Anzeige

Edition Nautilus
Absturz einer Influencerin: Interview mit Romanautorin Natasha Stagg

Coming-of-Age-Roman der Influencer-Generation: Natasha Stagg hat den Roman "Erhebungen" über Aufstieg und Fall eines Internetstars geschrieben. Exklusivinterview mit der US-Autorin.

Text: W&V Redaktion

12. Februar 2019

Natasha Stagg: "Erhebungen" ist der Debütroman der US-Schriftstellerin.
Anzeige

Die Hauptfigur in „Erhebungen“, die 23-jährige Colleen, arbeitet als Interviewerin für ein Marktforschungsinstitut (daher der Buchtitel). Ein langweiliger Job. Doch dann wird sie von Jim entdeckt, einer Social-Media-Ikone – und Colleen selbst wird ebenfalls zum Internetstar. Sie verliebt sich, die beiden werden zum It-Paar und hüpfen von einer Party zur nächsten. Sie verdienen prächtig am Hype um ihre Personen. Doch dann taucht plötzlich Lucinda auf: Und die Rivalin stiehlt Colleen gnadenlos die Schau. Was folgt, ist ein tiefer Absturz.

Der „Coming-of-Age“-Roman der Influencer-Generation ist im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienen (Nautilus-Verlag). W&V hat mit der Autorin Natasha Stagg gesprochen.

Frau Stagg, kennen Sie das TV-Format „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“? Ihre Hauptfigur Colleen aus „Erhebungen“ wäre wahrscheinlich eine gute Kandidatin…

Natasha Stagg: Obwohl ich viel Reality-TV gucke, habe ich die Sendung noch nie gesehen. Es klingt toll, nur kenne ich die meisten Celebritys nicht, die da mitmachen. Diejenigen, die ich kenne, waren davor schon in anderen Realityshows zu sehen. Ich finde es toll, dass das mittlerweile ein eigener Berufszweig geworden ist, von einer Realityshow zur nächsten zu hüpfen. Ich weiß nicht, ob Colleen eine geeignete Kandidatin wäre: Den Grad ihrer Bekanntheit habe ich im Roman bewusst offengelassen. Gut möglich, dass sie zu etwas eingeladen würde, denkbar aber auch, dass sie sich eher in einem Nischenmarkt bewegt. Das überlasse ich gern dem Leser.

Enthält der Roman autobiografische Elemente?

Natasha Stagg: Schauplatz des ersten Teils des Romans ist meine Heimatstadt Tucson (Arizona). Orte des Geschehens sind der Apartment-Komplex „Los Altos“, in dem ich ein Jahr lang gewohnt habe, sowie das Mafo-Institut in der „Tucson Mall“, für das ich einen Sommer lang gearbeitet habe. Aber da enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Die Anregungen zu Handlung und Figuren kamen zwar durch eigene Beobachtungen zustande, doch es handelt sich dabei nicht um die direkte Darstellung realer Personen. Die Ich-Erzählerin Colleen – das bin nicht ich, ganz und gar nicht.

In Ihrem Buch erscheint das Leben als Web-Celebrity am Ende als eher trostlose Angelegenheit in einer abgestumpften Umgebung. Ist es – gerade für junge Leute – wirklich gut, so eine Karriere zu verfolgen?

Natasha Stagg: Ich kann nicht beurteilen, ob etwas gut oder schlechtist. Dass „Social-Media-Influencer“ inzwischen ein Beruf geworden ist, finde ich interessant. Denn als ich den Roman geschrieben
habe, war das noch nicht so. Wie die Figuren ihren Bekanntheitsgrad monetarisieren, habe ich bewusst im Unklaren gelassen, weil ich weder einen Zukunftsroman schreiben noch eine Vorhersage darüber treffen wollte, wie es mit der Celebrity-Kultur weitergehen wird. Inzwischen wissen wir um den Erfolg und die Fallstricke des Influencermarketings, doch auch ich bin noch am Lernen, welche Auswirkungen das auf die Gefühlslage all derer hat, die involviert sind. Ich denke, wie immer wird es Leute geben, die damit klarkommen, und andere, denen das nicht gelingt.

Obwohl die Hauptfigur Colleen als eifersüchtiges Wrack endet, lassen Sie keine Kritik an deren Lebens- und Businessmodell durchschimmern. Warum nicht?

Natasha Stagg: Ich glaube nicht, dass ich als Romanautor innerhalb der Geschichte etwas verurteilen oder kritisieren sollte. Ich weiß, dass einige das Buch als Bericht oder als Darstellung eines Zeitabschnitts lesen werden. Aber es soll ein rein fiktionaler Coming-of-Age-Roman sein. Im Übrigen weiß ich nicht, ob Colleens Geschichte so traurig ist im Vergleich zu anderen Herzschmerz-Romanen…

Wird jeder von uns über kurz oder lang das Schicksal eines Dorian Gray (aus Oscar Wildes Roman) teilen?

Natasha Stagg: Vielleicht! Wir bauen ja alle an diesen surrealen Bildern von uns, während wir gleichzeitig schnell älter werden hinter unseren Bildschirmen. Deshalb, ja – diese Allegorie kommt mir auch oft in den Sinn…

Wie wird sich unser Leben im und mit dem Internet in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln? Welche Veränderungen wird es geben?

Natasha Stagg: Ich bin immer wieder überrascht darüber, was wohl als Nächstes unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich bin zum Beispiel überrascht von der Politik; darüber, wie sich derart viele Länder rückwärtsentwickeln, anstatt von den neuen Möglichkeiten der Kommunikation zu lernen. Ich denke, es ist eine schwierige Zeit, weil es uns schwerfällt, mit allen Entwicklungen Schritt zu halten, deren Dimension und Ausmaß noch nicht wirklich absehbar sind. Das sorgt für viel Frustration und auch jede Menge Angst. Ob das irgendwann dazu führen wird, dass Menschen gleich scharenweise das Internet verlassen, weiß ich nicht. Aber das könnte durchaus interessant sein.

Interview: Markus Weber

Buchcover "Erhebungen" (Nautilus-Verlag)

Wenn Sie sich für das Thema "Influencer Marketing" interessieren: Am 21. März findet in München das W&V Seminar "How to… Influencer Marketing" statt. Unter diesem Link finden Sie nähere Informationen dazu.

Anzeige