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Kolumne
Clubheim für die Ohren: Mal hören, was geht

Nico Lumma und Christoph Hüning sind Managing Partner beim Next Media Accelerator. Sie schreiben jede Woche darüber, welche Trends sich entwickeln. Diesmal geht es um die Lehren aus Clubhouse.

Text: W&V Redaktion

1. Februar 2021

Nico Lumma (Re.) und Christoph Hüning vom Next Media Accelerator
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Es ist lange her, dass eine neue App derart durchgestartet ist in Deutschland wie wir es aktuell bei Clubhouse sehen. Obwohl Clubhouse erst seit knapp 2 Wochen ins Blickfeld vieler Deutscher geraten ist, tummeln sich nicht nur die üblichen Verdächtigen dort. Das niedrigschwellige Angebot von Clubhouse, das es für jede:n mit einem iPhone sehr leicht macht, in Räume zu gehen, zuzuhören, mitzureden oder einfach auch gleich wieder zu gehen, ist sehr verlockend. Zumal Nutzer:innen auch mit einer Lockdown-Frisur dort immer noch eine gute Figur machen, solange sie was Sinnvolles sagen. Die angebotenen Formate sind angenehm unterschiedlich, sie reichen von Leander Wattigs Ruheraum bis hin zur innovativen Mittagspause mit der Sparkasse. Derzeit überwiegt auch der Eindruck, dass die Unterhaltungen sehr zivilisiert ablaufen, was vermutlich daran liegt, dass der iOS Marktanteil in Deutschland genau umgekehrt proportional zu den USA ist und daher die Zielgruppe hierzulande noch überschaubar.

Dennoch gibt es jetzt bereits Menschen, die in ihrem Profil "Clubhouse-Moderator aus Leidenschaft" stehen haben und wenn einige Protagonisten aus Funk und Fernsehen ihre Aktivitäten auf Clubhouse mit derselben Intensität so weitertreiben, dann werden wir auch die ersten Clubhouse-Scheidungen bald sehen. Clubhouse hat ein gewisses Suchtpotential und der Neugier-Faktor ist natürlich gerade am Anfang sehr hoch.

Sicherlich werden bereits die ersten Slides in Präsentationen eingeführt, die die Überschrift haben: "Das bedeutet Clubhouse für Ihr Unternehmen" oder "Neukundengewinnung auf Clubhouse - so geht es!", denn gerade passiert der übliche Landgrab auf neuen sozialen Plattformen, bei dem Akteure versuchen, möglichst frühzeitig durch eine Präsenz aufzufallen. Aber nicht alle können so viel Aufmerksamkeit bekommen wie Manuela Schwesig, als sie bei einem Talk mit Malu Dreyer einfach dazu gekommen ist oder wie es Candy Crush mit den Aktivitäten von Bodo Ramelow bekommen hat. Zu den Aktivposten aus Berlin gehört sicherlich derzeit Paul Ziemiak, der es nicht nur durch reine Penetranz, sondern auch durch die Moderation vieler an das politische Berlin gerichtete Talks schafft, Aufmerksamkeit zu erzielen. Für das Wahljahr in einer Pandemie kann Clubhouse das Bürgergespräch vor Ort zwar nicht ersetzen, aber doch ergänzen.

Bezeichnend für Deutschland ist allerdings, wie die Diskussion um Clubhouse außerhalb der App geführt wird. Die Ablehnung steht im Vordergrund. Warum haben wir Deutsche keine Neugier mehr, Dinge einfach mal auszuprobieren? Einfach mal gucken, wie was geht und dann ein Urteil bilden? Neugierde sollten wir nicht nur den Kindern überlassen. Wir hatten in unserem montäglichen Media Innovation Monday Talk zum Thema European Startups auf einmal die Vizepräsidentin des EU-Parlaments in unserer Runde, die dann auf die virtuelle Bühne geholt wurde und sagte, sie wollte eigentlich nur mal reinhören, weil sie das Thema interessiert.

Mit diesem "einfach mal gucken, was passiert" Mindset bringt Clubhouse viel mehr Spaß als mit diesem miesepetrigen "ich brauch diese Laberbude nicht" Ansatz. Am allerschlimmsten ist aber das ewige "ABER DER DATENSCHUTZ" Gebrülle, obwohl eigentlich niemand genau sagen kann oder will, was Schlimmes genau passiert, wenn eine App ein Adressbuch abgleicht und dann die Mobilfunknummer von jemandem in der Datenbank hat. Aber leider verteufeln viele immer gleich alles und geben einem frischen Startup, das gerade sehr schnell wächst und nur ein paar Mitarbeiter:innen hat, nicht auch mal die Chance, das Impressum auf Deutsch vielleicht etwas später nachzuziehen.

Die ersten paar Wochen auf Clubhouse waren kurzweilig, manchmal auch überflüssig, ganz so wie wir das auch vom Fernsehen kennen, wenn eine Talkshow stattfindet oder Experten analysieren, wie Menschen einen Ball über einen Rasen treten. Das Schöne an Clubhouse ist: Wir können es alle selber besser machen und nicht nur darüber fluchen, dass Lanz wieder jemandem ins Wort fällt, wenn es gerade droht, interessant zu werden. Die Flüchtigkeit von Clubhouse ist wunderbar, weil es gleichzeitig eine Nähe aufbaut, die wir sonst im Netz selten haben. Aber neben dem allseits bewährten FOMO spielt hier auch PTBT eine Rolle: Pretending To Be There. Jede:r kann so leicht dabei sein.

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