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Kreation des Tages
Provokanter Israel-Spot erhitzt die Gemüter

Heile-Welt-Songs in einem Land mit Krieg und Besatzung? Gegen diese Israel-Stereotype wehrt sich der TV-Sender Kan, der den Eurovision Song Contest überträgt, mit einem satirischen Video - und wird dafür von allen Seiten kritisiert. 

Text: W&V Redaktion

14. Mai 2019

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Israel ist das Land, in dem Milch und Honig fließen. Das ist nicht nur eine alttestamentarische Beschreibung des "verheißenen Landes", sondern auch eine Textzeile aus dem Spot des israelischen Fernsehsenders Kan, der den Eurovision Song Contest (ESC) ausstrahlt. Mit dem Film hat sich Kan sowohl Ärger mit orthodoxen Juden als auch Palästinensern eingehandelt.

Die arabische Israelin Lucy und der aus Russland eingewanderter Jude Elia spielen Reiseführer fürs ESC-Publikum und gehen "auf eine musikalische Reise durch die wichtigsten Teile Israels". Dabei sparen sie nicht an Selbstironie: "Ich weiß, dass ihr gehört habt, dass es ein Land von Krieg und Besatzung ist", singt Elia beim Empfang von Touristen am internationalen Flughafen Ben Gurion. "Aber wir haben so viel mehr als das zu bieten", singt Lucy. Mit Blick auf die hohen Lebenshaltungskosten in Israel meint sie: "Ihr werdet die Preise sehen und fragen: "Was?"

In sozialen Medien kritisierten viele Israelis das Lied als zu negativ. Eine Passage stufen einige sogar als antisemitisch ein: "Die meisten von uns sind Juden, aber nur einige sind habgierig."

Bei den Palästinensern kommt dagegen eine andere Stelle schlecht an. Jerusalem wird als Hauptstadt Israels bezeichnet, zu sehen sind unter anderem der Tempelberg in Jerusalems Altstadt, der Muslimen und Juden heilig ist. Deswegen fordert das palästinensische Außenministerium die Europäische Rundfunkunion (EBU) dazu auf, Werbevideos für den ESC 2019 zurückzuziehen, die im 1967 von Israel besetzten und später annektierten Ostteil Jerusalems aufgenommen wurden. Dies gebiete der "Respekt für das palästinensische Volk und internationales Recht", hieß es in einer Mitteilung des Ministeriums. Israel dürfe den Musikwettbewerb nicht dazu missbrauchen, die Besatzung der Palästinensergebiete zu verschleiern.

Der Sender Kan selbst betonte, bei dem Clip handele es sich um Satire, die sich mit Stereotypen über Juden und Israel befasse. "Wir kennen unsere Schwächen, und wir schämen uns nicht, über sie zu lachen.

Einige schätzen den Spot auch sehr:

In diesem Jahr singen Künstler aus 41 Ländern um die Wette. Als Favorit gilt seit Wochen der niederländische Sänger Duncan Laurence ("Arcade"). Das deutsche Duo S!sters, das mit seinem Song "Sister" für mehr Solidarität unter Frauen werben will, wird bei Wetten eher im unteren Mittelfeld gesehen. Das gilt auch für den israelischen Kandidaten Kobi Marimi ("Home").

Carlotta Truman (19) aus Hannover und Laurita Spinelli (26) aus Wiesbaden singen erst am 18. Mai, weil Deutschland als einer der großen Geldgeber der Eurovision automatisch für das Finale gesetzt ist.

Das große Finale findet am Samstag in der Veranstaltungshalle Expo im Norden Tel Avivs statt. Israel ist schon zum dritten Mal ESC-Gastgeber, erstmals findet der Wettbewerb aber in Tel Aviv und nicht in Jerusalem statt. Die Popsängerin Netta Barzilai hatte 2018 in Portugal gesiegt und damit den Wettbewerb in ihr Land gebracht. Barzilai tritt mit ihrem neuen Song "Nana Banana" beim Finale auf. Als bekanntester internationaler Star soll US-Sängerin Madonna am Samstag beim ESC auf der Bühne stehen.

Im Vorfeld des ESC in Tel Aviv gab es auch Boykottaufrufe wegen Israels Vorgehen in den Palästinensergebieten. Dutzende Kulturschaffende hatten sich im vergangenen Jahr gegen die Ausrichtung des ESC in Israel ausgesprochen. Im April drückten dann aber mehr als 100 Künstler, darunter Marina Abramovic, Stephen Fry und Sharon Osbourne, ihre Unterstützung des Events in Tel Aviv aus. (mit dpa)

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