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Historischer Wahlsieg
Agenturgründer und Bremer Wahlsieger: Interview mit Carsten Meyer-Heder

Alle lachen über die kommunikativen Missgeschicke der Bundes-CDU. Dabei hat in Bremen gerade ein alt-linker, politischer Quereinsteiger (und Agenturgründer!) vorgemacht, wie man heutzutage Wahlkampf macht. Für die CDU.

Text: W&V Redaktion

29. Mai 2019

Müde, aber glücklich: Carsten Meyer-Heder (l.) und Alex Römer am Morgen nach dem Wahlsieg auf dem Weg nach Berlin.
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CDU-Hippie verdrischt SPD", titelte die "Bild" am vergangenen Montag. Für die Christdemokraten war es wohl die einzige positive Schlagzeile ein Tag nach den schweren Stimmenverlusten bei der Europawahl.

Carsten Meyer-Heder, Gründer und Inhaber der Bremer Agentur Team Neusta, hat die 73 Jahre alte SPD-Vorherrschaft in der Hansestadt gebrochen. Und das, obwohl der politische Quereinsteiger erst vor einem Jahr in die CDU eingetreten ist. Es ist ein Beispiel, das Schule machen könnte. Bei ihrem Wahlkampfauftritt vertraute die Bremer CDU auf die Berliner Kreativagentur Römer Wildberger. Ihre Kampagne ähnelte der einer Spaßpartei. W&V hat Meyer-Heder und den Macher hinter der erfolgreichen Kampagne, Alex Römer, zu ihrer Wahlkampfstrategie befragt.

Team Neusta lag im vergangenen Jahr auf Platz eins im Ranking der größten deutschen Digitalagenturen. Im Juli 2018 übergab Meyer-Heder wegen seiner politischen Ambitionen die Agenturführung an Heinz Kierchhoff.

Herr Meyer-Heder, Glückwunsch zum Wahlerfolg. Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen?

Meyer-Heder: Das ist eine Entscheidung, die langsam gereift ist. Ich bin Bremer durch und durch, bin in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, habe hier persönliche Erfolge und auch Niederlagen erlebt und mein Unternehmen gegründet. Mich hat zunehmend die politische Lethargie, die über dieser Stadt liegt, gestört. Bremen und Bremerhaven sind wunderschöne Städte mit tollen Menschen. Aber wir sind in vielen wichtigen Feldern hinten dran. Wir haben bundesweit die schlechtesten Bildungsergebnisse, die höchste Arbeitslosigkeit, Kinderarmut und Verschuldung. Bremen wird schlecht regiert, nach 73 Jahren SPD ist einfach zu vieles verkrustet. Das sehen viele so, aber meckern nur darüber. Ich habe irgendwann entschieden, ich will auch was ändern. Darum bin ich angetreten.

Sie sagen, in Bremen läuft vieles schlecht. Warum ist dann Ihre Agentur so erfolgreich?

Meyer-Heder: Vielleicht weil unser Unternehmen eben nicht von der SPD geführt wird. (lacht) Im Hinblick auf den Fachkräftemangel in der IT haben wir Glück, weil die großen IT-Zentralen der Konzerne anderswo sitzen. Und wir sind so erfolgreich, weil wir ein modernes Unternehmen sind, das viel für seine Mitarbeiter tut und uns immer weiterentwickelt haben.

Eines der Wahlkampfmotive der CDU-Kampagne für Carsten Meyer-Heder.

Der Kampagnenauftritt der Bremer CDU kam fast so rüber wie der einer Spaßpartei. Braucht die Politik mehr Quereinsteiger?

Römer: Die Politik braucht in erster Linie mehr Mut zur Wahrheit. Solange sich Politiker als omnipotente Heilsbringer darstellen und in Schwurbelsprache reden, sind sie nicht glaubwürdig und gewinnen auch keine Herzen. Ich hab viel Zeit mit Carsten Meyer-Heder verbracht, um zu verstehen: Wie ist der Mann? Dann haben wir ihn pointiert und wahrheitsgemäß dargestellt: klar und zielstrebig. Aber auch unperfekt, ungeübt und selbstironisch. Der Nicht-Politiker unter den Politikern. Das war wohltuend anders für die Leute.

War das Ihr erster Wahlkampf-Job, Herr Römer? Haben Sie jetzt Blut geleckt?

Römer: Bremen war unser erster Wahlkampf. Zeitgleich und unabhängig davon haben wir auch den Zuschlag für die CDU Brandenburg bekommen. Beide haben übrigens gleich argumentiert: Sie mochten, dass wir frisch an das Thema rangehen. Und, wie wir die Wahrnehmung von Marken transformieren: mehr Wahrheit und Anarchie im Werbe-Einerlei.

"Bild"-Titel am Montag nach der Bremen-Wahl.

Weil gerade alle über das Thema sprechen: Was glauben Sie, brauchen Marken eine Haltung?

Römer: Auch hier kommt's auf Glaubwürdigkeit an. Bei einem Hersteller nachhaltiger Outdoor-Kleidung macht eine ökologische Haltung Sinn. Schreibt sich eine x-beliebige Kaugummi-Marke "For a better world" auf die Fahnen und fängt an, Robbenbabys zu retten, ist das lächerlich. Da empfehle ich als Haltung eher Humor und Selbstironie, wenn überhaupt. Glaubwürdiges Storytelling wirkt auf vielen Ebenen. Es überzeugt Konsumenten wie potenzielle Arbeitnehmer, Employer Branding wird ja immer wichtiger. Übrigens, wir suchen gerade erfahrene Art-Direktoren und CDs. (lacht).

Sind Werber Ihrer Meinung nach zu wenig politisch?

Römer: Wir Werber sollten unsere Ideen grundsätzlich für mehr einsetzen als nur die Erhöhung der Umsätze unserer Kunden. Wir wissen, wie man Kampagnen für Parteien, PETA oder den WWF macht. Aber wir tun uns schwer, mit unserer Kreativität Dinge auf direktem Wege zu verbessern, ohne das Vehikel Kommunikation. Vermutlich, weil wir es zu wenig üben.

Herr Meyer-Heder, was von dem, was Sie als Agenturchef gelernt haben, können Sie für die Politik gebrauchen?

Meyer-Heder: Natürlich kann man ein Unternehmen nicht eins zu eins auf die Politik übertragen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es auch in der Politik und in der Verwaltung auf gute Teamarbeit und Führung ankommt. Menschen zusammenzubringen und zu halten, das ist meine Stärke. Die hohe Armut in Bremen zum Beispiel kann man nur ressortübergreifend lösen. Als IT-Fachmann will ich außerdem die Digitalisierung voranbringen, um Prozesse in der Verwaltung schneller und den Bürgerservice besser zu machen. Damit das erfolgreich wird, geht es am Ende nicht um das beste System, sondern darum, die Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst auf diesem Weg mitzunehmen.

Sie haben sich spät für eine Umschulung zum Programmierer entschieden. Wie kann man heute (mehr) junge Leute für die MINT-Fächer begeistern?

Meyer-Heder: Indem wir Kinder, insbesondere Mädchen, früh ermutigen, sich auszuprobieren. Die Begeisterung für MINT-Fächer entsteht ja meist nicht durch Schulbücher, sondern durch selbsterfahrendes Lernen. Es muss in der Grundschule deshalb nicht gleich ein eigenes Unterrichtsfach für Programmieren sein, aber im Sach- oder Matheunterricht kann man hier schon mit modernen Methoden und Mitteln viel Neugier wecken.

In der Wahlkampagne haben Sie auf Ihre Hippie-Vergangenheit angespielt. Waren Sie wirklich einer?

Meyer-Heder: Ich habe zumindest in einigen Punkten dem entsprochen, was die meisten darunter verstehen. Ich hatte lange Haare, war links und habe zehn Jahre lang in einer 9er-WG gewohnt.

Interview: Markus Weber

Hier der Casefilm zur erfolgreichen Bremer CDU-Kampagne (Agentur: Römer Wildberger):

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