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Digital Life Design Conference
Ein Ort für entschlossen Handelnde

Irmgard Hesse, Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von Zeichen & Wunder, zieht eine persönliche Bilanz der DLD-Konferenz und stellt fest: Es gibt eine Menge zu tun!

Text: W&V Redaktion

21. Januar 2020

Irmgard Hesse, Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von Zeichen & Wunder
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"What are you Adding" –  das Motto der diesjährigen Digital Life Design Conference war geschickt gewählt, es trifft den Nerv der Zeit. Denn: Ja, wir alle haben verstanden, Veränderung ist dringend nötig, um die großen Probleme der Weltgemeinschaft zu lösen. Aber: Nein, wir handeln nicht. Es handelt sich also nicht primär um ein Erkenntnis-Problem, sondern um die Schwierigkeit, auf Worte auch Taten folgen zu lassen.

So war es ganz aktuell in aller Öffentlichkeit zu beobachten, an dem – vielleicht sogar ernst gemeinten – Versuch Joe Kaesers, in seiner Rolle als Siemens-Oberhaupt der alten Schule bei den jungen "Schulschwänzern" von Fridays for Future zu punkten: Einerseits ging Kaeser auf die Protestierenden vor der altehrwürdigen Siemenszentrale zu, die sich wütend gegen den geplanten Kohleabbau in Australien mit Siemens-Know-how Gehör verschafften. Er lud zum Gespräch, Verständnis und Sympathie wurden bekundet, bis hin zum überraschenden Angebot eines Aufsichtsratspostens an Luisa Neubauer. Um so enttäuschender, dass dann am folgenden Montag bekannt gegeben wurde, dass sich an der Planung – gar nichts – ändern werde, zurück in die alten Handlungsmuster, business as usual.

So ist es im Moment häufig. Dabei ginge es genau darum: um konkretes Handeln, um wirksame Veränderung.

Überdeutlich war dies bei der diesjährigen DLD Konferenz zu spüren. Die DLD zeigt seit ihrer Gründung 2005 jedes Jahr ein hochaktuelles Stimmungsbild der Digitalszene. Wer Redner und Publikum genau beobachtete, merkte in den letzten Tagen schnell, dass aus dem Forum für Vordenker ein Ort für tatsächlich entschlossen Handelnde wurde – oder zumindest einer, an dem um richtiges Handeln gerungen wurde. 

Wie konnte es soweit kommen?

Neben dem offiziellen Motto der diesjährigen DLD hat man das Gefühl, der unausgesprochene Titel der anwesenden Digital-Gemeinde heißt: „Wie konnte es nur so weit kommen?“ Verwundert reiben wir uns die Augen: Nach einer Dekade mit optimistischen, wilden Jahren kehrt große Ernüchterung ein. Die Erkenntnis macht sich breit, dass beispielsweise soziale Netzwerke nicht nur eine für jeden offene Plattform sind – sondern auch geeignet, negative menschliche Verhaltensweisen zu verstärken. Oder, dass Algorithmen häufig Sterotypen und Vorurteile fördern.

Die MIT-Forscherin und Gründerin Joy Buolamwini, die sich selbst als „Poet of Code“ bezeichnet, zeigte anschaulich am Beispiel der ungenügenden Gesichtserkennung großer Unternehmen, wie Algorithmen die Vorurteile einer Gesellschaft enthalten. So würden insbesondere dunkelhäutige Frauen nur ungenügend erkannt, bei hellhäutigen Männern liege die Trefferquote ungleich höher. Sie nimmt deshalb Unternehmen in die Verantwortung, denn Algorithmen sind ja nicht ohne menschliches Handeln entstanden, und KI ist bei wichtigen Entscheidungen wie zum Beispiel Bewerbungen heute schon beteiligt. 

Ergreifend der Vortrag von Maria Ressa, einer philipinischen Journalistin und vom US-Magazin Time als Person des Jahres 2018 als eine der Wächter im „Krieg gegen die Wahrheit“ geehrt. Detailliert zeigte sie auf, wie unliebsame Regimegegner, insbesondere Frauen, mit digitalen Kampagnen nicht nur in ihrem Heimatland gezielt und ganz systematisch über mehrere Stufen erst diffamiert und schließlich verfolgt werden. Da sie Opfer und Berichtende in einem ist, war ihr Beitrag sowohl für sie selbst als für das Publikum hochemotional und ergreifend. Diese mutige Frau sprach sich in ihrem kämpferischen Vortrag „Fighting Back With Data“ vehement dagegen aus, dass Technologie neutral sein kann. 

Das war insgesamt ein großes Thema: Ist Technologie an sich unschuldig? Liegt in dem verantwortlichen Einsatz von Technik der Schlüssel? Und wer ist dafür verantwortlich – die privaten Firmen, die profitieren, oder unsere Regierungen? Zu diesem Thema wurde unter anderem Nick Clegg, Leiter der Unternehmenskommunikation von Facebook von Moderatorin und Publikum auf den Zahn gefühlt. Mit dem Ergebnis, dass es einfache Wahrheiten Pro oder Contra Facebook wohl nicht gibt – zumindest war der ehemalige Chef der liberalen Partei Großbritanniens seinen Kritikern durchaus gewachsen.

Unzweifelhaft scheint, dass der Moment gekommen ist, indem ethische Maßstäbe und Moral Einzug in die Welt des Netzes halten müssen: Die Ära des "Wilden Westens“ bewegt sich auf ein Ende zu. Die Ideen und Ansichten zur Umsetzung dazu sind allerdings so bunt wie das Publikum und die Vortragenden.

Wirecard-CEO Markus Braun regte an, künftig die tatsächlichen Kosten, also auch die Umweltkosten in die Produkte ein zu preisen. Nur so könne auf unideologische Art und Weise, ohne moralisierende Schuldzuweisung, echter Wandel ermöglicht werden. Eine realistische Kalkulation, die etwaige Folgekosten nicht der Gesellschaft aufbürdet, sorge für Innovation an der richtigen Stelle. Dann müssten wir uns auch über den Australischen Kohlebergbau keine Sorgen mehr machen.

Neue Form von Leadership

Ganz anders Jim Snabe, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Siemens AG. Von der sympathischen DLD Gründerin und Geschäftsführerin Stephanie Czerny wird Snabe als "a real Mensch" vorgestellt, ein Kompliment, das Snabe gerne annimmt. "Ich gehe davon aus, dass wir die Zukunft nicht planen können."  Spannend sein Ansatz, dass es im großen und schnellen Wandel unserer Zeit weniger um die richtige Technologie, sondern vielmehr um die richtige Art des Führens gehe. Von starren Strategien und Jahresplänen hält der Däne wenig, wenn es um Innovation geht. Das sei nur etwas für Leute, die meinen, dass sie die Zukunft vorhersagen können. Dem setzt Snabe seine Leadership-Modell "Dreams and Details" entgegen. 

Das ist DLD: ein Aufsichtsratsvorsitzender, der Träume für unverzichtbar hält. Laut Jim Snabe liegt der Schlüssel zu „What Are You Adding“ also in einer neuen Form von Leadership. Solange wir der 4. industriellen Revolution immer noch mit veralteten Managementtools begegnen, wird der Wandel nicht adäquat zum Positiven zu steuern sein. Das Schöne an Snabes Beitrag ist, dass er so die Führungsriegen in Unternehmen in die Pflicht nimmt, ihren Beitrag zu leisten. Denn einige verweisen auch auf der DLD-Konferenz gerne immer wieder auf Regierungen und Institutionen.

Es gibt aber auch die großen Technikoptimisten, so wie der Wikipediagründer Jimmy Wales, der sich selbst als "pathologischen Optimisten“ bezeichnet und über sein neues Projekt berichtete, den Launch von WT.Social, eines auf Nachrichten basierten sozialen Netzwerks. Oder die Technik-Freaks, wie Jack Hidary. Er ist Autor des Buches „Quantum Computing: An Applied Approach“. Er forscht zu Quantentechnologie bei Google und glaubt an die großen Lösungen für die Menschheit mithilfe von Quantencomputern. Charismatisch versuchte Hidary, seinem Publikum einen Einblick in echte Zukunftsmusik zu gewähren. Und wann hatte man schon je das Gefühl, zu verstehen, wie ein Quantencomputer funktioniert?

Let’s add something good!

Am Ende waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohl einige: Es sind die Menschen, die den Unterschied machen. Und die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte: Zwischen denen, die warnen, weil wir unsere Welt in ein paar Jahren nicht wiedererkennen werden. Und denjenigen, die gegen Panikmache Sachlichkeit setzen – und sagen: „Digitalization? It’s only the second minute“. Aber auch in der zweiten Minute gibt es bereits eine Menge zu tun: Let’s add something good!

#DLD20 - die Konferenz im Überblick

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