle Angaben hierzu machte Liga-Chef Masters bislang nicht. Britische Medien spekulieren allerdings, dass Singapur ein solcher Testmarkt sein könnte, da die Liga schon vor der letzten Rechtevergabe hierüber nachgedacht hätte, die Lizenz dann aber doch für geschätzte 70 Millionen Pfund (82 Mio. Euro) an das Telko-Unternehmen Singtel vergeben habe. Singtel erzielt mit seinen über 400.000 Abonnements für die Premier-League-Begegnungen rund 175 Millionen Pfund (206 Mio. Euro), eine Differenz von immerhin 105 Millionen Pfund. Im vergangenen Jahr hat die Liga denn auch schon ihr erstes internationales Büro in Singapur eröffnet.

Dass die Liga ein eigenes Streaming-Angebot auch auf dem Heimatmarkt Großbritannien launchen könnte, halten die meisten britischen Branchenexperten allerdings auf Jahre hinaus für unwahrscheinlich. Live-Spiele werden hier derzeit von Sky Sports (sechs Millionen Abonnenten), BT Sport (knapp zwei Millionen) und Amazon übertragen. Wer sämtliche Live-Spiele sehen will, muss deshalb tief in die Tasche greifen. Die drei Abos zusammen summieren sich auf jährlich 912 Pfund (1073 Euro) oder 76 Pfund (89 Euro) pro Monat.


Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.

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