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Interview mit Georg Abel
"Ich halte ein Bio-Plus-Siegel für sinnvoll"

Über 1000 Siegel finden sich auf deutschen Produkten, ein Großteil der Verbraucher hat längst den Überblick verloren. Um das zu ändern, fordert Georg Abel, Chef der Verbraucher-Initiative, verbindliche Standards und Zusammenschlüsse von Siegelsystemen.

Text: W&V Redaktion

1. Februar 2019

Georg Abel (60) ist seit 1994 bei der Verbraucher-Initiative (VI) und nutzt das Portal Label Online selbst gern, vor allem bei größeren Anschaffungen.
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Ein Siegel ist besser als kein Siegel. Zu diesem Ergebnis zumindest kommt eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research. Für Unternehmen ist das also eine klare Handlungsempfehlung.

Wenig erstaunlich also, dass sich immer mehr Siegel auf immer mehr Produkten befinden. Eine Entwicklung, die bedenklich ist. Denn obwohl der Verbraucher in einer Produktwelt, die ständig wächst, eigentlich Orientierung sucht, blickt er aufgrund der steigenden Siegel-Flut kaum noch durch. Georg Abel, Chef des Bundesverbands Verbraucher-Initiative, spricht im Interview über sinnvolle Regelungen, um das Label-Dickicht zu lichten.

Herr Abel, wie viele Siegel gibt es in Deutschland?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Es existieren weit über 1000 eigenständige Zeichen, die teilweise noch einmal in Unterkategorien aufgegliedert sind. Damit landet man dann leicht bei über 2000. Viele davon sind allerdings keine Siegel mit allumfassendem Anspruch, sondern nur für bestimmte Produktgruppen gedacht.

Wie wichtig sind denn die Produktsiegel für den Verbraucher?

Verbraucher brauchen grundsätzlich mehr Orientierung in der zunehmenden Produktwelt. Label werden hier immer wichtiger. Siegel bieten dem Verbraucher einen kurzen, prägnanten, manchmal vielleicht auch nur gefühlten Rat. Viele Verbraucher stehen unter hohem Zeitdruck und haben nicht die Zeit, sich mit der Masse an Produkten intensiv auseinanderzusetzen. Genauso wichtig sind die Siegel im Übrigen aber auch als Orientierung für die Verkäufer.

Verbraucher finden Siegel wichtig, aber die Flut an Produkt-Siegeln ist immer verwirrender.

Und wie wichtig sind die Siegel für die Unternehmen?

Für die Unternehmen sind Siegel sehr wichtig. Es geht um Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Abgrenzung gerade gegenüber nicht gesiegelten Produkten.

Wissen Kunden, welche Aussagen sich hinter den Siegeln verbergen?

Nein, die meisten sind da sicherlich verunsichert. Die große Kunst besteht deshalb darin, den Siegeln Bekanntheit zu verschaffen. Eine Kommunikation über verschiedene Kanäle und ein Grundrauschen zu den Labelinhalten sind dabei das A und O.

Welche Rolle spielt denn das Label Verbraucher-Initiative selbst?

Als Bundesverband stellen wir mit label-online.de Europas umfangreichstes Angebot rund um Label zur Verfügung. Wir beschreiben und bewerten dort rund 800 Zeichen in 16 Produktkategorien und bieten zusätzlich eine kostenlose App. Außerdem sind wir ein glaubwürdiger und wertvoller Bündnispartner und Berater.

Welche Siegel sind für den Verbraucher darüber hinaus besonders relevant?

Es kommt natürlich auf den jeweiligen Lebensstil des Verbrauchers an. Für unterschiedliche Lebensstile, wie zum Beispiel einen vegetarischen, sind eben vor allem diese Siegel relevant. Die bekanntesten und auch relevantesten sind der Blaue Engel mit seinen Unterkategorien, das Fairtrade-Zeichen und das Bio-Siegel. Gerade bei Lebensmitteln legen die Verbraucher großen Wert auf diese Siegel, zusätzlich sind die verschiedenen Zeichen für Haltungskennzeichnung, regionale sowie ökologische Produkte interessant.

Tatsächlich? Viele Siegel werden ja von privaten Initiativen entwickelt oder von den Unternehmen selbst. Unterliegen die bestimmten Vorgaben?

Gesetzliche Vorgaben gibt es keine. Viele Siegel setzen auf einen höheren Mindeststandard als die gesetzlichen Vorgaben. So erfüllen die Ökoanbauverbände höhere Standards als das staatliche Bio-Siegel. Auch Unternehmen mit ihren eigenen Siegelstandards bieten zum Beispiel im Rahmen von Kooperationen mit Nichtregierungsorganisationen anspruchsvolle Siegel an.

Aber ist ein bekanntes Siegel denn zugleich ein qualitätsvolles?

Es gibt zunächst einmal Unterschiede zwischen der umfragebelegten Bekanntheit und der tatsächlichen Berücksichtigung im Einkaufsverhalten durch Verbraucher. Und natürlich darf sich ein Siegel nicht auf seiner Bekanntheit oder einer hohen Marktrelevanz ausruhen. Siegel müssen sich weiterentwickeln.

Nehmen wir das MSC-Siegel: Es hat eine hohe Markenbekanntheit, aber es ist stehengeblieben. Die sozialen Bedingungen auf den Fangschiffen werden bis heute nicht berücksichtigt.

Was sollte sich also ändern?

Die Forderung an die Siegel wäre: Label müssen sich weiterentwickeln. Die staatlichen Siegel, wie der geplante grüne Knopf und das Tierwohlzeichen, müssen hohe und verbindliche Standards zugrunde legen. Eine weitere Möglichkeit, den Labeldschungel zu lichten, wäre der Zusammenschluss von Siegelsystemen wie bei Rainforest Alliance und UTZ im letzten Jahr.

Es scheint aber eher Gegenteiliges zu passieren. Wenn man den Supermarkt betritt, trägt fast jedes Bioprodukt ein unterschiedliches Siegel.
Zusammenschlüsse passieren tatsächlich eher selten. Biosiegel wie Naturland oder Demeter verspüren schlicht den Drang nicht, einfach weil der Biomarkt immer weiter wächst. Supermärkte bieten Bio-Eigenmarken an, Kooperationen der Anbauverbände mit dem Handel sind längst Realität, Drogeriemärkte setzen auf Bio-Kosmetika und so weiter. Viele Supermärkte führen zudem eigene, gut funktionierende Systeme ein, wie zum Beispiel die Rewe-Group mit dem Pro-Planet-Label, bei dem ein unabhängiger Beirat in allen Prozessschritten fachlich unterstützt. Für Verbraucher allerdings ist das oft verwirrend.

Siegel sind oft verwirrend für Verbraucher.

Haben Sie eine Lösung?

Im Biomarkt halte ich ein gemeinsames "Bio-Plus-Siegel" für sinnvoll. Die vereinigten Anbauverbände mit ihren besonders hohen Angebot könnten eine noch größere Wirkung am Markt entfalten. Überfällig ist auch eine gemeinsame Haltungskennzeichnung des Handels; der Verbraucher hat keine Lust und keine Zeit, sich bei jedem Lebensmittelhändler mit deren Qualitätsstufen zu beschäftigen.

Die Kriterien für qualitätsvolle Siegel (entwickelt von der Verbraucher-Initiative und RAL)

  • Zuverlässigkeit durch die regelmäßige Kontrolle der Einhaltung von Vergabekriterien.
  • Aktualität durch die kontinuierliche Anpassung der Vergabekriterien an technische und Marktentwicklungen.
  • Objektivität durch Einbeziehung vielfältiger gesellschaftlicher Gruppen bei der Entwicklung der Kriterien, um dominierende Einflüsse einzelner Unternehmen oder Organisationen zu verhindern.
  • Transparenz, damit Verbraucher sich darüber informieren können, wofür eine Kennzeichnung steht.
  • Neutralität der Vergabestelle, damit sie keinen Einzelinteressen und Einflüssen unterworfen ist.
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