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KI-Konferenz
AI Masters: Wir müssen neue Fragen stellen

Künstliche Intelligenz geht uns alle an. Auf den AI Masters wurden diverse KI-Szenarien diskutiert. Die große Frage dabei: Wie können wir mit KI eine bessere Welt erschaffen?

Text: W&V Redaktion

31. Januar 2019

Das Cafe Moskau gehörte den Themen rund um KI.
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"Daten" war das schmutzigste Wort des Jahres 2018, ruft David "Shingy" Shing, Digitalprophet bei Verizon, einem gebannt lauschenden Publikum auf den AI Masters zu.

Denn nicht nur die Deutschen mit ihrer Datenschutzparanoia fürchten sich inzwischen vor der Datensammelwut von Unternehmen. Angesichts der Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz (KI) machen sich sogar die sonst eher unbedarften Amerikaner Sorgen. Da hilft nur eines, ist sich David sicher: "Vertrauen aufbauen." Und das ist in einer Zeit, in der die Menschen den Glauben an die Politik und die Religion verloren haben, wichtiger denn je.

Wie künstliche Intelligenz Unternehmen zu neuen (idealerweise ethisch korrekten) Produkten bringt, wie sich KI aufs Marketing auswirkt und welche Grenzen Unternehmen respektieren müssen, das wurde ausgiebig auf der KI-Konferenz AI Masters in Berlin diskutiert.

Am Ende des ersten Konferenztages wurde im Anschluss an die Vorträge, die alle höchstes Niveau hatten, erstmals der AI Masters Publicis Award verliehen. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung ging an ein Start-up, das KI besonders vielversprechend einsetzt: epic insights.

Das Jenaer Start-up überzeugte mit seiner Predictive-Analytics-Plattform epicAi; Gründer und Geschäftsführer Michael Mörs nahm den mit 25.000 Euro dotierten Preis entgegen. epicAI prognostiziert auf Basis digitaler Datenströme, zum Beispiel aus Onlineshops, Websites oder mobilen Apps, das Nutzerverhalten anonymer User. Marken können auf diese Weise ihre Kommunikation im Netz personalisieren, ohne die Nutzer tatsächlich kennen zu müssen.

Wie menschlich darf ein Roboter sein?

"Nun weiß niemand, was künstliche Intelligenz eigentlich ist", sagt Ranga Yogeshwar, Physiker, Wissenschaftsjournalist und einer der Top-Speaker. Und genau deshalb haben viele Menschen Angst davor.

Tatsächlich können die Experimente mit künstlicher Intelligenz den Menschen beunruhigen: Google hat 2018 mit Duplex  gezeigt, wie gut KI den Menschen schon nachahmen kann. Oder zumindest die menschliche Stimme und menschliche Dialoge. Ein paar "Hmms" und "Ahs" reichen schon, und eine Friseurin merkt bei einem Testanruf nicht, dass sie mit einer künstlichen Intelligenz spricht.

Und hier stellt sich die Frage: Wie genau darf eine künstliche Intelligenz den Menschen imitieren? Darf sie so menschlich authentisch rüberkommen, dass das Gegenüber nicht merkt, ob er mit Mensch oder Maschine spricht? Ist es ethisch vertretbar, einen Roboter so menschlich zu machen?

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Anderes Beispiel: Bezahlen per Gesichtserkennung. Eine Identifikation ist heute schon möglich. Doch was passiert mit den Daten? Auf Fotografien kann man dank Bildanalyse beispielsweise erkennen, ob ein Mensch ein Alkohol- oder ein Drogenproblem hat oder unter Depressionen leidet. Und schon bei Kindern können wir anhand eines Fotos 200 Krankheiten erkennen. Wer darf solche Daten haben? Und was darf er damit machen, fragt Ranga Yogeshwar.

Ein schwedischer Kamerahersteller wiederum hat damit begonnen, das menschliche Augenzwinkern zu analysieren. Die Häufigkeit des Blinzelns gibt nämlich Auskunft über Emotionen. Wendet  man diese Technik in Büchern an, so erfährt man, ob der Leser voll in Bann gezogen ist von der Geschichte oder ob er schon ausgestiegen ist.

Und so kann man Bücher und Geschichten optimieren und personalisieren. In diesem Fall jedoch wurde das Buch von der Pharmaindustrie entwickelt. Es ist ein Diagnosetool, um Parkinson frühzeitig zu erkennen. KI für einen guten Zweck also. Aber in den Händen der mächtigen Pharmakonzerne.

Was die Analyse der Stimme per KI verrät

Und auch via Stimmerkennung lasse sich Parkinson schon in einem frühen Stadium gut identifizieren, sagt Dagmar Schuller, CEO und Mitgründer von Audeering.

Audeering hat sich der Sprachanalyse per KI verschrieben. Nicht umsonst investieren also Google, Amazon und Microsoft kräftig in den Health-Sektor. Die Versicherungswirtschaft freut sich ebenfalls: Wir sprechen von Behavioural Policy Pricing.

Das bedeutet nichts Schöneres, als dass Lieschen Müller in Zukunft nicht mehr laufen geht, weil es ihr Spaß macht. Nein, sie geht laufen, weil die Versicherung  aufgrund der Stimmanalyse via Alexa festgestellt hat, dass wir aus gesundheitlichen Gründen laufen gehen müssen – sonst steigt die Versicherungsprämie.

Da ist es wieder, das Thema Daten und Vertrauen. Und so recht will es uns nicht schmecken, weil es weder gesellschaftliche Normen noch klare Regeln und Gesetze gibt.

China und KI

Und was machen wir mit all den GPS-Daten, die zu jeder Person gesammelt werden? Im Prinzip lässt sich dadurch die komplette Biografie eines Menschen nachzeichnen. Was lässt sich aus diesen Daten ableiten? Und was würde China beispielsweise aus diesen Daten machen?

Ach ja, China... China will 150 Milliarden Dollar in künstliche Intelligenz investieren. Es ist mal wieder einer dieser berühmten Next-Generation-Pläne von Landesvater Xi Jinping. Dabei bemüht sich China rührend um Start-ups und mittelständische Unternehmen in Europa sowie darum, eigene Studenten in Harvard und an anderen Eliteuniversitäten unterzubringen, weiß Anastasia Lauterbach, die Technologie-Unternehmerin und Expertin für künstliche Intelligenz und Cybersecurity.

Doch damit nicht genug: China hat im Mai 2018 ein Gesetz verabschiedet, dass jeder Schüler ab der sechsten Klasse in der Schule Programmieren lernen muss. Neue chinesische Weisheit: Nur so bleibt China wettbewerbsfähig. Weisheit in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker: Aber der Datenschutz...

Ranga Yogeshwar fordert daher: "Wir müssen sensitiver werden, was die Möglichkeit der Datenauswertung angeht. Was wir brauchen, ist erklärbare KI. Wir müssen neue Fragen stellen, damit wir in einer Gesellschaft enden, die positiver ist als die heutige."

Wie man einen eigenen Chatbot baut mit Frederik Schröder (Knowhere).

Voice-Commerce und KI

Und weil künstliche Intelligenzen, allen voran Miss Alexa, die Welt furchtbar nüchtern interpretieren, wird auch das Marketing in Zukunft anders funktionieren, weiß Speaker Dirk Ploss, Technologiescout bei Beiersdorf.

Beiersdorf, Herrscher über Nivea, Eucerin oder auch Labello, überlegt schon heute, wie sich in einer von Alexa dominierten Welt eigene Produkte gegen die Marke Amazon behaupten können. Wenn Alexa Standardeinkäufe von Pflegeprodukten eines Tages automatisch abwickeln wird, dann muss Beiersdorf um den Marktzugang bangen.

Während bei Rossmann und Dm im Regal Deos und Cremes verschiedener Hersteller friedlich nebeneinander schlummern, gibt es bei Alexa nur Platz 1 und Platz 2. Marketer sind also mehr denn je dazu aufgefordert, in Branding zu investieren. Denn nur wenn der Markenname so fest verankert ist, dass die Kunden sagen: "Bestelle das Produkt der Marke xy", nur dann wird man auch in Zukunft erfolgreich verkaufen können, wenn Voice-Commerce eine tragende Rolle spielt.

Wenn KIs mit KIs kommunizieren

Pointierter formuliert es die Kommunikationswissenschaftlerin  und Speakerin Gabriele Horcher: KIs werden mit KIs kommunizieren.

KIs benötigen untereinander kein Chichi, keine schöne Website, keine psychologischen Effekte, sondern nur Daten, Zahlen, Fakten. Und zwar deutlich detailliertere, als wir sie in unserer Kommunikation von Mensch zu Mensch oder von KI zu Mensch überhaupt verarbeiten können. PIM, Produkt-Informations-Managementsysteme, werden irgendwann Webseiten in ihrer Wichtigkeit in der Kommunikation verdrängen.

Doch KI wirft nicht nur den Status quo über den Haufen. Es wird auch völlig neue Einsatzfelder geben, die viel zu einem lebenswerten Leben beitragen. Pepper, der Roboter mit den Kulleraugen, wird beispielsweise schon heute erfolgreich in einem Pflegeheim in Erlenbach in Oberfranken eingesetzt, erzählt Julia Koch, Geschäftsführerin der Entrance Robotik, eines Unternehmens, das den Roboter Pepper für verschiedene Einsatzgebiete fit macht.

Pepper soll alten Menschen Gesellschaft leisten, und sie freuen sich tatsächlich über den lieblich dreinblickenden Gast. Fast alle wollen ihm über den Kopf streicheln, weil er dann so nett lacht. Pepper schafft es also, Demenzkranke emotional aufzutauen und ins Leben zurückzuholen. Schwerkranke Kinder wiederum lockt Pepper aus ihren Krankenhausbetten. Bei so einem niedlichen Roboter stellen sich Unternehmen und die Gesellschaft natürlich die Frage: Brauchen Roboter einen Persönlichkeitsstatus? Kann ein Roboter die Staatsbürgerschaft bekommen?

Fazit: In Zukunft geht es nicht ohne Regeln

Auf dem Master-Kongress wurde eines ganz klar deutlich: Unternehmen experimentieren mit der neuen Technologie und wollen Erfahrungen sammeln.

Das Bedürfnis, sich zu vernetzen und auszutauschen, war riesig. Es wurden zahlreiche Beispiele demonstriert, die unser Leben heute schon verändert haben oder das in Zukunft sehr bald tun.

Doch noch mehr Fragen wurden aufgeworfen – Fragen, was ethisch vertretbar ist, und Fragen der Grenzen. Unternehmen wollen Regeln, wie wir Menschen mit Robotern umgehen wollen und wofür wir sie einsetzen können.

Die Diskussion ist in vollem Gange.

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