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Generation Praktikum
Traum-Praktikum bei Monocle? Not so much

Erstmals will eine Praktikantin gegen den Verlag des Lifestyle-Magazins klagen. Der verblüfft mit einem 18-seitigen Leitfaden für Praktikanten.

Text: W&V Redaktion

17. April 2018

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Wenn man jung und ehrgeizig ist und einen Job im Journalismus anstrebt, was kann einem da besseres passieren, als ein Praktikum beim internationalen Lifestyle-Magazin Monocle zu ergattern? Die Monocle-Macher um den kanadischen Journalisten Tyler Brûlé wissen das sehr genau. Und verhalten sich offensichtlich entsprechend. Jetzt ist erstmals eine Praktikantin an die Öffentlichkeit gegangen und hat angekündigt, den Verlag verklagen zu wollen.

Der Grund: das dürftige Honorar für ein Redaktionspraktikum. Laut eigenen Angaben erhielt die Praktikantin 30 Pfund (34,60 Euro) pro Tag. Dies entspricht einem Stundenlohn von 3,53 Pfund (4,07 Euro) pro Stunde – deutlich unterhalb des Mindestlohns in Großbritannien in Höhe von 7,50 Pfund (8,66 Euro) pro Stunde. Und dies bei einem Verlag, der im edlen Londoner Stadtteil Marylebone sitzt. Nicht jeder kann sich ein solches Praktikum leisten. Monocle dagegen behauptet, dass die Bezahlung der Praktikanten nicht gegen die Regelungen zum Mindestlohn verstoßen.

"Wie kann es sein, dass Praktikanten für weniger als den Mindestlohn in einem Büro arbeiten, das mit Designer-Möbeln ausgestattet ist, in der für viel Geld die Zimmerpflanzen gehätschelt werden und in dem so viele Nespresso-Maschinen stehen", fragte die Praktikantin in einem Bericht über Monocle im Blog Graduate Fog. Sogar die Toilettensitze seien dort beheizt.

Doch es ist nicht nur die Bezahlung, die verblüfft. Jeder Monocle-Praktikant bekommt zu Beginn einen Leitfaden in die Hand gedrückt, der jetzt auf Graduate Fog veröffentlicht wurde. Dieses "Handbook" für Praktikanten enthält natürlich auch nützliche Hinweise – etwa dazu, wie man sich kleidet oder beim Onlineradio Monocle 24 Studiogäste begrüßt, dass man den Gästen den Mantel abnimmt und Getränke anbietet oder wie man ein Taxi ruft.

Doch das ist längst nicht alles, denn das "Handbook" ist insgesamt 18 Seiten lang und ausgesprochen detailliert. Beispielsweise für die Schicht am frühen Morgen um 5.30 Uhr beim Monocle-Onlineradio. Aufgabe der Praktikanten ist es hier unter anderem, 15 Minuten vor dem Produzenten und dem Moderator zu erscheinen, um das Studio zu säubern, Unterlagen des Vortages wegzuräumen, Wasserkrüge zu füllen, schmutzige Tassen wegzubringen und saubere hinzustellen. Praktikanten sollten immer auch "proaktiv" sein, etwa indem sie Mitarbeiter fragen, ob sie ein Getränk wünschen oder Hilfe bei ihrer Arbeit brauchen.

"Die Praktikanten bei Monocle übernehmen eine Menge Verantwortung", heißt es an einer Stelle. "Oftmals gibt es mehrere Aufgaben auf einmal, die zu erledigen sind. Keine Panik! Frage dich, welche Aufgabe die dringendste ist und fokussiere dich darauf. Denk daran, wie wichtig Deadlines sind, frage also, bis wann etwas erledigt sein muss."

"Obwohl ich 10.000 Pfund und ein Jahr harte Arbeit in mein Post-Graduate-Journalismus-Training investiert habe, habe ich mich noch nie so wenig respektiert gefühlt wie bei Monocle", erklärte die nun klagewillige Praktikantin gegenüber Graduate Fog.

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