Anzeige

Bahn und Business
Zugzwang: Christian Lea über die wunderbare Welt des Schienenverkehrs

Christian Lea ist seit 14 Jahren in der Medien- und Werbebranche tätig, unter anderem als Marketingchef bei AS&S Radio. Auf W&V Online und in seinem Facebook-Projekt Zugzwang schreibt er über den ganz normalen Pendlerwahnsinn auf Schienen.

Text: W&V Redaktion

13. Februar 2015

Anzeige

Christian Lea ist seit 14 Jahren in der Medien- und Werbebranche tätig, unter anderem als Marketingchef bei AS&S Radio. Auf W&V Online und in seinem Facebook-Projekt Zugzwang schreibt er über den ganz normalen Pendlerwahnsinn auf Schienen. Heute ist der Wahl-Frankfurter als Director Strategy & Concept bei der Vivaki-Tochter Newcast beschäftigt.

 

Onsite-Optimierung

Ich bin dem Karneval entkommen. ICE 723 nach Frankfurt ist heute zum Glück nicht närrischer als sonst. Außer der üblichen Ladung Zombies, Clowns und Prinzessinnen hat sich nur ein echter Karnevalist in den Wagen verirrt. Trägt ein Zugbegleiterkostüm. Witzbold.

"Die Zugestiegenen die Fahrkarten bitte…."

Ja, sicher. Und den 1.-Klasse-Aufschlag löse ich dann auch gleich nach.

"Zugestiegene die…"

"Die Fahrkarte hat deine Mudda. Und jetzt Abmarsch, du Vogel."

OMG. Wenn’s noch einer wagt, mich mit Faschingsblödsinn zu belästigen, atme ich hörbar tief durch und schmolle. Mindestens. Man bringe mich zügig nach Frankfurt und gehe nicht über Los. Danke.

Normalerweise bin ich bei Fahrten in die Heimat ausnehmend gut gelaunt. Nicht so heute. Die um 11:11 Uhr spontan entflammte Misanthropie will einfach nicht wieder abschwellen. 120 Mettbrötchen, 250 Krapfen, 400 "leicht beschwipste" Kollegen und ein CEO in Piratenkostüm. Keine Ausgänge, keine Leuchtstreifen am Boden, keine hochgewachsenen BA-Stewardessen, die mich mit "Darling" ansprechen. Mein Unterbewusstsein zitiert Elvis Costello: "This is hell". Die in Champagner floatenden Starlets arbeiten in der Buchhaltung. Cowboy-Berater loben die Crazyness eines AD, der Scham und Identität in einem Ganzkörperhasenkostüm verbirgt. Eine dralle Heidi tätschelt zärtlich die bartlosen Wangen des Azubis. So jung. Gebt ihm einen Killepitsch, um zu vergessen.

"Ihre Fahrkarte, bitte."

Einatmen…und…

Um 14 Uhr sind alle Witze gemacht, alle Schlager gegrölt und alle Kriegsbeile in Alt, Chips und Eierkuchen begraben. Der zuletzt betreute Bierkunde hat reichlich Deputat im Kohlenkeller zurückgelassen. Wie viel Frieden passt auf zwei Europaletten? Ein Typ aus dem Web-Dev, der frappierende Ähnlichkeit mit Boris Karloff hat, kommt, völlig entfesselt eine Flasche Düsseldorfer Kirsch schwenkend, auf mich zu. Meine missbilligende Äußerung ob des fehlenden Kostüms bringt mir eine Obstdusche ein. Responsivität wird gemeinhin überbewertet. 

und klebrig täusche ich Arbeit an einem internationalen Pitch vor und wechsle zusammen mit Axl Rose und zwei Füchschen das Stockwerk. Axl macht in SEO und THC und leistet stets substantielle Beiträge zur Onsite-Optimierung. Wenn wir das Fenster aufmachen, wird schon keiner was merken. Ein Pirat erscheint im Türrahmen. Bietet an, den Pitch zu rehearsen. Denke, es ist Zeit zu gehen.

Vor der Tür erfasst mich eine menschliche Woge der Begeisterung und spült mich in die Altstadt. Ich hätte den Hinterausgang nehmen sollen. Gerade sehe ich noch, wie Heidi auf dem Azubi vorbeireitet, als sich meine Synapsen auch schon äußerst angenehm entfokussieren. Optimierung abgeschlossen. Spätestens um 18 Uhr liege ich im Bett.

"Ich muss Sie noch einmal bitten, mir Ihre Fahrkarte zu zeigen."

"Pfff…"

"Schmollen Sie jetzt etwa?"

"Schmollen? Jetzt werden Sie mal nicht albern."

In einer weltmännisch ausladenden Geste reiche ich dem Karnevalisten Ticket, Master- und Bahncard, die ich nach ausgiebiger Kontrolle per Spielzeug-Scanner, einigen blöden Sprüchen und einem großzügigen Nicken zurückbekomme.

"Danke. Angenehme Reise noch."

Ein Jeck in Geza-Unbehagen-Kostümierung fällt vom Bistro in die Comfortzone.

"Name-dropping", errate ich die billige Scharade sogleich und biete dem unverhofft enttarnten Mittvierziger einen Schluck lauwarmen Pfälzer Weißburgunder an. 

Next Stop: Frankfurt-Airport. Der als Reisegruppe aus Bejing verkleidete Kegelclub Offenbach Grün-Blau 1878 e.V. rimowat choral keuchend vom Bahnsteig ins Wageninnere. Hochkonzentriert bemühen sich alle Darsteller, jeden freien Quadratzentimeter des Gangs mit in Frischhaltefolie eingewickelten Koffern, Pappkartons und Plastiktüten zu verstellen. Method acting ftw.

Sogar den immer wieder lautstark umjubelten Versuch, deutlich zu große Hartschalenkoffer mit wenig Augenmaß und viel Gewalt in bereits solide gefüllte Gepäckablagen zu rammen, imitieren die linksrheinischen Fußpilzfreunde par excellence. Geza inhaliert genüsslich den 2012er Chateau Mitropa. Die Bundespolizei stoppt am Südbahnhof den Zug, um einen falschen Schaffner in Gewahrsam zu nehmen. Ein CEO ruft einen Mitarbeiter an. Ein KPI wird verfehlt und weint bitterlich. Irgendwo pfeift ein Schwein. Die Lämmer schweigen. Ausatmen, Clarice. Endlich wieder normale Menschen.

Anzeige