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US-Zeitschriftenmarkt
"Sports Illustrated": Niedergang eines Qualitätstitels

Das US-Sportmagazin entlässt die Hälfte der Redaktion und setzt künftig auf Content-Farmen und lokale Niedriglohn-Journalisten.

Text: W&V Redaktion

8. Oktober 2019

Die Swimsuit-Ausgabe des Magazins ist jedes Jahr ein Millionen-Seller.
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Dem Magazin Sports Illustrated, das die Standards für eine qualitativ hochwertige Sportberichterstattung setzte und einst zu den Flaggschifftiteln des Traditionsverlags Time Inc. zählte, droht der schleichende Niedergang.

So hat vor wenigen Tagen die Digitalplattform The Maven, Inhaberin der Lizenzrechte für die Zeitschrift und seit Kurzem verantwortlich für die redaktionellen Inhalte, ihre Pläne für die Zukunft des Titels und der Website bekannt gegeben. Angekündigt wurde eine "Refokussierung" für einen Relaunch im Januar.

Und die hat es in sich: So wurden Dutzende Redakteure – etwa die Hälfte der bisherigen Redaktion – entlassen. Bislang arbeiteten rund 30 Vollzeitmitarbeiter für das Printmagazin und etwa 80 für die Website si.com.

Künftig sollen nun zahlreiche Content-Farmen, sogenannte Team Communities, entstehen, in denen freie Mitarbeiter Texte, Videos und Fotos produzieren und lokale Sportnachrichten zuliefern, die durch Suchmaschinenoptimierung für möglichst hohe Klick-Zahlen sorgen.

Wie die amerikanische Sportnachrichten- und Blog-Website Deadspin berichtet, erhalten die Mitarbeiter der geplanten Content-Farmen eine Jahresvergütung in Höhe von lediglich 25.000 bis 30.000 Dollar. Dafür sollen sie durchschnittlich pro Tag drei Videos für die Website liefern, bei den Aufnahmen Maven-Poloshirts tragen und pro Monat zusätzlich Hunderte Texte liefern.

Laut Insider-Informationen von Deadspin haben Maven-Mitarbeiter zudem gegenüber potenziellen Content-Farm-Partnern erklärt, dass sie – falls sie nicht genügend Content produzieren können – zusätzlich sportinteressierte Studenten rekrutieren könnten, die Texte kostenlos zuliefern.

Mehrmaliger Besitzerwechsel

Das Content-Farm-Konzept stammt offensichtlich vom neuen Sports-Illustrated-CEO Ross Levinsohn, der zuvor für Fox Digital und Yahoo tätig war und zuletzt mit dem gleichen Ansatz für erhebliche Unruhe bei der Los Angeles Times gesorgt hatte. Auch dieses Blatt wollte er zu einem "Contributor Network" umwandeln, bevor er nach wenigen Monaten aufgrund von Anschuldigungen wegen sexueller Nötigung die Zeitung verlassen musste.

Der Niedergang von Sports Illustrated hat sich schon seit Monaten abgezeichnet. Im Mai dieses Jahres hatte die Authentic Brands Group (ABG), die sich auf die Entwicklung und Vermarktung von Marken spezialisiert, das Sportmagazin für 110 Millionen Dollar vom Verlag Meredith übernommen. Meredith seinerseits war Anfang 2018 durch die Übernahme der Time Inc. in den Besitz des Titels gelangt, hatte aber nur wenig später angekündigt, ihn weiterverkaufen zu wollen.

Bei der Übernahme des Titels durch die ABG hieß es noch, dass Meredith und die ABG eine strategische Partnerschaft bilden wollen. Während die ABG künftig für das Marketing, die Geschäftsentwicklung und das Lizenzgeschäft zuständig sei, falle die redaktionelle Betreuung des Print-Magazins und der Website weiterhin in den Aufgabenbereich von Meredith. Doch davon war schon wenig später keine Rede mehr.

Denn wie die ABG, The Maven und Meredith Mitte Juni ankündigten, erwarb The Maven für eine Mindestlaufzeit von zehn Jahren die Lizenzrechte für die Herausgabe des Blatts – sowohl in gedruckter als auch digitaler Form. Die Beziehung von Meredith mit dem Titel war damit gleichzeitig beendet.

Laut einer Börsenmitteilung hat The Maven für die Lizenzrechte 45 Millionen Dollar an ABG gezahlt, die Erlöse aus dem Sports-Illustrated-Geschäft wollen sich die beiden Partner künftig teilen.

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